Uniklinik Freiburg

Fachtagung und Patientenforum in Freiburg: "Schmerz ist ein Eingriff in das ganze Leben"

Sina Schuler

Von Sina Schuler

Do, 14. November 2019 um 15:38 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Jeder fünfte Europäer leidet an chronischen Schmerzen. Das Schmerzzentrum der Uniklinik veranstaltet ein Schmerztherapeutentreffen fürs Fachpublikum – und ein Patientenforum.

Kristin Kieselbach (53) ist Ärztliche Leiterin des Interdisziplinären Schmerzzentrums sowie Fachvorsitzende im Landesbeirat Schmerzversorgung Baden-Württemberg.

BZ: Die multimodale Schmerztherapie umfasst medizinische, physiotherapeutische und psychotherapeutische Maßnahmen. Warum muss die Behandlung von Schmerzpatienten so umfangreich sein?
Kieselbach: Chronische Schmerzen entwickeln sich manchmal aus einem körperlichen Problem, manchmal aber auch aus vielen anderen Ursachen. Zum körperlichen Schmerz kommen sehr häufig psychologische Belastungen wie Depressivität und Ängste hinzu, ebenso spielen biografische und soziale Probleme eine Rolle. Der Schmerz ist ein Eingriff in das ganze Leben, im Beruf, in der Familie und im Bekanntenkreis. Eine Behandlung, die rein auf der Körperlichkeit basiert, greift viel zu kurz. Patient und Arzt bemühen sich häufig viel zu lange, das Ganze auf dieser Ebene zu diagnostizieren und therapieren. Es ist nicht wie bei einem kaputten Auto, das man in die Werkstatt bringt, eine Schraube nachzieht, ein bisschen Öl nachgießt, und dann läuft es wieder.

"Mittlerweile ist Selbsthilfe auch in der Schmerztherapie zu einem so wichtigen Element geworden und kann Teil einer multimodalen Behandlung sein."

BZ: Dafür wollen Sie ja auch am Wochenende sensibilisieren, zuerst im wissenschaftlichen Rahmen mit Fachpublikum, danach ist auch ein Patientenforum geplant.
Kieselbach: Zum wissenschaftlichen Programm haben wir Fachpublikum mit Interesse am Thema Schmerz eingeladen, unter anderem Haus- und Fachärzte sowie Krankengymnasten, Pflegekräfte und Psychotherapeuten. Sie alle betrifft das Thema. Die Patientenveranstaltung schließt sich am Samstag an, bei dem unter anderem zwei Selbsthilfegruppen – der Verein "SchmerzLOS" sowie die Clusterkopfschmerz-Selbsthilfe-Gruppe – Vorträge halten. Dieser Teil der Veranstaltung richtet sich nicht nur an Patienten, sondern auch an Angehörige und alle anderen Interessierten.

BZ: Das Thema einer Selbsthilfegruppe lautet "Wir sind mehr als ein Stuhlkreis". Das klingt so, als würde der Besuch einer Selbsthilfegruppe gesellschaftlich belächelt.
Kieselbach: Ja, diesen Eindruck muss man leider häufig noch haben. Das wird dem Thema überhaupt nicht gerecht. Mittlerweile ist Selbsthilfe auch in der Schmerztherapie zu einem so wichtigen Element geworden und kann Teil einer multimodalen Behandlung sein. Wer weiß denn besser über Schmerz Bescheid als ein Schmerzpatient selbst? Wenn dieser dann selbst zum Experten seiner Krankheit wird, ist das optimal.
Das Schmerztherapeuten-Treffen für Fachpublikum findet statt am Freitag, 15. November 2019, 14.30 bis 19 Uhr sowie Samstag, 16. November 2019, 9 bis 13 Uhr. Um 14 Uhr beginnt das Patientenforum: Im Raum E079/1 in der Klinik für Tumorbiologie geht es um die Themen "Wir sind mehr als ein Stuhlkreis" und "Multimodale Schmerztherapie". Ebenfalls um 14 Uhr findet der Clusterkopfschmerz-Tag im Raum E079 statt. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten unter 0761/270-50200 oder -93490.

Mehr Infos: Interdisziplinäres Schmerzzentrum: Veranstaltungen