Erstaunliches Schweigen

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 14. April 2019

Freiburg

Der Sonntag NS-Forschung: Der Waldkircher Historiker Wette über die Heldentat Freddy Mayers.

Der gebürtige Freiburger Freddy Mayer war im Frühjahr 1945 an zentraler Stelle verantwortlich dafür, dass Innsbruck nicht zerstört wurde. Ein österreichischer Historiker hat nun neue Erkenntnisse dazu auf einem Kongress in Innsbruck vorgestellt. Der Waldkircher Historiker Wolfram Wette, der den Schlussvortrag hielt, über eine fast unterschlagene Heldentat.

Der Sonntag: Herr Wette, über die Geschichte von Freddy Mayer, dem jüdischen Agenten in amerikanischer Uniform, der Innsbruck vor der Zerstörung bewahrte, ist viel geschrieben worden. Und es gibt auch Dokumentationsfilme darüber. Was haben Sie beim Kongress Neues erfahren?

Anlass des internationalen Kongresses mit Teilnehmern aus sechs oder sieben Ländern Europas war das Buch Peter Pirkers mit dem Titel: "Codename Brooklyn. Jüdische Agenten im Feindesland. Die Operation Greenup 1945". Der Historiker Pirker hat sein Buch zum Anlass genommen, die Spezialisten zu diesem Thema zusammenzubringen. Es geht um eine ausnahmsweise schöne Geschichte aus der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs.
Der Sonntag: Neu ist Pirkers Erkenntnis über den großen Unterstützerkreis der drei eingeschleusten Agenten in Österreich. Dass es da keine Denunziation gegeben hat, ist bemerkenswert.

Das ist völlig richtig. Da hat Pirker eine enorme Forschungsleistung erbracht, indem er die Lebensläufe von Bürgern aus diesem Dorf bei Innsbruck erforscht hat. Drei, vier Dutzende Menschen waren demnach in den Widerstand eingebunden. Das ist höchst erstaunlich. Es handelt sich um ein katholisch-konservativ geprägtes Dorf, das nicht sehr stark vom Nazismus infiltriert war. Man kann sogar von einer Resistenz gegen Nazis sprechen. So konnte es Freddy Mayer mit Hilfe eines österreichischen Wehrmacht-Deserteurs Franz Weber, der aus diesem Dorf stammte, gelingen, die Unterstützung vieler Frauen und auch einiger Männer zu gewinnen. Sie haben die Anwesenheit dreier amerikanischer Spione im Dorf über Wochen gedeckt. Womit sie ein großes Risiko eingingen. Wären sie erwischt worden, hätte ihnen die Todesstrafe gedroht.

Der Sonntag: Warum flog das nicht auf?

Pirker hat herausgefunden, dass neben der politischen Grundeinstellung entscheidend war, dass in dem Dorf die Familien untereinander verbandelt waren. Wenn einer gepfiffen hätte, wären die anderen in Mitleidenschaft gezogen worden. Pirker überschrieb das Kapitel mit: "Ein ganzes Dorf hält dicht."
Der Sonntag: Berichte über deutsche Juden, die in US-Uniform nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten, hört man immer wieder. Hatte ihre Rolle großes Gewicht?

Ja. Dazu muss man wissen, dass von den vielen Juden, die in die USA emigriert sind, sich viele der jungen Männer zum Militär gemeldet haben. Sie wollten sich damit bei den USA, dem Land, das sie nach der Flucht aus Deutschland aufgenommen hatte, bedanken und die Nazis bekämpfen. Im Camp Ritchie in Maryland wurden mehrere tausend geflohene Juden für Spezialaufgaben ausgebildet.
Der Sonntag: Sie sagen, dass die Heldentat in Österreich bislang nur in Fachkreisen bekannt war. Warum war das so?

Österreichische Historikerkollegen sagen, dass in ihrem Land die Aufarbeitung der Geschichte der Deserteure noch schwerer war als in Deutschland. Dafür gibt es zwei Erklärungen. Österreich stellte sich lange als das erste von Hitlerdeutschland überfallene Land dar. Mit der Wahrheit hat das nur wenig zu tun. Das andere ist, dass der österreichische Widerstand maßgeblich zur Befreiung von den Nazis beigetragen haben will. Auch das ist eine ziemlich kühne Behauptung. In Innsbruck etwa haben Leute, die zuvor kaum in Erscheinung getreten waren, beim Einmarsch der US-Division erklärt, dass sie Widerstandskämpfer seien. Später haben sie für sich reklamiert, Innsbruck vor der Zerstörung bewahrt zu haben – sie haben also die entscheidende Rolle der Operation Greenup für sich reklamiert. So ist untergegangen, was das amerikanische Spionage-Trio für eine riesige Leistung vollbracht hat. Auch das schildert Pirker sehr detailliert und spannend.
Der Sonntag: Das Buch Pirkers hat jetzt in Österreich für eine vergleichsweise große Aufmerksamkeit gesorgt. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Der zeitliche Abstand ermöglicht eine Historisierung der Nazizeit. Die Akteure von damals gibt es nicht mehr. Pirker hat die Archive weltweit aufgesucht und hat die Geschichte im Detail rekonstruiert. Er veranschaulicht das wie kein anderes Buch zuvor. Man nimmt Pirker in Österreich ab, dass er der historischen Wahrheit näher gekommen ist als die Publikationen davor.
Der Sonntag: Sie haben 2006 Freddy Mayer persönlich bei seinem Besuch in Freiburg kennengelernt. Was war er für ein Mensch?

Ich habe damals im Freiburger Carl-Schurz-Haus ein Zeitzeugengespräch mit Fred Mayer und seinem Freund Gerald Schwab moderiert, die ja beide in Freiburg geboren und aufgewachsen sind. Da saßen zwei alte Männer vor mir. Ich konnte mir nicht so einfach vorstellen, wie die als 23-Jährige agiert haben. Aber ich habe schon gemerkt, dass Mayer ein schnell begreifender, intelligenter und zupackender Mensch gewesen sein muss. Er hatte an sich den Anspruch, mehr Aufgaben zu lösen, als ihm aufgetragen wurden. Bei Innsbruck sollte er 1945 die Nachschub-Verkehrsströme für die Wehrmacht über den Brenner ausspionieren. Mayer wollte mehr. Er wollte nicht weniger als die Kapitulation der Deutschen in Innsbruck. Und das als Unteroffizier. Nach tagelanger Folter durch die Gestapo hielten es die Deutschen nicht für möglich, dass er Jude ist, weil er so stark und standhaft war. Die hatten von Juden das Bild des Drückebergers. So schlussfolgerten sie, dass Mayer ein höherer Geheimdienstoffizier sein müsse.

Der Sonntag: Das hat ihm eine Einladung zu Gauleiter Franz Hofer in Innsbruck verschafft.

Ja, im Gespräch mit Hofer hat der kleine Sergeant dann gesagt: Wenn Sie kapitulieren, sichere ich Ihnen zu, dass Sie den Status eines Kriegsgefangenen bekommen. So erfolgte die Kapitulation. Fred Mayer fuhr mit einem deutschen Auto mit weißer Fahne den Amerikanern entgegen und meldete, dass die Nazis in Innsbruck bereit zur Kapitulation seien. Die Stadt musste also nicht mehr beschossen und zerstört werden. Was das bedeutete, wurde mir bewusst, als ich während der Tagung durch das schöne alte Innsbruck gegangen bin.

Das Gespräch führteKlaus Riexinger