Sitzstreik

Zum Internationalen Frauentag gingen in Freiburg tausende Frauen auf die Straße

Thomas Kunz  und Theresa Metternich

Von Thomas Kunz (Fotos) und Theresa Metternich (Text)

Sa, 09. März 2019 um 17:00 Uhr

Freiburg

Seit 1911 gibt es den Internationalen Frauentag. In Freiburg setzten sich am Freitag für fünf Minuten tausende Frauen vor ihren Arbeitsplatz und das Rathaus, um ein Zeichen für mehr Emanzipation zu setzen.

Bunt, laut, lustig und vielfältig waren die Aktionen, die zum gestrigen Internationalen Frauentag in Freiburg liefen. Es begann mit Infoständen auf dem Rathausplatz und ging weiter mit einem Sitzstreik zur Mittagszeit, mit einer großen Demo durch die Innenstadt, und mit dem offiziellen städtischen Empfang im Historischen Kaufhaus.

Ein Sitzstreik mit Folgen

"Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still!" Unter diesem Motto rufen die bundesweit agierenden Organisatorinnen am Freitag auch die Freiburger Frauen zum Streik auf. Die zentrale Aktion dabei: Um 11.55 Uhr platzieren sich alle teilnehmenden Frauen mit einem Stuhl vor ihrem Arbeitsplatz, auf der Straße oder auf dem Rathausplatz. Ein Signal: Wir werden wahrgenommen. Mit dabei sind rund 15 Frauen, die an der Ecke Belfort- und Wilhelmstraße allerdings nicht für Stille, sondern für lautes Hupen sorgen. Sie setzen sich kurzerhand mit ihren Stühlen und Plakaten auf die Kreuzung.

Die Fahrer der Autos, die heran- und drumrumfahren, reagieren meist aufgebracht: "Das ist geschäftsschädigend und gibt eine Anzeige!", ruft der Fahrer eines Partyservices und quetscht sich und den Lastwagen mit Millimeterabstand an den Frauen vorbei. Vera Schulte-Werning, Mitarbeiterin von Frauenhorizonte und eine der streikenden Frauen, nimmt’s cool: "Man hat gemerkt, es gibt wenig Verständnis, und die Leute hatten es nicht auf dem Schirm. Aber da ist es umso wichtiger, sowas zu machen." Die Mitarbeiterinnen aus dem Frauen- und Mädchen-Beratungszentrum Basler 8 wollen ein Zeichen setzen für die Gleichberechtigung der Geschlechter und gegen Gewalt an Frauen.

Rosen für Frauen

Mit einer Rose werden Mitarbeiterinnen, Kundinnen und Kolleginnen der Badischen Zeitung am Internationalen Frauentag begrüßt – und nicht nur dort. Wie jedes Jahr organisiert der Inner Wheel Club Freiburg ehrenamtlich für Firmen fair gehandelte Edelrosen. Die Firmen bezahlen die Rosen und spenden einen zweiten Euro pro Rose für ein soziales Projekt, das der Inner Wheel Club aussucht. In diesem Jahr ist dies der Förderverein "Frauen in Not". Das alles nach dem Motto: "Danke sagen und Gutes tun".

Infos auf dem Rathausplatz

Die Vertreterinnen der Parteien und Organisationen, die ihre Stände auf dem Rathausplatz aufgeschlagen haben, sind sich einig: Es läuft richtig gut. "Die Stimmung ist sehr beflügelnd", erzählt Vanessa Garboni von den Grünen. Auch andere sind überrascht, dass so viele Menschen gekommen sind, mehr als in den vergangenen Jahren. Die Stände sind vielfältig: Am Stand von Pro Familia geben die Besucherinnen Verhütungsmitteln und weiblichen Geschlechtsorganen kreative Namen, die Amnesty International Hochschulgruppe sammelt Unterschriften für eine Frau in El Salvador, die wegen angeblicher Abtreibung zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde.

An den Ständen der Parteien bringen sich Stadträtinnen und Anwärterinnen in Position und diskutieren über die Sichtbarkeit von Frauen in Parlamenten und über die Wertschätzung von Erziehungs- und Pflegearbeit. In diesem Jahr sehe sie auch viele junge Frauen auf dem Rathausplatz, die sonst nur zu der Demonstration auf dem Platz der Alten Synagoge gekommen seien, berichtet Gabriele Winkler von der "Care Revolution"-Gruppe. Diese Spaltung zwischen den Generationen sei in diesem Jahr, vermutlich auch durch den Sitzstreik, überwunden.

Städtischer Empfang

Auch im Historischen Kaufhaus ist es rappelvoll, als die Stadt Freiburg offiziell zum städtischen Empfang bittet – eine Tradition, mit der ein Zeichen für Frauenrechte gesetzt wird. In der kommenden Aktionswoche wird es weitergehen mit einem großen Veranstaltungsprogramm.

Kampf dem Patriarchat

Am Platz der Alten Synagoge demonstrieren zeitgleich mehr als tausend vorwiegend junge Menschen gegen Ungleichheit und Diskriminierung. Zu der Demo haben sieben Freiburger Gruppen im Bündnis "8. März Freiburg" aufgerufen. Der Platz ist gut gefüllt, es wimmelt von Plakaten und Transparenten mit Forderungen wie "Nein heißt Nein" und "Mein Körper, meine Entscheidung". Hanna, 26, ist mit dem Schild "Frauenrechte sind Menschenrechte" gekommen und findet, dass "man als Frau strukturell eine unterlegene Rolle hat". Die Sprecherinnen der Kundgebung fordern "Kampf gegen das Patriarchat". Der Demonstrationszug setzt sich in Bewegung, zieht durch die Innenstadt und endet am Holzmarkt: "Gewalt an Frauen hat System – von jetzt an werden wir unbequem!"