Gaza

Israel spricht von Präventivschlag

Maria Sterkl

Von Maria Sterkl

So, 07. August 2022 um 21:20 Uhr

Ausland

"Morgendämmerung" – so nennt Israels Armee den Einsatz im Gazastreifen, der nicht mit einem israelischen Luftangriff begann. Laut Armee ist es ein Präventivschlag

Geheimdienste hätten klare Hinweise auf eine drohende Attacke in den nächsten Tagen gegeben, sagt ein Armeesprecher in einem Journalistengespräch. Mehr als 500 Raketenangriffe auf Israel seit Freitag, 31 Tote im Gazastreifen, so lautet die vorläufige Bilanz am Tag drei der israelischen Operation. Unter ägyptischer Mediation wurde am Sonntagabend eine Feuerpause verhandelt. Unklar ist, ob sie auch halten wird.

Die Menschen dies- und jenseits der Grenze waren bis dahin ständigem Beschuss ausgesetzt, wobei die israelische Armee betont, nur militärische Ziele anzugreifen. Zwei hochrangige PIJ-Führer im Gazastreifen wurden bei gezielten Angriffen getötet, auch ein regionaler PIJ-Kommandant im Süden des Gazastreifens kam laut Armeeangaben ums Leben (siehe Karte). Zugleich gingen israelische Streitkräfte in mehreren Städten im Westjordanland gegen PIJ-Strukturen vor.

Das Kalkül der Israelis: Die Terrororganisation Islamischer Dschihad zu schwächen, ohne die im Gazastreifen herrschende Hamas in die Eskalation hineinzuziehen. Knapp 15 Monate nach der letzten elftätigen kriegerischen Auseinandersetzung, die dem militärischen Flügel der Hamas massive Einbußen in ihrer militärischen Kapazität brachte, ist die Organisation geschwächt. Hamas müsse sich davon erst erholen, sie habe kein Interesse an einem neuerlichen Krieg, pflegen israelische Militärs zu betonen. Tatsächlich wurden bisher laut israelischen Angaben alle Raketenbeschüsse vom PIJ verübt. Die Frage ist, was passiert, wenn die Feuerpause gebrochen wird, sich das Kalkül der Armee als falsch erweist und Hamas ihre passive Haltung aufgibt.

Verhandlungen über eine Feuerpause

Dann steigt das Risiko, dass die Lage außer Kontrolle gerät. Schon jetzt wird im Gazastreifen massive Kritik an der Hamas-Führung laut. "Ihr lasst Frauen und Kinder in Gaza allein", wirft ein User der Hamas vor. Eine weitere Eskalation würde den Druck verstärken.

Am Sonntag meldete sich ein Hamas-Sprecher zu Wort. In Richtung Israel sagte er, man könne die aktuelle Situation im Gazastreifen "nicht akzeptieren". Wenig später begannen die Verhandlungen über eine Feuerpause.

Wie in angespannten Zeiten üblich, bemühte sich der rechtsextreme israelische Politiker Itamar Ben Gvir auch diesmal, zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen, um sich auf Kosten der nationalen Sicherheit ein paar Minuten medialer Aufmerksamkeit zu gönnen – schließlich wird im Herbst gewählt. Am Morgen des Sonntags, an dem der religiöse Feiertag Tisha B'Av begangen wurde, setzte er demonstrativ einen Schritt auf den Tempelberg. Von Muslimen wird das als Provokation gesehen.

UN-Nahostkoordinator spricht von "sehr gefährlicher" Eskalation

UN-Nahostkoordinator Tor Wennesland bezeichnete die Eskalation als "sehr gefährlich". Die Menschen im Gazastreifen seien schon jetzt unterversorgt, der neue militärische Konflikt komme noch dazu in einer Zeit, in der die Welt wegen der Ukrainekrise nur begrenzte Ressourcen hat, um humanitäre Hilfe zu leisten. Die Lage ist schon jetzt besorgniserregend: In Gaza fehlt es an Strom, da das lokale E-Kraftwerk seit mehreren Tagen aufgrund der Blockade von Treibstofflieferungen abgeschnitten ist. Auch in den Krankenhäusern fehlt es an Material. Die unter ägyptischer Mediation ausverhandelte Feuerpause sollte dazu dienen, wenigstens Treibstoffnachschub und humanitäre Güter in den Gazastreifen bringen zu können.

Ob die Feuerpause nun auch halten wird und ob sie in eine Phase der Entspannung mündet, ist derzeit offen. Die israelische Armee erklärte, sie habe den Großteil der Einsatzziele erreicht, die Terrororganisation konnte militärisch und personell nachhaltig geschwächt werden. Sollte Israel jedoch weiter mit Raketen angegriffen werden, dann würden auch die israelischen Streitkräfte mit Beschüssen reagieren. Oder, wie es ein Armeesprecher formuliert: "Ruhe wird mit Ruhe beantwortet."