Veröffentlichung

Ein Buch beschreibt, was Freiburg mit dem Kolonialismus zu tun hatte

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mo, 28. Januar 2019 um 07:54 Uhr

Freiburg

Museen, Uni, Kirche: Am Freitag wurde die Studie "Freiburg und der Kolonialismus, vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus" im Historischen Ratssaal vorgestellt.

Von den Diskussionen über die Rückgabe geraubter Kulturgüter bis zu den präsenten globalen Macht- und Handelsstrukturen: Der Kolonialismus wirkt weiter. Das betont Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach in seiner Einführung. Das nun erschienene Buch beschreibt, wie stark das Arbeitermilieu, das katholische Milieu und besonders das bürgerlich-nationale Milieu in Freiburg von kolonialen Denkmustern der eigenen Überlegenheit geprägt waren: zum Beispiel, wenn Freiburger Missionsvereine wie der "Kindheit-Jesu-Verein" dazu aufriefen, afrikanische "Heidenkinder" loszukaufen.

Elite Freiburgs versammelte sich in Kolonialvereinen

Für 21 Mark konnten die Spender bestimmen, wie "ihr" Kind heißen sollte, ohne dass es jemals zu einem Kontakt kam. Die Spender erhielten "fromme Bilder" und die Hoffnung, dass ihnen oder denen, für die sie beteten, Sünden vergeben wurden. Besonders stark verankert waren kolonialistische Ideen im bürgerlich-nationalen Milieu, unter anderem in den Kolonialvereinen, in denen sich die gesamte Elite Freiburgs – vom Präsident der Handelskammer über die Professoren bis zu den Offizieren – versammelte.

Von der Stadtverwaltung gab’s viel Unterstützung, die 1935 bei der Reichskolonialtagung mit mehr als 1800 Teilnehmern besonders sichtbar wurde. Die gleichzeitig eröffnete Kolonialausstellung besuchten 22.000 bis 25.000 Menschen, obwohl Freiburg damals nur rund 100.000 Einwohner hatte. Auch das städtische Museum für Natur- und Völkerkunde hatte in manchen Jahren mehr Gäste als alle anderen Museen zusammen. Viele Ausstellungsstücke stammten von Militärs im Kolonialdienst oder Professoren, die "Mitbringsel" von ihren Einsätzen oder Forschungsreisen weitergaben.

Ende 2021 soll es eine Sonderausstellung geben

Doch wie kolonialistisch war Freiburg im Vergleich zu anderen Städten? Darauf gibt es derzeit immer noch keine Antwort. Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach betont, dass Freiburg zu den ersten Städten gehöre, die sich mit ihrer kolonialen Geschichte beschäftigen. Die Stadtverwaltung hatte Bernd-Stefan Grewe, Leiter des Instituts für Geschichtsdidaktik und Public History an der Uni Tübingen, mit der Studie beauftragt, als er noch Professor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg war.

An die Arbeit gemacht hat er sich Mitte 2015 gemeinsam mit seinem heutigen wissenschaftlichen Mitarbeiter Johannes Theisen, Markus Himmelsbach, der inzwischen wissenschaftlicher Mitarbeiter am Linden-Museum ist, und Heiko Wegmann, der unter anderem Geschäftsführer des "Informationszentrums 3. Welt" war. Die vier Autoren trugen 18 Monate lang Material zusammen, das sie teils lang davor erarbeitet hatten. Zu diesen Vorarbeiten gehörten neben Heiko Wegmanns online veröffentlichen Forschungen mehrere Doktorarbeiten.

36.000 Euro für die Studie

Wie mühsam der Weg aus der Nische war, zeigen die langen Zeiträume, in denen es in kleinen Schritten voranging: Die Entscheidung für die Studie war im April 2013 in einer Debatte im Kulturausschuss gefallen, in der die städtische Vorlage kritisiert wurde. Sie war davon ausgegangen, in Freiburg habe es keine besondere Verstrickung in den Kolonialismus gegeben.

Mitte 2015 wurden 36.000 Euro für die Studie bereitgestellt, fertig war sie Ende 2016, im Kulturausschuss besprochen wurde sie Mitte 2018. Nun ist das Buch erschienen, als nächste Etappe soll Ende 2021 eine Sonderausstellung im Augustinermuseum folgen. Zur Vorbereitung steht bereits für 2019 für einen externen Kurator eine halbe Stelle bereit.
"Freiburg und der Kolonialismus"

(187 Seiten), Band 42 des Stadtarchivs, Kosten: 24,50 Euro.