Museen

In Baden-Baden gibt es jetzt ein Muße-Literaturmuseum

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mi, 13. Oktober 2021 um 20:04 Uhr

Literatur & Vorträge

Ein ungewöhnliches Joint Venture:Das neue Muße-Literaturmuseum in Baden-Baden hat seine Unterkunft in der Stadtbibliothek gefunden. Eine Einladung zum Lesen und Schauen.

Ein Museum nistet sich in einer Bibliothek ein. Eine Bibliothek schafft Platz für ein Museum. Das gab es bisher nicht. In der Baden-Badener Stadtbücherei, einer atmosphärischen alten Villa nicht weit von der Lichtentaler Allee, ist seit dem vergangenen Wochenende das Muße-Literaturmuseum allseits präsent: Nicht nur in den ehemaligen Gedenkräumen für die Schriftsteller Reinhold Schneider und Otto Flake, sondern auch in Ecken, in Nischen, an Wänden zwischen den Bücherregalen breiten sich die Exponate des Literaturmuseums aus, das sich, kaum eröffnet, schon zu den größten in Deutschland zählt. Klar: Der Kurort Baden-Baden, der im 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Schönen und Reichen Europas anzog – seit Sommer gehört er zum Unesco-Weltkulturerbe der Kurstädte Europas – war auch ein Hotspot für Künstler und Schriftsteller.

Nicht nur die Russen waren (und sind immer noch) in der Stadt an der Oos: weniger zum Kuren als zum Glücksspielen und Genießen des Gesellschaftslebens. Der "Westler" Ivan Turgenev steht dabei an vorderster Front, verachtet vom slawophilen Nationalisten Fjodor Dostojewski, den das Casino gleichwohl in Bann zog. Dem Geliebten der Sängerin Pauline Viardot, der sieben Jahre in Baden-Baden lebte, widmete die Freiburger Slawistin Elisabeth Cheauré vor drei Jahren zum 200. Geburtstag im Stadtmuseum eine Ausstellung: Sie wurde zur Initialzündung für die jetzige Dauerausstellung – und da Cheauré und ihr Team sich dabei im Kontext des Uni-Sonderforschungsbereichs "Muße" Gedanken über die für den Besuch einer mit Lesen verbundenen Literaturausstellung nötige Muße gemacht hatten, trägt die Präsentation der Baden-Badener Literaturgeschichte jetzt den leicht irreführenden Namen "Muße-Literaturmuseum".

Denn hier geht es nicht um Muße als Sujet, sondern als Methode: Bequeme Hocker und Sessel laden zum Verweilen ein, es gibt in einer Bibliothek natürlich ohnehin zahlreiche Leseplätze; und auch der nach Flakes Bedürfnissen – er war ein langer Mann – angefertigte rote Samtsessel steht samt Tisch mit Lesestoff für Müßiggänger bereit. Zeit in verschwenderischem Maß sollte mitbringen, wer sich in sechzehn Kabinetten auf einen Streifzug durch "Baden-Baden in der Weltliteratur – Die Weltliteratur in Baden-Baden" begibt. Es ist schlicht überwältigend, welche Fülle an Material hier von der Römerzeit bis zur Geschichte des SWF/SWR zusammengetragen und geordnet wurde.

Gestalterisch führt das vielfach variierte Motiv des Buchs durch die Schau. Und: die Schublade. In den engen Räumen im Obergeschoss hätten Vitrinen kaum Platz gefunden. Umso besser, meinen die Kuratorinnen: Es dürfte wesentlich spannender sein, die mit vielversprechenden Titeln garnierten flachen Schubladen zu öffnen. Wie kleine Schatzkammern offenbaren sie dann ihren Inhalt: Manuskripte, Buchausgaben, Fotos, Zeitungsausschnitte. Das Übliche eben.

"Es ist eine geistlose Stadt,

voll von Aufgeblasenheit"

Aber wer alles im Lauf der Jahre und Jahrhunderte in Baden-Baden gewesen ist! Man staunt. Nicht nur die deutschen Romantiker schlugen hier vorübergehend ihre Zelte auf, auch Mary Shelley oder Marc Twain haben die Stadt und ihre idyllische Umgebung besucht: Shelley war begeistert ("Ein Wunsch, hier zu bleiben, ist über mich gekommen") Twain gar nicht amüsiert. "Es ist eine geistlose Stadt, voll von Schein und Schwindel und mickerigem Betrug und Aufgeblasenheit", ätzte der Amerikaner, der grundsätzlich kein Blatt vor den Mund nahm. Der Nervenarzt Georg Groddeck entdeckte hier vor dem Kollegen Sigmund Freud in Wien das Es.

Was man vielleicht auch nicht weiß: Bert Brecht provozierte in der gediegenen Bürgerstadt einen handfesten Skandal, als er bei der Uraufführung des "Badener Lehrstücks vom Einverständnis" beim Festival Deutsche Kammermusik 1929 Theo Lingen als einen von zwei brutalen Clowns auftreten ließ, die auf offener Bühne einen dritten blutig zerlegten. Es war auch das Ende von Brechts Zusammenarbeit mit Paul Hindemith. Es folgte die Zeit, die in der Ausstellung unter dem Titel "Die zwölf verfluchten Jahre" firmiert – in einem bedrängend schmalen Raum als "Sackgasse" angelegt. Baden-Baden war den Nazis als Ort mit internationalem Flair zunächst willkommen. Was nichts daran ändert, dass auch die Baden-Badener Juden 1940 deportiert und in der Stadtverwaltung Zwangsarbeiter beschäftigt wurden. Die Zeugnisse der Vertriebenen sind immer wieder erschütternd. "Mein Zuhause fort, mein Zimmer fort, mein Hund fort, mein Spielzeug fort, fort, fort, alles fort", schreibt Gerhard Durlacher im Rückblick auf seine Baden-Badener Kindheit. Und Reinhold Schneider notiert fassungslos: "Ich habe nie verstanden, dass Menschen sich der Qual, sie anzuhören, freiwillig aussetzten". Gemeint ist die aufpeitschende Stimme Hitlers.

Die literarische Nachkriegsgeschichte der Stadt ist geprägt vom 1946 gegründeten Südwestfunk. Man weiß, wie viele Autoren nach Baden-Baden kamen, um hier ihre Hörspiele produzieren zu lassen – und damit ihren Lebensunterhalt mit zu bestreiten. Es war die Blütezeit des Genres. Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit der SWR-Bestenliste – wobei man erfährt, dass der Spitzenreiter über die Jahre mit weitem Abstand Peter Handke (14 Nennungen) gewesen ist. Es sei ihm gegönnt. "Liebe, Mord und Totschlag", Literatur über die prächtigen Hotels der Stadt mit der bundesweit höchsten Millionärsdichte, die Geschichte des Glücksspiels: Die Literaturstadt Baden-Baden hat ohne Zweifel viel zu bieten, keineswegs nur für Experten. Diese Vielfalt haben die Kuratorinnen Elisabeth Cheauré und Regine Nohejl – in Zusammenarbeit mit der Leiterin der Stadtbibliothek Sigrid Münch – auf ungewöhnlich ansteckende Weise sichtbar gemacht. Die Welterbestadt Baden-Baden ist um eine Attraktion reicher.

Muße-Literaturmuseum, Baden-Baden, Luisenstraße 34. Di bis Fr 10–18 Uhr,
Sa 10–14 Uhr.