Gereizte Stimmung

In Ludwigshafen herrscht Verkehrschaos wegen zwei einsturzgefährdeter Brücken

Stefan Gierescher

Von Stefan Gierescher

Mo, 13. Januar 2020 um 10:50 Uhr

Südwest

Ludwigshafen gilt als die unpopuläre kleine Schwester Mannheims, jetzt macht ihr auch noch ein bundesweit einzigartiges Verkehrsproblem zu schaffen: Zwei marode Brücken, ausgerechnet nach Nordbaden.

Im April 2018 wurde Ludwigshafen vom TV-Satiremagazin "Extra 3" zur hässlichsten Stadt Deutschlands "gekürt". Allerdings ist man Bashing in der zweitgrößten Stadt von Rheinland-Pfalz schon gewohnt. "LU" steht im Schatten seiner Schwesterstadt, des baden-württembergischen Mannheims. Beide trennt mehr als nur der Rhein. Die Mannheimer Popakademie, das Schloss, die Uni, die SAP-Arena, die florierende Einkaufsmeile Planken, fast doppelt so viele Einwohner – da kann Ludwigshafen nicht mithalten.

Einst war die Stadt eine der reichsten Deutschlands

Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, eine triste Fußgängerzone, ein abgewracktes Fußball-Stadion und ein riesiges Chemieareal (BASF) vor der Haustür – da gewinnt man keinen Schönheitspreis. Auf das "Extra 3"-Votum reagierte die Stadt indes ziemlich lässig – mit Katastrophentourismus. Ein freischaffender Künstler führte Gruppen zu den übelsten Schandflecken. Die Touren waren ein Renner.

Derlei Coolness hilft Ludwigshafen bei einem anderen, bundesweit einzigartigen Problem aber nicht weiter: zwei kaputte Hochstraßen, deren Träger die Stadt ist. In Zeiten, als "LU" dank sprudelnder Gewerbesteuereinnahmen noch zu den reichsten Städten der Republik zählte, hatte sie die Hochstraße Süd (Bundesstraße 37) und die Hochstraße Nord (Bundesstraße 44) in ihren Besitz übernommen. Diese verbinden die Vorderpfalz über zwei Rheinbrücken mit Nordbaden. Gebaut wurden sie vor 60 Jahren die eine, vor 40 die andere, um den Verkehr über Ludwigshafen hinweg zu führen statt ins Zentrum, Stichwort: autofreie Stadt.



Normalerweise befahren sie heute täglich über 100 000 Fahrzeuge. Doch normal ist hier schon lange nichts mehr. Staus sind an der Tagesordnung, im Berufsverkehr geht häufig nichts mehr, weder in die eine noch in die andere Richtung. Über zehn Jahre schon quält sich die mit bald 1,4 Milliarden Euro verschuldete Stadt mit der Hochstraßenfrage herum: Drei Bundesverkehrsminister haben sich daran schon abgearbeitet, drei Fußballweltmeisterschaften später ist alles noch schlimmer geworden.



Die Ausweichstrecke ist auch marode

Zunächst wurden irreparable Korrosionsschäden an der Nordtrasse entdeckt. 2014 wurden deren Abriss und der Ersatzbau einer ebenerdigen Stadtstraße beschlossen. Im Herbst 2017 gab es nach sieben zähen Verhandlungsjahren endlich verbindliche Zuschusszusagen des Bundes und des Landes, allerdings nur bezogen auf die damals förderfähigen Kosten von 260 Millionen Euro. Inzwischen geht man von mehr als doppelt so hohen Kosten aus.

Während der acht- bis zehnjährigen Bauzeit sollte die Hochstraße Süd als Ausweichroute dienen. Doch diese Pläne sind nun nutzlos. Anfang 2018, wenige Tage nach dem Amtsantritt der neuen Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD), kam ans Tageslicht, dass auch die fragile Stahl-Beton-Konstruktion der Südtrasse angegriffen ist. Zunächst geschmiedete Pläne für eine Stützbrücke wurden wieder verworfen, weil dieser Betonklotz die Innenstadt teilen würde, so die Kritik.

Dramatisch zugespitzt hat sich die Lage, als sich Risse in den 27 tragenden Säulen der Südtrasse vergrößerten. Im August wurde ein 500-Meter-Teilstück für den Verkehr gesperrt. Im November wurden auch zwei zentrale Straßen unterhalb der Brücke dichtgemacht. Statiker schlugen Alarm: Einsturzgefahr.

Eine Disko musste aus Sicherheitsgründen schließen

Fatale Folgen hatten die Sperrungen für den ÖPNV. Binnen weniger Tage musste das Straßenbahnliniennetz umgekrempelt werden. Eine Großraumdiskothek im Umfeld musste aus Sicherheitsgründen schließen. Händler, Taxifahrer, Läden und Lokale rund um den nicht mehr ansteuerbaren Nahverkehrsknotenpunkt Berliner Platz verloren auf einen Schlag ihre Kundschaft, üblicherweise sind dort täglich 40 000 Passanten unterwegs.

Die Stimmung in der Stadt ist gereizt: Der Verkehrsprobleme wegen, aber auch, weil in der Vergangenheit Prüfintervalle zur Untersuchung der Hochstraßen aus Kostengründen nicht eingehalten worden waren, wie aus Gutachten hervorgeht. "Dilettanten", "Pfusch", "Schlamperei" gifteten Leserbriefschreiber in Richtung des 70 Meter hohen Rathausturms, der übrigens auch ein 300 Millionen schwerer Sanierungsfall ist. Das Projekt Hochstraße Nord wurde auf Eis gelegt, das Südprojekt genießt nun Priorität. Die Entlastungsfrage ist jetzt umgekehrt geregelt: Der Verkehr der Hochstraße Süd wird auf die Hochstraße Nord umgeleitet – wie lange diese die Belastung stemmen kann, steht in den Sternen. Ebenso wie es mit der einsturzgefährdeten Südschwester weitergeht. Über 15 Millionen Euro soll allein deren Abriss kosten.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte zwar eine umfängliche finanzielle Unterstützung des Landes zu. Aber was der vom Stadtrat gewünschte Neubau unterm Strich kostet, vermutlich ein dreistelliger Millionenbetrag, und wie schnell er umzusetzen ist, bewegt sich im Bereich vager Schätzungen. Es könnten zwölf bis 15 Jahre vergehen, meinte die mächtig unter Druck stehende Oberbürgermeisterin zuletzt. Sie musste in den vergangenen Monaten zu allem Übel auch noch auf ihren Baudezernenten verzichten, der inmitten der Hochstraßenkrise einen Herzinfarkt erlitten hatte.

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