Unterrichtszeiten

Experten: Früher Schulbeginn schadet Kindern

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Fr, 10. Oktober 2014 um 10:56 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Gähnend und mit verquollenen Augen quälen sich viele Schüler in den Unterricht. Doch viele Schulen sind mittlerweile gegen allzu frühen Schulbeginn – und fangen einfach später an. Experten finden das richtig.

Die Armen! Vorbei die Zeit, in der sie ausschlafen konnten und im Einklang mit ihrem Biorhythmus ihr Leben gestalten konnten. Seit Mitte September müssen sich Kinder und Jugendliche wieder mitten in der Nacht – so empfinden es viele - aus den Federn quälen, um pünktlich zum Schulbeginn gähnend und mit verquollenen Augen zu versuchen, dem Unterricht zu folgen. Nicht alle Schulen machen die Quälerei mit unausgeschlafenen Schülern mit: Die Albert-Schweitzer-Förderschule in Freiburg zum Beispiel beginnt schon seit sieben Jahren ihren Unterricht generell erst um 8.15 Uhr statt um 7.45 Uhr. Weitere Schulen haben mit der Umstellung auf Ganztagsschulbetrieb nachgezogen oder sind dabei.

Ginge es nach Christoph Nissen, könnte die Verschiebung ruhig noch deutlicher ausfallen. "Aus schlafmedizinischer Sicht wäre ein Schulbeginn um neun Uhr angemessen, ganz besonders für die weiterführenden Schulen." Der Privatdozent an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Freiburger Uniklinik weiß von "sehr vielen Nachweisen, dass sich der Schlafrhythmus pubertierender Jugendlicher nach hinten verschiebt". Dass 17- oder 18-Jährige es vorziehen, erst um ein oder zwei Uhr in der Nacht schlafen zu gehen und sich heftige Diskussionen darüber mit den Eltern liefern, mag auch ihrem Kampf um Unabhängigkeit in einer von Erwachsenen geregelten Welt geschuldet sein.

8,5 Stunden Schlaf braucht der Jugendliche im Schnitt

Aber an den Gesetzmäßigkeiten der Zirbeldrüse lässt sich nun einmal nicht rütteln: Sie sorgt für eine Umstellung der inneren Uhr bei Jugendlichen und schüttet ihr Hormon Melatonin immer später aus. Da mögen Eltern sich noch so sehr aufregen: Ihre Kinder empfangen das Dunkel- und Müdigkeitssignal einfach nicht früher. Und müssen doch am nächsten Tag in der Regel früh raus, weil die Schulorganisation es so will. "Gegen diesen Biorhythmus zu leben, ist wie dauerhaft zu kleine Schuhe anziehen", erklärt Schlafforscher Nissen.

Für 15- bis 17-Jährige haben die Fachleute einen Bedarf von 8,5 Stunden Schlaf ermittelt. Mehr als die Hälfte dieser Altersgruppe kommt aber nur auf durchschnittlich sieben Stunden und damit 1,5 Stunden zu wenig. Wobei das individuelle Schlafbedürfnis zwischen sieben und zehn Stunden schwanken kann. Generell gilt: "Unter der Woche leiden diese Jugendlichen unter einem chronischen Schlafmangel." Ein vorübergehendes Defizit hingegen ist Nissen zufolge "kein Grund zur Panik und wird von den meisten Jugendlichen gut toleriert".

Das wurde 2011 in einem Experiment nachgewiesen, an dem 88 16-Jährige Freiburger Gymnasiasten teilnahmen. Sie wurden in fünf Gruppen eingeteilt, die über fünf Tage einer um jeweils eine Stunde gestaffelten Schlafdauer zwischen fünf und zehn Stunden ausgesetzt waren. Die Messergebnisse aus dem Schlaflabor haben selbst die Forscher überrascht: In allen fünf Gruppen dauerte die Tiefschlafphase etwa gleich lang. Und auf die kommt es ganz besonders an: Sorgt sie doch für die Erholung und fördert die Gedächtnisbildung. "Selbst wer nur fünf Stunden geschlafen hatte, hat den Mangel über die Schlaftiefe kompensieren können." Ob das auch über lange Zeiträume und bei weniger gut situierten Jugendlichen klappt, bezweifelt Christoph Nissen.

Keinen Zweifel lässt er an der Bedeutung des Schlafs für das Lernen: Neue Gedächtnisspuren, die tagsüber in der Schule gelegt wurden, werden gestärkt und geschärft, Synapsen mit unwichtigen Informationen um der Ökonomie des Gedächtnisses willen herunterreguliert. In unterschiedlichen Hirnarealen wurden unterschiedliche Schlaftiefen gemessen. "Der Schlaf als eine Zeit der Inaktivität ist niemals eine verlorene Zeit", sagt Nissen und räumt damit mit der verbreiteten Vorstellung auf, Schlaf sei ein todesähnlicher Zustand.

Ein Experiment mit Ratten aus den 1990er-Jahren in den USA liefert den sichtbaren Beweis: Eingesperrt in ein Labyrinth, versuchen sie den Ausweg zu finden. Dabei werden ihre Hirnaktivitäten gemessen und abgebildet. Die roten Linien, die ihre Aktivitätsmuster erkennen lassen, gleichen exakt jenen, die aufgezeichnet wurden, während sie schliefen.

"Im Schlaf wird wieder durchgespielt, was sie zuvor erlebt haben", erklärt Nissen, was er als "Off-Line-Encodierung" bezeichnet. Die Informationen werden vom Kurzzeitgedächtnis im Hippocampus an das in der Hirnrinde angesiedelte Langzeitgedächtnis weitergereicht. Beim Menschen funktioniert das nicht anders. Schläft er zu wenig, lassen sich die Folgen für die Lernleistung ausmalen.

Der inaktive Schlaf ist

niemals eine verlorene Zeit

Im US-Bundesstaat Rhode Island ließ man einem Bericht des Focus zufolge vor ein paar Jahren zweihundert Schüler der Klassen neun bis zwölf eine halbe Stunde länger schlafen. Die Schule begann für sie erst um halb neun statt um acht. Die Jugendlichen, heißt es, leisteten mehr, waren motivierter und schwänzten seltener. Die Ärztin und Psychologin Judith Owen, die die Studie leitete, stellte fest: Die Zahl der Schüler, die weniger als sieben Stunden Schlaf pro Nacht bekamen, ging um 79,4 Prozent zurück. Nur noch 4,6 statt zuvor 15,3 Prozent fühlten sich zu erschlagen und müde für den Unterricht. Und: Sie waren glücklicher.

Den Zusammenhang zwischen chronischem Schlafdefizit und psychischen Störungen bestätigte eine US-Studie 2010 an der Columbia University mit mehr als 15 000 Teilnehmern zwischen zwölf und 18 Jahren: Teenager, die erst um Mitternacht oder später einschliefen, erkrankten mit einer 24 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit an einer Depression und waren deutlich anfälliger für Suizidgedanken als jene, die um 22 Uhr oder früher zu Bett gingen. Damit nicht genug: "Schlaf dient der Emotionsregulation", erklärt Christoph Nissen. Wer zu wenig schläft, ist gereizt und überreagiert, wenn’s stressig wird.

In den Schulen mag man ein Lied davon singen können. Für eine Studie in Pittsburgh mussten Jugendliche nach Schlafentzug eine Rede halten: Als Reaktion auf den Stress wurde ein viel zu hoher Blutdruck gemessen. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Auch weil unausgeschlafene Jugendliche ihr Heil in starken Außenreizen suchen: Alkohol, Drogen, ein unmäßiger Heißhunger auf Süßigkeiten.

Schüler mit weniger als fünf Stunden Schlaf haben ein 8,5fach erhöhtes Risiko für Übergewicht im Vergleich zu jenen, die mehr als acht Stunden schlafen. Nicht zuletzt leidet das Immunsystem: Impfungen wirken besser bei ausgeschlafenen Schülern.

Veranstaltungshinweis: "Sind ausgeschlafene Schüler die besseren Schüler" lautet ein Vortrag von Christoph Nissen am Dienstag, 7. Oktober, um 19 Uhr im Audimax der Uni Freiburg, Platz der alten Synagoge