Kein kalter Nebel am Oberrhein

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Mo, 10. Februar 2020

Waldkirch

Julia Heinecke schrieb einen Roman über den Wyhl-Widerstand.

WALDKIRCH. Der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Whyl hat längst Legendenstatus. Die erfolgreiche Bauplatzbesetzung Ende Februar 1975, also vor ziemlich genau 45 Jahren, war ein identitätsstiftendes Erlebnis mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen. Vor einem halben Jahr erschien ein Roman von Julia Heinecke mit dem Titel "Kalter Nebel", der den Widerstand in Form einer Familiengeschichte lebendig, spannend und atmosphärisch dicht nacherzählt.

In Wyhl hatte ein Umdenken mitbegonnen, in dessen Folge neue soziale Bewegungen und die Grünen entstanden, Umweltschutz ein zentrales politisches Thema und die Energiewende und der Atomausstieg in Deutschland Gesetz wurden. Da ist es wenig verwunderlich, dass es eine Vielzahl von Broschüren, Büchern und Chroniken über die Wyhler Ereignisse gibt. Jetzt also auch ein Roman.

Die Freiburger Autorin Julia Heinecke hat zuvor bereits zwei Romane über das Schicksal eines Schwarzwälder Hirtenbuben in den 1940er Jahren und einer Magd mit einem unehelichen Kind in den 1950er Jahren veröffentlicht. Einige der fiktiven Hauptpersonen aus dem letzten Buch spielen in dem neuen Roman wiederum eine tragende Rolle, andere Charaktere sind an tatsächliche Akteure angelehnt. Für ihr Buch hat Heinecke viele Gespräche mit damals Beteiligten geführt und gründlich im Archiv der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen in Weisweil recherchiert.

Bei der am vergangenen Dienstag von der Buchhandlung Augustiniok im Orgelbauersaal veranstalteten Buchvorstellung las die Autorin Passagen aus ihrem Roman, die sie durch Fotos, Tonaufnahmen und erläuternde Informationen ergänzte. Der Romantitel "Kalter Nebel" bezieht sich auf Befürchtungen der Winzer, der Wasserdampf aus den geplanten Kühltürmen würde zu einer Klimaverschlechterung und zum Pilzbefall der Reben führen. Die Gefährlichkeit der radioaktiven Strahlung war für die Landbevölkerung zunächst kein Thema, eine Aufklärung hierüber habe es erst durch Studenten und Fachleute bei den Veranstaltungen der auf dem besetzten Bauplatz ins Leben gerufenen "Volkshochschule Wyhler Wald" gegeben, berichtete Heinecke. Ministerpräsident Hans Filbinger habe vergeblich versucht, die Besetzung als das Werk "extremistischer Drahtzieher" darzustellen. Entscheidend für den Erfolg des Protests sei vielmehr gewesen, dass er aus der Mitte der Gesellschaft kam und Winzer, Bauern, viele Honoratioren und Freiburger Studenten gemeinsam handelten. Ebenso wichtig gewesen seien der gemeinsame badisch-elsässische Protest, der sich auch gegen ein geplantes Bleiwerk im französischen Marckolsheim richtete, die Unterstützung durch die Kirchen, dabei vor allem durch die evangelische, die maßgebliche Beteiligung vieler Frauen sowie die Diskussionen über Sonnenenergie als Alternative zur Kernkraft.

Unter den rund 50 Veranstaltungsbesuchern waren auch mehrere damalige Akteure, die eigene Erlebnisse beisteuerten. Nach einer ersten, ziemlich brutalen Platzräumung seien etliche CDU-Mitglieder aus der Partei ausgetreten. Verhaftet wurden dabei aber fast nur "langhaarige Studenten", um so die Fernsteuerung des Protests zu beweisen. Wenige Tage später kam es zu einer zweiten Bauplatzbesetzung. Ohne Handy und Internet seien in kurzer Zeit 28 000 Demonstranten zusammengekommen. Weil damals der Polizeifunk noch leicht abzuhören war, hätten die Besetzer über eine erneut drohende Räumung Bescheid gewusst. Da die Telefonkette der Unterstützer außerhalb des Bauplatzes durch die Kappung der Leitungen lahmgelegt war, läuteten stattdessen die evangelischen Kirchenglocken der umliegenden Gemeinden. Vor und hinter dem Bauzaun hätten sich Verwandte, teils als Polizisten, teils als Demonstranten, gegenübergestanden. Für beide Seiten keine einfache Situation. Dennoch sei es die ganze Zeit über weitgehend friedlich geblieben.

Kurios sei gewesen, dass im Freiburger Raum ausgerechnet während eines Fußballländerspiels der Strom ausfiel. Es wurde gemunkelt, dass man der Bevölkerung mal demonstrieren wollte, was es heiße, wenn wegen Verzicht auf die Kernenergie "die Lichter ausgingen". Schließlich lenkte die Landesregierung ein, ein Baustopp wurde verhängt und auf Schadensersatzforderungen verzichtet. Nach neun Monaten wurde die Besetzung beendet, die Demonstranten hätten sogar noch ein Polizeiauto aus dem Matsch geschoben. Bis heute seien aber manche Gräben zwischen damaligen Befürwortern und Gegnern des AKW nicht zugeschüttet.

Thematisiert wurde vom Publikum auch die damalige Berichterstattung der Badischen Zeitung. Es habe eine Karikatur gegeben, auf der Filbinger dem Chefredakteur den Griffel führt. Zunächst sei im Blatt hauptsächlich die Regierungsfassung zu lesen gewesen, viele Kaiserstühler hätten ihr Abo gekündigt. Mit der Zeit habe die BZ dann aber kritischer berichtet. Eine Stimme des Protests war der heute in Waldkirch lebende Liedermacher Roland Burkhart. Bei der Lesung spielte er einige der damaligen Lieder, und viele aus dem Publikum sangen mit.

Das Buch: Julia Heinecke: "Kalter Nebel: Widerstand am Kaiserstuhl". 304 Seiten. Erschienen 2019. 15.80 Euro. Erhältlich unter anderem in der Buchhandlung Augustiniok.