Corona-Pandemie

Für Musikschaffende ist Online-Unterricht eine der wenigen Möglichkeiten in der Krise

Uwe Schwerer, Claudia Müller

Von Uwe Schwerer & Claudia Müller

Di, 23. Februar 2021 um 19:00 Uhr

Lahr

Soloselbstständige im Lockdown: Ein Saxophonist aus Lahr und eine Sängerin aus Meißenheim beschreiben die Lage und wie sie sich (noch) über Wasser halten können.

Unterrichten, musizieren, dirigieren – das ist der Dreiklang, der das Leben von Harald Amberger aus Lahr prägt. Natürlich hat er in der Pandemie große Sorgen. "Ich habe das Gefühl, wir werden fast ein bisschen vergessen", sagt der 58-jährige Saxophonist. "Ich spreche für viele, viele Kolleginnen und Kollegen. Alle aus meiner Branche sind vollkommen fertig. Es geht uns extrem bescheiden."

Musikschule macht rund die Hälfte der Einnahmen aus

Ambergers Geschäftsmodell ruht grundsätzlich auf der privaten Musikschule in der Bertholdstraße, welche rund die Hälfte seiner Einnahmen ausmacht, sowie auf Auftritten mit Bands und der Tätigkeit als Dirigent beim Musikverein Nimburg-Bottingen am Kaiserstuhl. "Die Auftritte sind komplett weggefallen. Das ist fatal: Ich habe im Jahr 2020 so viele Termine im Kalender stehen gehabt wie schon lange nicht mehr", sagt der leidenschaftliche Bläser.

"Es gab lukrative Auftritte im vergangenen Jahr, die auf 2021 verschoben und mittlerweile alle wieder abgesagt wurden." Von ursprünglichen zwölf Terminen habe er vorerst noch einen: im September. Da die Musikkapellen allesamt pausieren müssen, ruht auch der Taktstock des Dirigenten.

Nicht alle nehmen das Angebot an

Jetzt bleibt noch die private Musikschule, also die Hälfte des ursprünglichen Fundaments. Doch diese Hälfte gibt es nur in der Theorie, denn sie ist in der Krise geschrumpft. Nicht alle seiner Schüler begrüßen das Angebot des Online-Unterrichts. "Ich habe viele Abgänge. Es sind in der Altersstruktur einige dabei, die den Online-Unterricht nicht wahrnehmen können oder wollen", sagt der Musiker nüchtern. In normalem Jahren gebe es immer eine normale Fluktuation von Zu- und Abgängen. Aber jetzt fehlten die Zugänge, somit sei die Lage deutlich schlechter als in den schwierigeren Jahren zuvor.

"Man hat das Gefühl,

man rennt die ganze

Zeit an eine Wand."

Marion Matter
Ein bitteres Lachen tönt aus dem Telefonhörer auf die Frage nach jenen 9 000 Euro, die für Soloselbstständige ausgelobt wurden: "Ich kenne keinen, der das in dieser Höhe bekommen hat. Viele haben eine Einmalzahlung zwischen 2000 und 4000 Euro gekriegt. Seither gab es nichts mehr", erklärt Amberger. "Man hat sowieso nicht in Saus und Braus gelebt, aber ich habe immer meine Kosten gedeckt, das Auto und die Versicherungen bezahlt. Reich ist man in dieser Branche noch nie geworden, aber man konnte überleben. Jetzt lebe ich vom Ersparten. Mal schauen, wie lange das noch geht."

Gesangsunterricht war die Haupteinnahmequelle

Ihre Gesangsschülerinnen und -schüler waren für Marion Matter, Sängerin aus Meißenheim, schon vor Corona, Lockdown und Konzertverbot die Haupteinnahmequelle. Alles andere – Auftritte, Kulturprojekte, CDs – "das war der Zusatz", sagt sie. 27 Schüler nehmen bei ihr Unterricht in klassischem oder Popgesang, 18 von ihnen nun, im zweiten Lockdown, online über Skype.

"Seit drei Monaten habe ich nur unterrichtet und versucht, mein Pensum an Schülern zu halten", erzählt Marion Matter. Sie hat eine sehr pragmatische Sicht auf die Dinge. Als Freiberuflerin kann sie sich die Zeit einteilen. Die Vormittage nimmt sie sich für ihre beiden Kinder, die im Homeschooling statt in der Grundschule sind, die Nachmittage hält sie sich frei für den Gesangsunterricht via Skype.

Rückläufige Schülerzahl sei der eigentliche Verlust

Was fehlt, das ist die Zeit im Büro, das sind die Stunden, die sie ansonsten investiert hätte, um Kontakte zu knüpfen und neue Projekte an Land zu ziehen. "Das kostet mich Einnahmen als Freiberufler", sagt sie.

Der erste Lockdown im Frühjahr 2020 hat sie viel Geld gekostet. Die finanzielle Unterstützung, die Soloselbstständige wie sie beim Land beantragen konnten, habe diese Einbußen zwar relativ gut abgefangen. Der eigentliche Verlust aber, sagt Matter, sei die rückläufige Schülerzahl. Je länger der Lockdown andauert, umso eher steigen manche aus. Und weil Präsenzunterricht verboten bleibt, schrecken andere davor zurück, mit dem eigentlich geplanten Gesangsunterricht tatsächlich zu beginnen.

Online muss man besser hinhören

Vier bis fünf neue Schüler, die für Januar schon in den Startlöchern saßen, seien ihr so wieder abgesprungen. "Als Freiberufler muss man immer schauen, dass der Laden am Laufen bleibt", erklärt Matter. Wenn alles klappt, gibt sie ab Herbst Gruppenkurse in musikalischer Früherziehung, sie macht mit beim Künstlertandem des Lahrer Kulturamts, sie gibt Onlinekonzerte, um im Gespräch zu bleiben. "Man tut schon was, hat aber das Gefühl, man rennt die ganze Zeit an eine Wand."

Man hört den Frust, nach Resignation klingt dennoch nicht, was sie erzählt. Eine Onlineübertragung ist zwar weit weg vom Konzerterlebnis – "aber wann sonst erreiche ich 2500 Menschen?" Vorteile bietet in ihren Augen auch der Skype-Unterricht. Ihre Schüler müssten besser hinhören, das schule das Gehör.

Marion Matter selbst habe gelernt, mit Worten zu sagen, was im Präsenzunterricht gezeigt werden kann. So funktioniert Körperarbeit auch über die Distanz. Marion Matter kann sich sogar vorstellen, auch nach dem Lockdown online zu unterrichten. In ihren Augen ist es ein zusätzliches Angebot: "Wenn sich was Neues ergibt, dann geh’ ich da total mit."
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