kolonialismusforscher Heiko Wegmann

GESICHT DER WOCHE: Zwei rätselhafte Schädel

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 28. Juli 2019

Freiburg

Es war ein recht mulmiges Gefühl", sagt der Freiburger Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann über jenen Moment am 24. April, als Kollegen im Informationszentrum Dritte Welt (iz3w) ihm ein Paket zuschoben. Es war adressiert an "Zurück an Heiko Wegmann", trug den Hinweis "zerbrechlich" und keinen Absender. "Die Alarmglocken schrillten", sagt Wegmann. Sollte er die Polizei rufen? Als er das Paket öffnete, fand er darin zwei menschliche Schädel samt Unterkiefern, die in Zeitungspapier gewickelt waren. "Ich zog Plastikhandschuhe über, um keine Spuren zu vernichten und dokumentierte jeden Schritt", berichtet Wegmann, der seit 2004 über Kolonialgeschichte forscht und das Projekt "Freiburg postkolonial" gegründet hat. Wegen der Beschriftung der Knochen mit den Worten "Pleasant Island" und "Godeffroy" sowie bestimmten Nummernpaaren vermutete er sofort, dass es sich um Schädel von Menschen aus ehemaligen Kolonialgebieten handeln könnte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland gelangten. Diese Woche hat Wegmann den Karton mit den beiden Schädeln an Dieter Speck vom Freiburger Universitätsarchiv übergeben. Dort sollen sie untersucht und gegebenenfalls an die Herkunftsländer zurückgegeben werden. Im März 2014 hatte die Uni bereits 14 Schädel nach Namibia und im April 2019 acht Schädel nach Australien restituiert. Wegmann und Speck gehen davon aus, dass einer der nun aufgetauchten Schädel von einem australischen Aborigine stammt und der andere von einem Bewohner der Pazifik-Insel "Pleasant Island", dem heutigen Nauru, das zwischen 1888 und 1919 vom Deutschen Reich kolonisiert wurde. Beide Schädel seien wohl einst Teil der Freiburger Alexander-Ecker-Sammlung gewesen, die sich als ein "Archiv menschlicher Rassen" verstand. "Es war nicht so ungewöhnlich, dass sich jemand von dort einen Schädel mit nach Hause nahm", berichtet Wegmann. Auch heimkehrende Kolonialbeamte hätten oft menschliche Überreste als Trophäen oder Souvenirs im Gepäck gehabt. Der Sozialwissenschaftler geht davon aus, dass manch ein Nachfahre bei einer Haushaltsauflösung auf ein solches Stück stößt und nicht weiß, wie er damit umgehen soll – so möglicherweise auch der Absender des Pakets. Für die Klärung der Provenienz und einen würdigen Umgang fordert Heiko Wegmann die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle für Relikte aus der Kolonialzeit. Sigrun Rehm