Kardinal Pell zurück im Vatikan

Julius Müller-Meiningen

Von Julius Müller-Meiningen

Mi, 14. Oktober 2020

Ausland

Ungewöhnliche Privataudienz.

"Ranger", so nennen einige im Vatikan den australischen Kardinal George Pell. Fast zwei Meter groß und bekannt für seine Durchsetzungsfähigkeit, ist Pell eine der umstrittensten Figuren in der katholischen Kirche. Dogmatisch gesehen ist der 79-Jährige ein Antipode von Papst Franziskus. Während der Papst die Kirche offener zu gestalten versucht, vertritt Pell eine traditionalistische Linie. Zu Beginn des Pontifikats kritisierte er etwa die von Franziskus bezweckte Öffnung bei der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene.

Am Montag sah man beide Männer nach drei Jahren ohne Begegnung in Einigkeit in der päpstlichen Bibliothek im Apostolischen Palast. Franziskus hatte dem Australier nach dessen Freispruch in einem Strafprozess wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern erstmals wieder eine Audienz gewährt. Dass es sich dabei um mehr als ein gewöhnliches Treffen handelte, war auch daran zu erkennen, dass der Vatikan ein kurzes Video der Begegnung veröffentlichte. Privataudienzen mit dem Papst bleiben normalerweise privat. Die Veröffentlichung war ein Zugeständnis an Pell, der sich drei Jahre lang in Australien vor Gerichten verantworten musste und nach einer Verurteilung in zweiter Instanz 400 Tage in Haft verbrachte. Franziskus hatte dem 2017 beurlaubten Kardinal die öffentliche Ausübung des Amtes sowie jeden Kontakt mit Minderjährigen verboten. Die Rückkehr Pells in den Vatikan und die persönliche Begegnung mit dem Papst hatte deshalb den Beigeschmack einer Rehabilitierung.

Dem früheren Erzbischof von Melbourne und Sydney war vorgeworfen worden, nach einer Messe 1996 in Melbourne zwei Chorknaben sexuell missbraucht zu haben. Einer der beiden Zeugen war 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben. Der Oberste Gerichtshof, der Pell im April freisprach, bestätigte die Glaubwürdigkeit des zweiten Zeugen. Die glaubwürdige Aussage nur eines Belastungszeugen sei jedoch nicht ausreichend für eine Verurteilung, erklärten die Richter.