Szene Zwei in Lahr

Lahrer Tanzkompanie zeigt "No name – Das Muxical" online

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Fr, 25. Dezember 2020 um 10:00 Uhr

Lahr

Nach Live-Aufführungen im Frühherbst, führte die Lahrer Szene Zwei ihr Musical "No name*" als Streaming im Internet auf. Der Deutschlandfunk sendet am 1. Januar eine Reportage über die Gruppe.

Am 17. Oktober hat "No name* – Das Muxical" in Reutlingen Premiere gehabt. Es folgten ein paar Live-Aufführungen im kurzen Veranstaltungsfenster des Herbstes unter strengen Hygieneauflagen vor kleinem Publikum. Am Montagabend dann wurde das neue Stück der Lahrer Tanzcompagnie Szene Zwei im Internet gestreamt.

Choreograf William Sanchez H. lässt die sieben Tänzerinnen und Tänzer zunächst als schwarz gekleidete Figuren auftreten. Sogar die Gesichter sind verdeckt. Stille, Schritte, das Geräusch eines über die Bühne geschobenen Tisches, auf dem ein riesiger Plüschteddy liegt. Die Schattenwesen um ihn herum wirken wie auf der Suche nach einer Aufgabe. Einzelne treten in Kontakt zueinander. Nach acht Minuten die erste Musik, das erste offen gezeigte Gesicht. Erste Tanzbewegungen, ironischerweise zum Sound von "Don’t feel like dancing".

Es geht wild zu, turbulent, aggressiv zuweilen

Unter dem schwarzen Overall von Tänzer Jose Manuel Ortiz, der später auch als DJ aktiv wird, kommt das Zitat eines Business-Kostüms in Knallorange zum Vorschein, knappe Jacke, Shorts, atemberaubend hohe Stöckelschuhe. Der bleierne Bann ist gebrochen, doch es dauert noch lange, bis alle Tänzer und Tänzerinnen so bunt unterwegs sind. Zartes Vogelgezwitscher deutet ihre innere Öffnung für neue Erfahrungen an, die allerdings hart erarbeitet werden im Ausprobieren verschiedener Bewegungen, Paarungen, Situationen. Es geht wild zu, turbulent, aggressiv zuweilen, aber eben auch lebendig und spannend.

Wie stehe ich zum meinem Körper, meinem Geschlecht, meinen Einschränkungen und Begierden, scheinen die Tänzer sich zu fragen in Spiegelungen, Selbst- und Fremdbetrachtungen. "I search myself, I love myself" schallt es in treibenden Rhythmen aus den Lautsprechern, die zwischen die Tänzer auf die Bühne geschoben werden. Vielleicht ist es die ungewohnte Zuschauersituation am heimischen Computer, aber die sichtbaren Boxen und die Kabel, die auch mal peitschend auf die Seite geworfen werden, entzaubern das Ganze erheblich. Auch wenn die Musik nach Techno klingt, will man die Technik nicht sehen, zumindest ausblenden können wie das DJ-Pult im Hintergrund.

Nur rund 25 Zuschauer beim Livestream

Die Plexiglasabtrennungen und der Glastisch, der sich als durchsichtige Wand verwenden lässt, bieten als Requisiten dagegen einen echten Mehrwert für die Inszenierung. Nach einer knappen Stunde sind aus allen Tänzern bunte Paradiesvögel geworden, die zu einer Endlosschleife des Gassenhauers "Venus – she’s got it" auf der Bühne tanzen. In anderen Zeiten würde das Publikum bei solch einem Finale wohl kaum sitzen bleiben. Das Saalpublikum, das am unteren Bildrand zu sehen ist, lässt sich zum Mitklatschen animieren, die gerade einmal 25 Zuschauer an den Bildschirmen fühlen sich noch weiter weg als zuvor schon.

Es wird einmal mehr deutlich, dass Kunst und Kultur davon leben, dass Menschen zusammenkommen. Dass Bühnenraum und Zuschauerreihen eine Atmosphäre schaffen. Dass man direkt sieht, hört, sogar riecht und spürt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis das wieder möglich ist. Für die Szene 2wei Compagnie, in der Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten, erweist es sich als Glücksfall, dass die meisten von ihnen auch zusammen in einer Wohngemeinschaft leben. Wenn sie schon nicht vor Publikum auftreten können, können sie doch zusammen tanzen und proben.
Einblicke in die Inszenierung gibt ein Trailer zu "No name*- Das Muxical" unter http://mehr.bz/szene-tanz. Am 1. Januar sendet um 12.30 Uhr der Deutschlandfunk Kultur eine Reportage über die Szene Zwei, Titel: "Alle Menschen sollen tanzen."