Im Tonstudio mit Marco-Sharif Khan

Jugendmusikwerk Baden erhält Deutschen Rock & Pop Preis

Konstantin Görlich

Von Konstantin Görlich

Sa, 09. Dezember 2017 um 00:00 Uhr

Südwest

Im Studio des Jugendmusikwerks Baden fassen Jugendliche Selbstvertrauen – die Projekte sind mehrfach preisgekrönt worden. Ein Besuch bei Mastermind Marco-Sharif im Tonstudio in Lahr.

Schwarzer Hoodie, Bart, Piercings: Marco-Sharif Khan wirkt fast so rau wie das frühere Lahrer Industriegelände, in dem sich sein Tonstudio befindet. Von einer Laderampe führt eine Treppe in den Keller, eine rote Lichterkette am Geländer weist den Weg. Hier beginnen keine halbseidenen Karrieren, die in Hits vom Fließband enden. Jugendliche fassen im Various Impressions Studio des Jugendmusikwerks Baden bei Musikprojekten Selbstvertrauen, das sie anderswo nicht bekämen. Marco-Sharif Khan hält alles zusammen, mit viel Energie und Herz. Konstantin Görlich hat ihn getroffen.

Gerade gibt er einem Rap-Song den letzten Schliff. Darin kommt die Zeile "Erst wurden sie verraten, dann kam die Polizei" vor. Aber es geht nicht um Drogen oder Gangster. Der Song erzählt die Geschichte von Anne Frank – und vermittelt Entsetzen über das aktuelle Wiedererstarken des Rechtsradikalismus. Die Autorin schrieb den Text mit 14 Jahren, das Video hat das Potential zum YouTube-Hit. Khan weiß das, wenn er gegen Ende des Songs nach Reaktionen im Gesicht seines Gegenübers sucht – und Bestätigung findet.





Mit Erfolgen kennt er sich aus, denn das Jugendmusikwerk Baden und seine Projekte sind mehrfach preisgekrönt worden. Heute bekommt es beim "Deutschen Rock & Pop Preis" den ersten, zweiten oder dritten Preis in der Kategorie "Kulturpreis für die Förderung der Rock- und Popmusik in Deutschland". Schon die Nominierung ist für Khan kaum zu fassen. "Davon ein Teil zu sein, das ist mega!".

Selbst Erfolge in Serie bringen keine Routine, auch wenn er routiniert und verbindlich darüber spricht – und sich von seinen Mitstreitern damit aufziehen lässt, wenn er schon wieder für die Zeitung fotografiert wird. Das mag er nämlich gar nicht, im Mittelpunkt stehen als Gründer und Vorsitzender. Khan zieht lieber im Hintergrund die Fäden, ist immer da, ehrenamtlich, zusätzlich zu seiner Arbeit als Prokurist bei einer Druckerei. "Beruflich stehen wir alle unter Dauerstrom, das hier ist der Ausgleich", sagt er. Das Lockere, die Leichtigkeit, auch Leichtfertigkeit der Jugendlichen, die Witze und natürlich die Musik – das bringe ihn runter.

Nachdem das erste Studio durch einen Wasserschaden komplett verloren gegangen war, hätte Khan beinahe aufgegeben – doch die Kids seien mit ihren Sparbüchsen angekommen. "Irgendwie krieg’ ich es hin", sagte er sich tränengerührt, lehnte das Geld ab und bekam es hin. Er warb Unterstützung, Spenden und sehr gute Rabatte ein – und steuerte selbst viel bei, nicht nur seine bestehenden Netzwerke, sondern auch eigenes Geld. Bei der Gründung ging er komplett in Vorleistung und kämpfte lange um die Anerkennung als gemeinnütziger Verein, der Inklusion und Prävention betreibt. "Das Finanzamt hat uns mit einer Castingshow gleichgesetzt – obwohl das Studio auch schon vorher nichtkommerziell war."

Über die Musikarbeit mit den Jugendlichen erreicht er diese auf eine besondere Weise. Viele haben Missbrauch erfahren oder andere Traumata, haben Schwierigkeiten wegen ihres Coming-Outs. Wenn Khan davon erzählt, wird seine Stimme ruhiger, gefasster, sanfter. In der langen WhatsApp-Chatliste auf seinem Handy, das selten Ruhe gibt, stehen zwei Chats direkt übereinander: Einer mit einer Jugendlichen und einer mit deren Mutter. Worum es geht, verrät er natürlich nicht, niemandem, niemals. Er ist absolute Vertrauensperson, Vermittler auch, und manchmal einfach nur Zuhörer, der mit zwei blauen Haken – Nachricht gelesen – Sicherheit gibt. "Das tut denen gut, es einfach nur von der Seele lassen zu können."

Er spricht die Sprache der Jugendlichen und die der Eltern, setzt seinen Ortenauer Dialekt ein und auch mal einen vermeintlich blöden Spruch, um auf Augenhöhe zu kommunizieren und so argumentativ durchzudringen. "Manchmal bin ich auch für die Eltern das, was ich für die Kids bin. Auch weil ich manchmal Sachen weiß, die die Eltern nicht wissen und nie wissen werden. Ich habe schon viele Gespräche so geführt, dass es endlich mal zu einer Aussprache kam." Oft erreicht er die Kids eher, und die Eltern wissen das. "Ich hab kein Elternteil, das mir nicht vertraut."

36 Jahre ist er jetzt. Schon durch den Altersunterschied gebe es einen gewissen Respekt. Bands betreut er auch aus Zeitgründen nur noch bei den Älteren, für die Jüngeren gibt es Jugendbetreuer. Was Khan und sein Team machen, ist Jugendsozialarbeit auf höchstem Niveau, obwohl er gar kein Jugendsozialarbeiter ist – er hat aber über die Jahre viele Qualifikationen für die Vereinsarbeit erworben, auch im Musikbusiness. Kommerziell würde er sein Wissen aber nie einsetzen, sagt er. Es geht um die Erfolgserlebnisse – nicht um den Erfolg. "Aber wir unterstützen die Jugendlichen bestmöglich", sagt er. Dabei könnte gerbe auch mal ein Star rauskommen. Aber: "Dabei sein ist alles", sagt er, auch und gerade bei den Band-Wettbewerben, an denen die jungen Talente teilnehmen – ohne Druck, einfach aus Spaß an der Sache. "Wir machen unsere Projekte so, wie wir sie machen möchten – und wenn nix viral geht, geht nix viral."

Das Selbstvertrauen, das seine Kids, wie er sie nennt, dabei gewinnen, ist gigantisch. Etwa als die "Rebels of Rock" als erste Rockband überhaupt die höchst seriöse Lahrer Musikmedaille in Gold gewann.

Es hat den Anschein, als gingen Khan und sein Team auch an die heutige Preisverleihung mit dieser Einstellung heran. Aber er weiß: Die Nominierung ist "eine Bestätigung dafür, dass der Weg, den wir gehen, richtig ist und dass es gut ist, was wir mit den Kids machen – und für die Kids ist es auch eine Bestätigung: Es ist toll, wie ihr mitmacht!”