Für den kleinen Lesehunger

Ulrich Senf

Von Ulrich Senf

Sa, 24. August 2019

Weil am Rhein

Die von Axel Kraft initiierte Bücherkiste in einer ehemaligen Telefonzelle kommt bestens an.

WEIL AM RHEIN-HALTINGEN. Klassiker wie der "Simplizissimus" von Grimmelshausen oder Remarque, Atlanten, aber auch Kinderbücher, Sachliteratur oder Romane – die Bücherkiste in Haltingen am Ende der Dammstraße hält alles bereit, was hilft, den kleinen und großen Lesehunger zu stillen. Und sie erfreut sich großer Beliebtheit. "Wir müssen fast täglich die Regale nachfüllen", erzählt Axel Kraft, der die Bücherkiste initiiert hat und seither in der alten Telefonzelle nach dem Rechten sieht.

Dabei stand die Bücherkiste vor wenigen Wochen fast vor dem Aus: Unbekannte hatten in der Telefonzelle Feuer gelegt, so dass sie mitsamt der Bücher ausbrannte. "Das war schon ein trauriger Anblick", so Kraft, der aber bald den Entschluss fasste, für Ersatz zu sorgen. "Wir machen weiter", war wenige Tage nach dem Brand schon auf einem Zettel an der zerstörten Telefonzelle zu lesen. Die Bücher hatte Kraft vorübergehend in den Eingangsbereich seines Computergeschäftes verlegt – schließlich war längst klar: Die Haltinger Bücherkiste hat viele Freunde.

Da gibt es die Stammkundschaft. Allen voran Pendler, die täglich mit dem Zug unterwegs sind und sich morgens rasch noch mit Literatur für die Fahrt eindecken. "Manche von ihnen bringen das Buch ausgelesen am Abend oder ein paar Tage später wieder zurück", weiß Kraft – schließlich sind über die Jahre regelrechte Buchbekanntschaften entstanden. Andere tauschen Bücher, stellen Ausgelesenes aus dem eigenen Bestand hinein und nehmen dafür anderes mit. Aber viele Bücher gehen einfach auf Reise – auf nimmer Wiedersehen.

Damit sich die Regale nicht leeren, muss Kraft immer wieder "nachlegen". "Anfangs waren das vor allem eigene Bücher", erinnert er sich. Zum Glück hat er aber einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und nicht zuletzt gebe es ja auch die Mitstreiter aus dem Motorsportclub, bei dem Kraft seit vielen Jahren aktiv ist und unter dessen Regie das Projekt offiziell läuft. Immer wieder wird er mit neuer Literatur versorgt – der Nachschub geht da nicht so schnell aus.

Speziell nach dem Brand im Juni und nachdem er entschieden hatte weiterzumachen, waren kistenweise Bücher angeliefert worden, freut sich Kraft. Bis die dann aber wieder eingeräumt werden konnten, bauchte es Ersatz für die zerstörte Telefonzelle. Den fand Kraft nach einiger Recherche bei einem Entsorgungsunternehmen. Da er bereit war, die Zelle selbst abzubauen, kam das Ganze auch nicht allzu teuer. Und auch die Freunde vom Motorsportclub packten wieder einmal mit an. Als es darum ging, die Zelle nach Haltingen zu transportieren und aufzustellen, waren sofort Helfer mit entsprechenden Transportern zur Stelle. Seither erfreut sich die Bücherkiste wieder größter Beliebtheit.

"Ich habe das in anderen Städten gesehen und einfach gefunden, dass das eine tolle Idee ist", schildert Kraft, wie es zu der Bücherkiste kam. Als dann zufällig die längst stillgelegte Telefonzelle vor seinem Computerladen abgebaut wurde, war es für den findigen Geschäftsmann kein großer Sprung, die Lücke im Ortsbild wieder zu schließen.

Wie viele tausend Bücher seither zu Lesern gefunden haben, das kann er nicht sagen – aber wer einmal beobachtet, wie häufig die Haltinger Bücherkiste besucht wird, der zweifelt nicht: Die Telefonzelle steht hoch in der Gunst, fast so sehr wie zu den Zeiten, als sie noch keine Konkurrenz von Handys hatte und noch richtig in Betrieb war.