"Digitale Kompetenzen müssen gelebt werden"

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Fr, 15. März 2019

Freiburg

BZ-INTERVIEW mit Lena-Sophie Müller von der Berliner Initiative D 21 über die Herausforderungen der Digitalisierung und wie eine Stadt diese angehen kann.

FREIBURG. Die Digitalisierung krempelt viele unserer Lebensbereiche um, und das im Eiltempo. Ein Prozess, den eine Gesellschaft aktiv mitgestalten sollte, findet Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Berliner Initiative D 21. Müller wird am Barcamp Lernräume (siehe Infobox) teilnehmen, das am 23. März an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg zum zweiten Mal stattfinden wird. Stephanie Streif wollte von Müller wissen, was genau eine Stadt unternehmen kann, um sich den Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen.

BZ: Die Digitalisierung schreitet voran, wird immer komplexer. Kommen die Menschen da überhaupt noch hinterher?
Müller: Grob lässt sich unsere Gesellschaft in drei Gruppen unterteilen: In die digitalen Vorreiter, die digital Mithaltenden und die digital Abseitsstehenden. Zur letzten Gruppe gehören vor allem ältere, aber auch weniger gebildete Menschen. In Sachen Digitalisierung, das hat unser aktueller D 21-Digital-Index ergeben, bewegen sich die Deutschen im Mittelfeld. Im Gesamten halten die Menschen hier also gut mit.

BZ: Und wo hakt es noch?
Müller:
Rund ein Fünftel hat keinen oder kaum einen digitalen Zugang. Diese Menschen sind von gesellschaftlicher Teilhabe abgeschnitten, sie leben auf einer analogen Eisscholle, die stetig kleiner wird. Kleiner deshalb, weil immer mehr Angebote nur noch digital verfügbar sind. Spannend ist, dass es im vergangenen Jahr aus dieser Gruppe heraus eine Verschiebung gab. Vor allem ältere Menschen holen auf. Das sind dann zum Beispiel die, die von ihren Kindern ein Tablet geschenkt bekommen und feststellen, dass es gar nicht so schwer ist, auf dem Gerät Zeitung zu lesen, Solitär zu spielen oder mit den Enkeln zu kommunizieren.
BZ: Das Digitale revolutioniert die Welt. Kann eine Stadt wie Freiburg samt seiner Bürger und Bildungsakteure so einen Prozess überhaupt mitgestalten?
Müller: Eine Stadt kann da ganz viel machen. Zunächst gilt es natürlich, Freiburgs Potenzial auszumachen, um Herausforderungen und Bürgerbedürfnisse zu erfassen. Unabhängig davon sollte es auch das politische Ziel einer Stadt sein, ausnahmslos alle Bürgerinnen und Bürger an der digitalen Welt teilhaben zu lassen. Wer initiativ wird, ist egal. Das können Politiker sein, aber auch Initiativen. Erreichen lässt sich das, indem man Bürgern einen konkreten Nutzen digitaler Anwendungen aufzeigt. Digitale Lernräume kann es in einer Stadt viele geben. Freiburg, so vermute ich aus der Ferne, hat einen hohen Digitalisierungsgrad. Dicht besiedelte Gebiete zeichnet das häufig aus. Hinzu kommt, dass Freiburg eine Uni und wenig Industrie hat, auch das sind Treiber des Digitalisierungsgrads der Menschen in der Region.

BZ: Gibt es denn Beispiele aus der Praxis, wie Städte die Digitalisierung auf kommunaler Ebene begleiten?
Müller:
Ja, viele. In Berlin gibt es zum Beispiel den Seniorencomputerclub. Das ist ein Club von Senioren und für Senioren. Dort können sie lernen, wie man im Internet recherchiert oder wie man ein digitales Fotobuch gestalten kann. Solche Angebote stoßen auf großes Interesse. Oder im Saarland gibt es das Projekt Kaffee-Kuchen-Tablet, das viel in Seniorenheimen angeboten wird. Älteren Menschen soll bei Kaffee und Kuchen – einem Konzept, das sie ja gut kennen – auch das Digitale nähergebracht werden. Zum Beispiel, indem man sich über Google Earth an die Lieblingsorte der Bewohner klickt – wie das Hotel, in dem sie vor Jahrzehnten in Flitterwochen waren. Oder es wird ihnen gezeigt, wie sie mit ihren Enkeln skypen können. Das macht den meisten schnell Lust auf mehr.

BZ: Und die Jungen?
Müller: Für die gilt das auch. Es geht darum, Berührungspunkte zu schaffen, um den Wandel, über den wir immer reden, auch greifbar zu machen. Da kann es natürlich auch Angebote für junge Menschen geben. In Brandenburg hat ein Verein ein altes Bahnhofsgebäude zu einem "Versteh-Bahnhof" umgebaut, um die Neugierde junger Menschen an Computern und dem, was man damit gestalten kann, zu wecken. Das können zum Beispiel ein 3D-Drucker und kleine Roboter sein. Dort konnten Lehrer mit ihren Schülern vorbei schauen, um die Infrastruktur zu nutzen oder auch nur um Impulse für den Unterricht zu bekommen. Das Zentrum steht natürlich auch allen anderen Bürgern offen.
BZ: Was kann das Barcamp Lernräume in Freiburg leisten?
Müller:
Digitale Kompetenzen müssen vor Ort vermittelt werden. Mehr noch, sie müssen täglich gelebt und erweitert werden. Es braucht daher das Netzwerk vor Ort. Das Format eines Barcamps eignet sich, um auf die spezifischen Fragestellungen in Freiburg einzugehen, die Bedürfnisse und Gedanken der Menschen in der Region aufzugreifen. Gleichgesinnte und Interessierte aus allen Generationen können sich austauschen und gemeinsame Ideen entwickeln. Das hat einen anregenden Charakter.

Lena-Sophie Müller, 35 Jahre, ist studier- te Politologin. Seit 2014 ist sie Geschäftsführerin der Berliner Initiative D 21 und seit 2018 Mitglied der Enquete-Kommission Künstliche Intelligenz des Deutschen Bundestages.