Leserbriefe

Michael Nopper

Von Michael Nopper

Mi, 04. Dezember 2019

Grenzach-Wyhlen

GEMEINDEENTWICKLUNG
Das wird ein kurzes Vergnügen sein
Im Folgenden druckt die BZ den Leserbrief, der zum Zerwürfnis zwischen Michael Nopper und dem Vorstand des CDU-Ortsvereins geführt hat. Darin nimmt Nopper Bezug zu einem Leserbrief von Manfred Mutter über die generelle Entwicklung der Gemeinde:
Ich fühle mich angesprochen von Ihrer These, lieber Herr Mutter, dass die Themen der Gemeindepolitik nicht nur am Ratstisch von den Gemeinderäten entwickelt werden sollten. Diese Themen brauchen viel mehr Öffentlichkeit. Und ich habe in den vergangenen Jahren als Teilnehmer in unterschiedlichen Diskursen erfahren, wie wesentlich die Blicke und Beiträge von außen sind. In diesen sommerlichen Tagen stelle ich eine kleine Sammlung von Themen zusammen, die unsere Aufmerksamkeit nötig haben. Diese ganz unvollständige Sammlung bedarf Ihrer Ergänzung und Kommentierung.

Viele bunte Plakate haben wir im Kommunalwahlkampf gesehen. Öffentlichkeit haben sie nicht herstellen können, ebenso wenig wie die Facebook-Posts und leider auch die zaghaften Versuche, abendliche "Live-Veranstaltungen" durchzuführen. Die Tagesordnungen und Beschlussvorlagen für die Gemeinderatssitzungen werden drei(!) Werktage vor den jeweiligen Entscheidungen veröffentlicht. In dieser kurzen Zeit kann die Öffentlichkeit keine Debatten über die Themen führen.
Wir stecken also in einer Klemme: Die "alte" Öffentlichkeit – das ganze Dorf trifft sich abends in den Beizen, und alle sind über das, was läuft, informiert, ist geschwunden, eine neue Öffentlichkeit – das könnte eine Facebook-Gruppe sein, die von der Gemeinde zur Verfügung gestellt und administriert wird und zu der alle Einwohnende Zugang haben – gibt es noch nicht. Und wer sich die Kosten des Zeitungsabos nicht leisten mag oder kann, ist auch von dieser wichtigen Quelle der Information ausgeschlossen.

"Wir" (wer ist da gemeint?) brauchen mehr Wohnraum. Dieses Mantra führt unsere Baupolitik seit 100 Jahren. Ergebnis ist ein Ortsbild, das zwischen Ex-Bauernhöfen und Hochhaussiedlungen alles Mögliche zeigt – bloß keine langfristige Gesamtplanung. In diesen zinsarmen Zeiten ist der Investitionsdruck hoch, Investoren nutzen jede erdenkliche Möglichkeit, höher, teurer, mehr zu bauen. Im Serrnuss ("Kapellenbach Ost") herrscht fröhliche Grundstücksspekulation. Unsere liberalen Bauvorschriften setzen dieser Gier wenige Grenzen. Somit profitieren Bauinvestoren gewaltig – und die Gemeinde muss zusehen, wie sie die Infrastruktur dafür finanzieren kann.

Ich muss zugeben: Auch die Landesbehörden haben einen auf fünf Jahre beschränkten Horizont, wenn sie Bauten bezuschussen, unser Schulzentrum zum Beispiel. Das ist also üblich. Aber ist es gescheit? Wir sind das letzte zentrumsnahe Filetstück in der Region Basel. Hier ist Entwicklung denkbar, die nicht nur auf die kommenden fünf Jahre schaut.

Wyhlen hat es schon um 1960 erfahren: Soda in Europa lohnt sich nicht mehr. Die Ruhr hat es viel größer und schmerzlicher durchgemacht. Kohle? Stahl? Das sind Industrien, die in Europa zu wenig einbringen. Und Dexpanthenol? Die gute Bepanthensalbe? Roche hat die Produktion aufgegeben, Bayer führt sie (gnadenhalber?) vorläufig weiter. Die Region Basel steht weltweit in einem Wettbewerb um Mitarbeitende, die sich die Frage stellen: Basel? San Francisco?

Dass wir eine Industriegemeinde sind, zeigt der Blick vom Hornfelsen klar. Aber das wird ein kurzes Vergnügen werden. Attraktiv für die neue postindustrielle Zeit sind andere Merkmale. Viele Menschen ahnen schon, welche das sind. Aber nennen wir sie als Gemeinde gemeinsam? Und machen wir solches miteinander Themen entwickeln zur Grundlage der Entscheidungen?