Rente

In der Schweiz ist die Betriebsrente obligatorisch

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Do, 21. Januar 2021 um 18:55 Uhr

Wirtschaft

Die Schweizer Rente basiert auf dem Drei-Säulen-System. Die erste Säule ist wie eine gesetzliche Mindestrente. Mit der betrieblichen Rente ist die Altersvorsorge nahezu gleich hoch bei den Nachbarn.

Das deutsche Rentensystem kennt viele Baustellen. Kritiker verweisen gerne auf die Altersversorgung in Österreich oder Schweden, wo vieles besser sei. Doch wie steht die deutsche Alterssicherung im europäischen Vergleich tatsächlich da? Dieser Frage geht die BZ in einer Serie nach. Heute blicken wir auf das Schweizer Rentensystem.



Die Schweiz ist ein ur-marktwirtschaftliches Land und so sehr reich geworden. In der Alterssicherung allerdings kennt die Schweiz eine enorme Umverteilung zwischen reich und arm. Diesen Ausgleich verbindet sie – und da ist sie dann wieder ganz marktwirtschaftlich –, mit einer Vorsorge über die Kapitalmärkte: Schon seit 1987 sind die meisten Erwerbstätigen verpflichtet, über Betriebsrenten für später vorzusorgen.

In der Schweiz gibt es eine Maximalrente

Im Jahr 1947 schufen die Eidgenossen per Volksabstimmung die erste Säule des Rentensystems, die "Alters- und Hinterlassenenversicherung" (AHV). Dort zahlen alle Erwerbstätigen (also auch Staatsbedienstete) ein, wobei der Beitrag, den sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber teilen, bei 8,7 Prozent vom Einkommen liegt. Der Beitrag ist somit nicht mal halb so hoch wie der Beitrag der deutschen Arbeitnehmer zur gesetzlichen Rentenversicherung (18,6 Prozent). Der Clou: In der Schweiz gibt es keine Obergrenze, ab der kein Beitrag mehr fällig wird. Verdient jemand also eine Million Franken im Jahr, muss er 87 000 Franken (gut 80 000 Euro) an die AHV abführen. Die zahlt später aber keine Renten, die dieser enormen Summe entsprechen würden. Die Renten sind vielmehr gedeckelt. Es gibt eine Maximalrente, die 2020 bei 28 440 Franken

(26 400 Euro) im Jahr lag.



Dieser Ansatz würde in Deutschland am so genannten Äquivalenzprinzip scheitern. Es besagt, dass Beitrag und Rente in einem angemessenen Verhältnis stehen müssen. Deshalb gibt es in Deutschland eine Obergrenze für den Beitrag zur gesetzlichen Rentenversicherung. Das heißt: Beitrag wird in den alten Ländern bis zu einem Einkommen von 85 200 Euro erhoben. Der Höchstbeitrag beträgt somit 15 840 Euro im Jahr. Wer eine Million Euro verdient, führt – anders als in der Schweiz – nicht 87 000 Euro an die Rentenkasse ab, sondern nur 15 840 Euro – und das, obwohl der Beitragssatz in Deutschland weit höher ist.

Vielverdiener zahlen mehr ein

Wer in Deutschland durchgängig in Höhe der Obergrenze verdient, erwirbt damit Rentenanwartschaften, die sich mit der Schweizer Maximalrente durchaus vergleichen lassen. Nur haben die Top-Verdiener in der Schweiz, die lange Zeit hohe Einkommen und, ja, die erwähnte eine Million Franken erzielten, dafür sehr viel mehr Beitrag bezahlt.

Daneben kennt die AHV auch eine Mindestrente – also einen Betrag für Ältere, die sehr wenig verdienten und eine bestimmte Einkommensschwelle nicht überstiegen (14 220 Franken im Jahr 2020). Sie bekommen eine Rente, die exakt ihrem geringen Einkommen entsprach – im vergangenen Jahr waren das 14 220 Franken. In der AHV gilt: Je niedriger der Lohn war, umso höher ist der Anteil, den die Rente später ersetzt. Umgekehrt gilt: Je höher das Einkommen war, umso größer ist die Lücke zwischen Verdienst und Rente.

Auch in der Schweiz wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Der Staat schießt bei den Einnahmen der AHV kräftig zu und gab dafür zuletzt 11,5 Milliarden Franken (10,7 Milliarden Euro) im Jahr aus. Er nutzt dafür auch die Abgabe, die Spielbanken an den Fiskus bezahlen. Um die volle Rente zu bekommen, muss man 44 Jahre lang in die AHV eingezahlt haben, das Renteneintrittsalter liegt derzeit bei 64 Jahren für Frauen und für Männer bei 65 Jahren.

Schweizer Volk lehnt Anhebung des Rentenalters ab

Die Schweizer Bundesregierung weist darauf hin, dass sich die Finanzlage der AHV im Zuge des demografischen Wandels verschlechtert. Sie würde gerne das Rentenalter der Frauen auf 65 anheben sowie die Mehrwertsteuer erhöhen, um diese zusätzliche Einnahme in die AHV fließen zu lassen. Beide Vorschläge lehnten die Schweizer aber bei einer Volksabstimmung im September 2017 mehrheitlich ab.

Wer die Lebenshaltungskosten der Schweiz kennt, kann sich vorstellen, dass die AHV-Renten nicht sonderlich üppig sind. Immerhin sind die Kosten für die Krankenversicherung recht hoch und können für einen Älteren durchaus 400 bis 500 Franken im Monat ausmachen. Kommt dann noch eine hohe Miete hinzu, wird es finanziell eng. Im Jahr 2018 lag der mittlere Zahlbetrag für Menschen, die erstmals eine AHV-Rente bekamen, bei 1772 Franken (1645 Euro) im Monat.

Zweite und dritte Säule der Altersvorsorge

Daneben gibt es eine zweite Säule der Altersversorgung, die Betriebsrente. Sie ist im Gegensatz zu Deutschland verpflichtend für alle, die mehr als 21 330 Franken (19 800 Euro) im Jahr verdienen. Der mittlere Betrag der 2018 erstmals gezahlten Betriebsrenten lag bei 1767 Franken im Monat. Die verpflichtende Vorsorge gilt bis zu einer Verdienstgrenze von 60 435 Franken (56 100 Euro) im Jahr. Wie viel Beitrag darauf fällig wird, entscheiden die Pensionskassen, in denen ein Erwerbstätiger versichert ist. Im Schnitt zahlen Arbeitnehmer 4680 Franken im Jahr, Arbeitgeber 6580 Franken.



Etwa 12 Prozent der Arbeitnehmer bauen aber keine Anwartschaften in der 2. Säule auf – meist, weil sie unter der Einkommensschwelle liegen. Die wenigsten von ihnen dürften Zahlungen aus der 3. Säule beziehen, der privaten Vorsorge. Arbeitnehmer können dafür bis zu 6826 Franken im Jahr von der Steuer abziehen, das heißt: Zahlungen sind bis zu diesem Betrag steuerfrei. Reichen die Beträge aus den drei Säulen nicht aus – und das ist vor allem dann der Fall, wenn jemand erwerbsunfähig war –, helfen die sogenannten Ergänzungsleistungen. Dafür hat der Staat zuletzt 5,2 Milliarden Franken ausgegeben.