Kein 5G in Freiburg?

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 21. Juli 2019

Freiburg

Der Sonntag Neue Initiativen sind gegen den Ausbau des neuen MobilfunkstandarDs in der Stadt.

Mobilfunk-Skeptiker wollen in Freiburg eine Einwohnerversammlung erreichen, eine Online-Petition sammelt Stimmen für eine 5G-freie Stadt. Mit dem neuen Datensendestandard bekommt Freiburg eine weitere Debatte zu Gefahren durch Sendeanlagen.

Es scheint Informationsbedarf zu geben. Am Freitagabend war Peter Hensinger schon wieder in Freiburg, er ist Referent und zentrale Figur des Vereins "Diagnose Funk" und reist durch Städte, um vor den Folgen der Mobilfunkstrahlung zu warnen. Es war bereits sein drittes Gastspiel in Freiburg in diesem Jahr. "Freiburg 5G-frei – warum eigentlich?" ist sein Vortrag betitelt.

Seit 30. April gibt es auch ein Aktionsbündnis namens "Freiburg 5G-frei" und für die dort Engagierten ist die Frage längst beantwortet. Der Datentransfer mit 5G arbeitet mit hohen Frequenzen und deswegen einer geringeren Reichweite, also würden für einen flächendeckenden Ausbau viele, viele neue Sender benötigt. Allerdings sei gar nicht bekannt, was passiere, wenn man dieses neue Mikrowellengewitter auf die Menschen loslasse, argumentiert man dort. "Auf Seiten des Staats kümmert sich niemand um die Technikfolgenabschätzung", kritisiert Sprecherin Gabriele Schmalz. "Wir sagen: Stoppt den Ausbau von 5G, solange die Wirkung und die Langzeitfolgen nicht zweifelsfrei geklärt sind." Und die Stadt Freiburg solle doch Brüssel nacheifern – dort hat die Umweltministerin einen Probelauf der neuen Technologie gestoppt – mit den strengen städtischen Strahlungsgrenzwerten sei das nicht vereinbar.

Seit um die Jahrtausendwende der Mobilfunk zum Massenmarkt wurde und die Betreiber ihr Sendernetz stark ausbauten, gibt es immer wieder aufflammende Proteste gegen die Technologie wegen möglicher Gesundheitsgefahren. Der erbitterte Expertenstreit ist nur schwer zu durchdringen. Es gibt Gutachten und Gegengutachten, seriöse Wissenschaftler sind auf dem Gebiet unterwegs, aber auch esoterisch Getriebene und Industrie-Lobbyisten. Seit Anfang dieses Jahres nun steht der Ausbau zum neuen, superleistungsfähigen Standard 5G an und der Streit geht in eine neue Runde. Der Freiburger Professor und Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker fasst es so zusammen: "Wir wissen nicht sicher, ob die Technik gesundheitliche Risiken mit sich bringt, aber wir können es auch noch nicht ausschließen."

Zu den Plänen von "Freiburg 5G-frei" träfen sich regelmäßig 40 bis 50 Leute, sagt Gabriele Schmalz. "Die Leute sind froh, wenn sie etwas machen können." Unter den Mitstreitern finden sich auch "Veteranen" der regionalen Mobilfunk-Kritiker wie beispielsweise der Arzt Wolf Bergmann, der schon vor 15 Jahren in der Initiative zum Schutz vor Elektrosmog unterwegs war. Seit dieser Woche ist auch ein zur Initiative gehörender Verein namens "Freiburg 5G-frei Feldstärken" offiziell anerkannt, jetzt könnten auch Mitglieder und Spenden geworben werden.

Erstes Ziel der Initiative ist eine Einwohnerversammlung, die die Stadtverwaltung laut Gemeindeordnung zu einem Thema einberufen muss, wenn 2 500 Bürger das Begehren unterschreiben. "Und die haben wir fast schon zusammen." Ein solches Instrument ist in Freiburg noch nie angewendet worden, zum Stadtteil Dietenbach wird eine solche Versammlung mittlerweile ebenfalls angestrebt.

Wer Michael Berstechers Gitarrengeschäft betreten will, wird per Schild darauf aufmerksam gemacht, dass er sein Handy ausmachen muss. Berstecher stuft sich als elektrosensibel ein. Bis vor vier Jahren sei er technikbegeistert gewesen, dann habe es schlagartig angefangen. "Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Tinnitus", zählt er auf. Und ja, Strahlung sei eindeutig der Auslöser. "Es ist mir von daher ein ganz großes Herzensanliegen, meine Mitmenschen über die Summe dieser Gefahren aufzuklären, um ihnen diese Erfahrung am eigenen Leib zu ersparen", erzählt er. Auf der Plattform openpetition.de hat Berstecher Ende Mai darum eine Unterschriftensammlung gestartet. Sind 20 000 Online-Unterzeichner eingesammelt, soll das Paket an Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn und den Gemeinderat geleitet werden. Von ihnen wünschen sich die Unterzeichner laut Text "einen sofortigen Ausbaustopp von 5G im gesamten Stadtgebiet".

Den Gemeinderäten ist das Thema nicht neu. Kürzlich bat Linke-Liste-Stadträtin Ulrike Schubert im Umweltausschuss zu Informationen rund um das Thema 5G, da immer mehr Menschen deswegen vorstellig würden. "Da das Thema während des Wahlkampfs immer wieder angesprochen wurde, werden wir uns sicherlich im nächsten halben Jahr überlegen, wie wir damit umgehen", sagt Grünen-Stadtrat Timothy Simms.

OB Horn kündigt für Herbst Veranstaltung an

"Wir sehen Informationsbedarf bei einigen Bürgerinnen und Bürgern und suchen deshalb den Austausch", sagt Oberbürgermeister Martin Horn auf Anfrage des Sonntag. Im Rathaus bereite man eine öffentliche Veranstaltung im Herbst vor, bei der auch kritische Stimmen zu Wort kommen würden. Einen echten Einfluss auf den Ausbau von Sendeanlagen in der Stadt habe man nicht, heißt es im Rathaus. Den einzigen Hebel hat die Stadt bereits vor Jahren angewandt: Seit einem Gemeinderatsbeschluss von 2001 gibt die Stadt keine eigenen Gebäude mehr als Senderstandorte her, wenn eine Kita oder eine Schule in der Nähe ist. OB Horn spricht nicht davon, 5G verhindern zu wollen. "Wir werden als Stadt mit allen Anbietern sprechen und deren Planungen abfragen, damit wir unser Möglichstes für einen umsichtigen Ausbau erreichen."