Beispiel Freiburg

Wie Stotterer mit ihrem Sprachfehler umgehen

Bernhard Hiergeist

Von Bernhard Hiergeist

Mo, 26. Oktober 2015 um 09:08 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Stottern ist kein Randphänomen: Schätzungen zufolge stottern in Deutschland 800.000 Menschen. Dennoch gibt es viele Klischees. Eine psychische Störung liegt dem Sprachfehler nicht zugrunde.

Das Schwierigste, was ein Mensch sagen kann, kann der eigene Name sein, erklärt Sascha Lucks. Der Name ist oft das Erste, was man zu anderen Menschen sagt. "Das ist mit besonders hohem Druck verbunden", sagt er. Man denkt, man vermittle ein falsches Bild von sich. Vor allem am Telefon sei das schwierig.

Man könnte Lucks, 38, mit Glatze, Sechstagebart und Umhängetasche, für einen Radiomoderator halten. Er plaudert lässig mit der Bedienung im Café, scherzt gerne. Doch er stottert, darum kam dieser Beruf für ihn nie in Frage. Lucks spricht flüssig, setzt nur selten neu an. "Ich hab’ als Kind immer voller Power gesprochen, sehr schnell", sagt er. Dabei sei er öfter hängengeblieben.

Dass er stottert, merkte er erst in der Pubertät. "Dann hat es sich gedreht: Auf einmal hat es mich gestört." Er hatte Angst, negativ bewertet zu werden. "Den größten Druck macht man sich immer selbst."

Stottern – das heißt, man hat Blockaden beim Sprechen, muss manche Laute wiederholen. In Deutschland soll etwa ein Prozent der Bevölkerung stottern, rund 800.000 Menschen. Eine Schätzung, wie eine Sprecherin der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe erklärt. Die Zahl basiert auf Langzeitstudien, die belegen: Etwa fünf Prozent aller Kinder zeigen zumindest teilweise Symptome des Stotterns. Drei Viertel davon legen das später wieder ab – übrig bleibt etwa ein Prozent.

Stottern ist kein Randphänomen. 2011 rückte es ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als der Film "The King’s Speech" über den stotternden englischen König George VI. vier Oscars erhielt. Der Schauspieler Bruce Willis soll als Jugendlicher gestottert haben, auch Marilyn Monroe. Dieter Thomas Heck hat als Kind gestottert. Der Grünenpolitiker Malte Spitz, selbst Stotterer, hält manchmal Vorträge darüber.

Stottern ist keine psychische Störung

Benachteiligt fühlte sich Sascha Lucks nie. Nach einer Ausbildung zum Kommunikationselektroniker stellte ihn der Kleingerätehersteller Braun an – ohne Vorstellungsgespräch. "Meine Zeugnisse waren immer sehr gut", sagt Lucks. Das Stottern sei kein Thema gewesen. Stotternde Menschen hätten die gleichen Probleme wie alle anderen. Viele seien doch gehemmt, wenn sie vor Gruppen sprechen müssten, sagt er. "Bei uns kommt halt immer noch ein Faktor dazu." Ein zusätzlicher, hemmender. In der Schule sei er deswegen Streitigkeiten meistens aus dem Weg gegangen, erklärt Lucks. Er gehe an sich gerne auf Menschen zu, halte sich dann aber manchmal zurück – wegen des Stotterns. "Obwohl mein Naturell eigentlich ganz anders ist."

Dass Stotterer weniger intelligent seien, ist ein veralteter Irrglaube. Das bestätigt auch Karl Schneider. Der 57-Jährige ist seit zehn Jahren Leiter der Schule für Logopädie an der Medizinischen Akademie in Freiburg. Früher trainierte er mit Schauspielern oder Dozenten deren Stimmen, seit 25 Jahren ist sein Schwerpunkt die Stottertherapie.

"Stottern ist keine psychische Störung", sagt Schneider. Bis vor 20, 30 Jahren dachte man das. Heute würden viele Ursachen diskutiert. Man wisse, dass es vererbt werde und dass bei Stotterern bestimmte Regionen im Gehirn anders durchblutet seien als bei Nicht-Stotternden. Um "A" zu sagen, seien etwa 20.000 Vernetzungen im Gehirn nötig, in bestimmter Reihenfolge. "Hier kann es zu Fehlsteuerungen kommen", sagt Schneider.

Wer nicht lernt, mit seinem Stottern umzugehen, könne aber sekundär ein psychisches Problem entwickeln, so der Logopäde. Wenn ein Stotterer ungünstige Erfahrungen mache, etwa wenn Kinder gemobbt würden. "Das Stottern besteht aber schon vorher", erklärt Schneider. "Nicht weil es ein Problem gibt, stottert man."

Nachdem Sascha Lucks nach Freiburg gezogen war, ging er zum ersten Mal zum Logopäden. Mit 30. "Ich hätte das gerne früher gemacht", sagt er. Aber er stammt aus einem Dorf in Tauberfranken. Die Lehrer wussten nicht, dass es Therapien gibt. In diesen seien nicht nur Sprechübungen wichtig, so Lucks. In der Therapie traue man sich, aus sich rauszugehen, sich nicht zu verstecken. "Man entdeckt ganz neue Dimensionen in sich", sagt Lucks. Man lerne, sein Stottern zu kontrollieren und sich nicht kontrollieren zu lassen. Nach einem Jahr Therapie übernahm Lucks die Organisation der Freiburger Selbsthilfegruppe.

Dort trifft man sich unregelmäßig abends auf ein Bier und zu Gesprächen. Fünf Männer sind heute gekommen, zwischen Mitte 20 und über 50. Manche stotter stark, andere haben kaum Blockaden. Sie tauschen sich aus über Übungen und die Therapie. Oder sie plaudern privat. "Als Stotterer verzichtet man sonst eher auf Smalltalk und ist mehr in sich gekehrt", sagt einer. An den Nebentischen wird manchmal aufgehorcht. Man merkt, das anders gesprochen wird. Dann widmen sich alle wieder ihren Gesprächen.

Einer der Männer sagt, er erkläre sich immer gegenüber seinen Gesprächspartnern. So wüssten die, woran sie seien. Ein anderer berichtet von Straßenumfragen, die ihm seine Logopädin empfahl. Er sollte fremde Menschen zum Stottern befragen. Das baue Berührungsängste ab, außerdem erkenne: Niemand störe sich daran. Die anderen pflichten bei. Keiner hier hat negative Erfahrungen gemacht, allenfalls in der Schule. "Kinder sind da halt etwas grausamer", sagt Lucks.

Manche verstecken das Stottern aber auch. Logopäde Karl Schneider bestätigt das. "Manche melden sich einfach nie zu Wort." Es gebe Fälle, wo weder Frau noch Kinder gemerkt hätten, dass etwa der Vater stottert, sagt er. Diese Menschen seien rund um die Uhr auf der Hut, würden fast gar nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben. "In der Therapie würde man daran arbeiten, lieber zu stottern, als gar nichts zu sagen." Lockeres Stottern, wie wir es in der Therapie erarbeiten, stört die Kommunikation nicht." Zum Stottern zu stehen kann also auch eine große Befreiung werden.

Der Druck kommt von innen, heißt es. Dass man bestimmte Berufe nicht ergreifen kann, empfinden die Männer in der Selbsthilfe nicht als große Belastung. "Dass ich nicht Nachrichtensprecher werde, war von vornherein klar", sagt Lucks. Drei bis sieben Leute kommen ihm zufolge immer zu den Treffen. "Wenn man dieses eine Prozent anlegt, dann müsste es ja in Freiburg mindestens 2000 Stotterer geben", sagt er. "Da fragt man sich: Wo sind die alle?" Er glaubt, dass vielen der Mut fehlt.

Stotterer verzichten lieber auf Smalltalk

Sascha Lucks sagt: "Viele Stotterer kommen auch klar." Die wollten dann nicht zur Selbsthilfe kommen, wollten nicht ständig daran erinnert werden. "Die Gruppe ist ja in erster Linie für Menschen da, die ein Problem haben." Prinzipiell sei jeder willkommen, auch interessierte Nicht-Stotterer. Wunderdinge dürfe man aber von einem Besuch der Gruppe nicht erwarten. "Wenn man in der Selbsthilfe frei sprechen kann, heißt das nicht, dass man es draußen auch kann", sagt Lucks. "Man muss raus, raus, raus!" Dort üben, Leute mit bestimmten Techniken ansprechen.

Wäre sein Leben anders verlaufen, wenn er nicht gestottert hätte? Lucks geht über das Pflaster in der Freiburger Altstadt. Er wiegt den Kopf. "Klar hab’ ich mich auch eingeschränkt." Hätte er das Abitur noch gemacht? Hätte er noch die Meisterausbildung gemacht? Ein Stipendium lehnte er ab. "Ich bin zufrieden, so wie es ist", sagt er. "Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf Schule." Er war froh, draußen zu sein, in der echten Welt. Und sich nicht weiter Druck zu machen, auch wenn man lernen kann, mit dem Stottern umzugehen. "Es ist ja oft nur eine Frage des Trauens."

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