Dreyland-Blues-Festival

Im Stadtpark in Schopfheim blüht am Wochenende der Blues

pale

Von pale

So, 25. August 2019 um 18:04 Uhr

Schopfheim

Das Doppelkonzert im Schopfheimer Stadtpark mit Toronzo Cannon und Tail Dragger war ein Erfolg. Heute um 20 Uhr wird das Festival mit der Mike Wheeler Band fortgesetzt.

Im milden Spätsommer bekam Schopfheim den Blues: Am Freitag nahm das dritte "Dreyland Bluesfestival", organisiert vom Verein Exbluesive, mit einem Doppelkonzert seinen Anfang. In der mehrjährig konzipierten Festivalserie soll die Geschichte des Blues von seinen Anfängen bis in die Gegenwart erlebbar gemacht werden. Das Thema in diesem Jahr lautete: "Aus dem Delta nach Chicago". Das Publikum war hellauf begeistert.

Der Musikstil

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten viele Schwarze den rauen Lebensbedingungen des amerikanischen Südens den Rücken und zogen, hoffend auf ein menschenwürdigeres Leben und besser bezahlte Jobs, in die großen Städte des Nordens. Im Gepäck hatten sie ihre ganz eigene Musik: den urwüchsigen Delta-Blues. Die "Windy City" Chicago wurde zu einer der wichtigsten Anlaufstellen. Hier entwickelte sich ein eigenständiger urbaner Blues-Stil. Akustische Gitarren und Waschbretter wurden gegen Elektrogitarren und Schlagzeug eingetauscht.

E-Bass, Keyboard und Blues Harp (eine diatonische Mundharmonika) kamen hinzu. Der Sound wurde härter, lauter und selbstbewusster. Ende der 1940er bis Anfang der 1950er Jahre entwickelte sich ein Musikstil, der als Chicago-Blues bezeichnet wurde. Er gilt bis heute als die Urform des modernen Blues. Dem Motto gemäß präsentierten sich denn auch auf dem Eröffnungskonzert des Dreyland Bluesfestivals 2019 in Schopfheim zwei waschechte Vertreter des Chicago-Blues: Toronzo Cannon und Tail Dragger.
Dreyland-Bluesfestival: Heute, 20 Uhr, im Alten Wasserwerk in Lörrach mit der Mike Wheeler Band (USA) feat. Kai Strauss (D). Die Mike Wheeler Band ist eine der derzeit angesagtesten jüngeren Bands in Chicago und gleichzeitig eine der am härtesten arbeitenden, mit mehr als 200 Auftritten im Jahr.

Toronzo Cannon

Der 1968 geborene und in der Southside von Chicago aufgewachsene Toronzo Cannon durchquerte zunächst als Busfahrer die Straßen Chicagos. Mit 22 bekam er seine erste Gitarre, erlernte diese autodidaktisch zu Videos von Bob Marley und spielte erst einmal Reggae. Irgendwann verschlug es ihn in den legendären Blues Club "Theresa’s Lounge", der fortan zu seinem zweiten Zuhause wurde. Hier saugte er die Musik bekannter Blues-Größen wie Muddy Waters und Buddy Guy auf, womit sein weiterer musikalischer Werdegang vorgezeichnet war. Er gründete eine eigene Band namens Cannonball Express und begann im Jahr 2007 mit der Produktion eigener Alben. Auch wenn sein Bekanntheitsgrad hinter dem anderer namhafter Bluesmusiker zurücksteht, hat er vor allem in den letzten Jahren mit seinen Auftritten auf Festivals für großes Aufsehen gesorgt.

Auch sein aktuelles Konzert in Schopfheim war eine Klasse für sich. Sein dargebotenes musikalisches Spektrum reichte von hartem Electro-Blues über Boogie, Rock’n’Roll und rhythmisch vertrackten Blues-Rock einschließlich ausufernder Gitarrenriffs à la Jimmy Hendrix bis hin zu hochemotionalem Slow-Blues. Schon mit seinem wuchtigen instrumentalen Einstieg hatte er die Herzen der Zuhörer erobert. Es folgte eines seiner bekannteren Stücke: "Let Me Love You Baby". Dann ging es Schlag auf Schlag. Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Bänken. Die Menschen versammelten sich vor der Bühne und tanzte zu dem, was von der Bühne auf sie herabhagelte.

Während eines Titels verließ der Bluesman die Bühne und mischte sich unter die begeisterten Zuschauer. Als lautstark geforderte Zugabe offerierte Cannon den rhythmisch hämmernden Titel "The Chicago Way" aus seinem Ende September erscheinenden neuen Album "The Preacher, The Politician or The Pimp". Hervorzuheben sind auch die exzellenten Begleitmusiker an Keyboard, Bass und Schlagzeug, die Toronzo Cannon mit ihrem grandiosen Spiel musikalisch den Rücken stärkten.

Überraschungsgäste

Nach einer kurzen Umbaupause begann der zweite Konzertteil. Zunächst betraten Robert Fossen und einige der Musiker, die als Begleitband für Tail Dragger fungierten, die Bühne. Nach drei Titeln dann: Auftritt Tail Dragger. Er wurde, gestützt von einer jungen Frau, die Treppen zur Bühne hinauf geleitet. Der 1940 im Bundesstaat Arkansas geborene James Yancy Jones – wegen seines häufigen Zuspätkommens bei Auftritten wird ihm später der "Künstlername" Tail Dragger verpasst – gilt als Urgestein der Chicagoer Blues-Szene. Er selbst hat die Wanderungsbewegung vom Süden in den verheißungsvollen Norden persönlich miterlebt: Mitte der 1960er Jahre übersiedelte er nach Chicago und arbeitete hier zunächst als Mechaniker.

Seine Begegnung mit der Blues-Legende Chester Arthur Burnett, besser bekannt als Howlin’ Wolf, war die Initialzündung für seine musikalische Karriere. Tail Dragger ist der musikalische Vertreter des ursprünglichen, ungeschönten Delta-Blues, und so war er auch in seinem Schopfheimer Konzert zu erleben. Zu hören war Blues auf gewollt ungeschliffene und rohe Art, gespickt mit bissigen und teils anzüglichen Texten. Allerdings agierte Dragger eher als Geschichtenerzähler denn als Sänger, dies aber mit einer für einen 80-Jährigen geradezu erstaunlichen Inbrunst und Energie.

Was seine Sangeskunst nicht mehr hergab, machte er mit rauer Sprechmelodik, Charisma und ausufernder Körpersprache wett. Der gesundheitlich sichtbar angeschlagene Bluesbarde ließ es sich nicht nehmen, immer wieder unter Geleit die Bühne zu verlassen und sich in die Zuschauermenge zu begeben. Diese Art der Performance zählt seit jeher zu seinem Markenzeichen.

Bei aller Bewunderungswürdigkeit für das Temperament, die Lebensfreude und das unbestreitbare Blues-Gefühl dieses alten Haudegens war vor allem im späteren Verlauf des Konzerts in den Gesichtern einiger Gäste aber auch ein leicht bedrückendes Gefühl zu erkennen. Hin und wieder waren Tail Dragger einige Verschnaufpausen vergönnt, welche die Robert Fossen Band mit ihrem ausgesprochen selbstbewusst auftretenden Bandleader musikalisch überbrückte. Zur Überraschung selbst der Organisatoren erschien zudem Willie Buck, einen Tag vor seinem Konzert in Wehr, und intonierte einige Bluesnummern.

Die Tail Dragger als Begleitband zur Seite gestellte niederländische Robert Fossen Band konnte – zumindest im direkten Vergleich zu den exzellenten Musikern um Toronzo Cannon – qualitativ nicht immer überzeugen. Ein paar verunglückte Akkorde und ein stellenweise holpriges Timing können jedem passieren, aber nicht jeder falsche Ton vermag als "blue note" durchzugehen.

Fazit

Den zahlreichen Besuchern wurde ein beeindruckendes Musikerlebnis geboten. Die Veranstaltung war vom Verein Exbluesive rundum perfekt organisiert. Die Bemühungen scheinen Früchte zu tragen: Nach Aussage der Veranstalter hat sich der diesjährige Kartenverkauf im Vergleich zum Vorjahr um etwa 50 Prozent erhöht.
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