Olympiastützpunkt

Junge Leistungssportler im Spagat zwischen Sport und Schule

Daniela Frahm

Von Daniela Frahm

Mi, 16. November 2016 um 07:32 Uhr

Freiburg

Drei Freiburger Schulen bilden mit dem Olympiastützpunkt Freiburg-Schwarzwald die "Eliteschule des Sports". Wie schaffen die jungen Leistungssportler das straffes Programm?

Sie haben den Traum von Olympia, von Weltmeisterschaften oder von der Bundesliga, wollen aber auch dafür gewappnet sein, wenn dieser Traum zerplatzt. Viele junge Leistungssportler müssen ein straffes Programm bewältigen, um die schulische Ausbildung und ihren Sport unter einen Hut zu bringen. Ihre Schulen, Vereine und Verbände geben dabei genauso Hilfestellungen wie der Olympiastützpunkt Freiburg-Schwarzwald. Der Erfolg hängt jedoch letztlich vor allem von ihnen selbst ab, von ihrer Motivation und Disziplin.

Satou Sabally: Von Berlin nach Freiburg

Als langjährige Jugend-Nationalspielerin und Leistungsträgerin der deutschen Basketball-Nachwuchsmannschaften ist Satou Sabally viel auf Reisen, auch außerhalb von Schulferien. Wenn ihre Mitschüler ins Freibad oder ins Kino gehen, muss die 18-Jährige deshalb lernen, um versäumten Schulstoff nachzuholen. Im vergangenen Jahr wechselte die Gymnasiastin von Berlin nach Freiburg, weil es in der Hauptstadt keine Erstliga-Mannschaft gibt. In Berlin hat sie beim Zweitligisten TuS Lichterfelde gespielt und war auf einer Schule nur für Leistungssportler. Das Training war in den Stundenplan integriert und für die Lehrer war es normal, dass ihre Schüler oft weg sind.

Der Umzug nach Freiburg war deshalb nicht nur eine große private Umstellung – sie war erstmals getrennt von ihrer Familie und den sechs Geschwistern –, sondern auch in sportlicher und schulischer Hinsicht. Jetzt spielt sie bei den Eisvögeln und geht aufs Rotteck-Gymnasium, das zwar eine Eliteschule des Sports ist und dementsprechend möglichst viel Rücksicht auf Training, Spiele und Turniere nimmt, die meisten Mitschüler von Sabally sind aber keine Leistungssportler.

Manchmal spürt die Basketballerin den Neid, wenn sie sich mal wieder für ein paar Tage oder sogar Wochen zu einem Lehrgang oder Turnier verabschiedet. "Die sehen dann eher, dass ich weg bin aus der Schule, aber nicht, dass ich zwei bis drei Mal am Tag Training habe", sagt die Basketballerin, "in der Schule finde ich es manchmal entspannter."

Constantin Frommann: Abi am Rotteck

Constantin Frommann hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Fußball-Torwart hat in diesem Sommer sein Abitur am Rotteck-Gymnasium bestanden. Er kam 2010 vom SV Oberachern zum SC Freiburg und ging damals noch in Achern aufs Gymnasium, fuhr fast jeden Tag zum Training nach Freiburg. 2013 zog er ins Nachwuchsleistungszentrum des Bundesligisten. "Es war die richtige Entscheidung, diese Pendelei zu beenden, weil ich mehr Zeit für das Projekt Fußball hatte und auch für die Schule", sagt der 18-Jährige. Auch er war in den vergangenen Jahren häufig mit der Nationalmannschaft auf Reisen, hat zum Beispiel 2015 sowohl die U 17-EM in Bulgarien als auch die U 17-WM in Chile gespielt und dadurch mehrere Wochen in der Schule verpasst.

Bei solchen wichtigen Turnieren liegt die Konzentration ganz auf dem Fußball, Schulstoff muss hinterher nachgeholt werden. Bei Lehrgängen sieht das anders aus. Da schickt der Deutsche Fußballbund (DFB) bereits seit mehreren Jahren Lehrkräfte mit, im Normalfall zwei: eine für die sprachlichen, die andere für die naturwissenschaftlichen Fächer. Zwischen den Trainingseinheiten müssen sich die Fußballer um ihre Aufgaben kümmern, die sie von den Schulen mitbekommen haben. "Manche haben einen ganzen Berg mitgekriegt, mein Pensum lag eher so in der Mitte", erzählt Frommann.

2009 hat der DFB das Projekt begonnen – Mia Wohlfarth aus Freiburg ist eine der ersten Betreuerinnen. Angefangen hatte sie beim Sportclub als Nachhilfelehrerin für Englisch, Bio und Deutsch. Dann fuhr sie mit zu einem U 17-Lehrgang der Nationalmannschaft nach Rumänien und machte den Job anschließend fast drei Jahre, bis ihre eigenen Kinder das nicht mehr zuließen. "Als einzige Frau dabei zu sein war auch ganz witzig. Die Jungs haben mir auch mal ihr Herz ausgeschüttet und mich um Hilfe in Beziehungsfragen gebeten. Ich war für sie wie eine Mama." Und sie hätten es als Erleichterung angesehen, dass sie nicht alleine den Schulstoff nachholen mussten.

Rotteck-Gymnasium: Kooperationslehrer

"Der DFB hat mehr Geld als andere Sportarten, kann es deshalb professioneller aufziehen", erklärt Max Frei. Der Langstreckenläufer ist als Kooperationslehrer am Rotteck-Gymnasium für alle Leistungssportler zuständig, auch die des Olympiastützpunktes – bis auf die Fußballer, die von Mia Wohlfarths Mann Dominik Wohlfarth betreut werden. Er ist ebenfalls Lehrer am Rotteck und Torwarttrainer in der Freiburger Fußballschule. Frei und Wohlfarth sind Ansprechpartner für Schüler, Lehrer, Vereine und Verbände. Sie klären ab, welchen Unterrichtsstoff die Mädchen und Jungen verpassen, während sie auf Reisen sind, und ob in dieser Zeit Klausuren geschrieben werden.

In diesem Fall wird manchmal organisiert, dass die Schüler die Klausuren zeitgleich mit ihren Mitschülern schreiben. Constantin Frommann hat diese Erfahrung nur ein Mal gemacht. Er musste sein Handy abgeben, damit er sich nicht absprechen kann, und ein Betreuer saß mit im Raum. "Wenn extrem wichtige Prüfungen anstanden, ist man aber gar nicht erst zu Lehrgängen gefahren." Die Klausuren werden per Mail oder Fax verschickt. "Es braucht Vertrauen zu den Schülern und zu ihren Trainern oder Betreuern", sagt Frei. Manchmal werde aber auch ein Referat oder eine mündliche Prüfung als Klausurersatz akzeptiert.

Satou Sabally musste noch nie bei einem Lehrgang eine Klausur schreiben. Bei den Basketballerinnen reisen ohnehin keine Lehrer mit, und die 18-Jährige sagt, dass sie sich bei Lehrgängen nur auf den Sport konzentrieren kann. "Ich sammle hinterher Mitschriften und Arbeitsblätter von Mitschülern und Lehrern ein und hole das nach. Es ist mir auch lieber, das selbst zu organisieren." Im vergangenen Jahr hat sie fast die gesamte Endphase gefehlt, ist von Mai bis Juli "gar nicht richtig in den Schulrhythmus gekommen". Das hat sich auch in den Noten bemerkbar gemacht, die in der ersten Hälfte besser waren als in der zweiten.

Für Frei ist es immer wieder "ein pädagogischer Balanceakt, nicht zu viele Extratüren zu öffnen und zu viel wohlwollende Hilfestellung zu geben". Die Sportler sollen auch selbst den Kontakt zu ihren Lehrern suchen. "Es erfordert eine wahnsinnige Selbstständigkeit, Eigenmotivation und Einsicht, das alles am Laufen zu halten." Frei und Wohlfarth haben jedoch festgestellt: Wer es schafft, das gut zu organisieren, ist meist nicht nur gut in der Schule, sondern auch im Sport.