Legalisierungsdebatte

Lörracher Suchtexperte: "Cannabis ist nichts für Jugendliche"

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 24. Oktober 2021 um 14:02 Uhr

Südwest

Suchtexperte Daniel Ott vom Zentrum für Suchtprävention in der Villa Schöpflin in Lörrach warnt vor der geplanten Legalisierung von Cannabis. Es sei das falsche Signal für Kinder und Jugendliche.

Die Frage, ob Cannabis zum Freizeitgebrauch legalisiert werden soll, wird seit Jahren diskutiert. Nun könnte eine Freigabe in einer Ampel-Koalition umgesetzt werden. Dies würde Polizei und Staatsanwalt entlasten und die organisierte Kriminalität in diesem Bereich zurückdrängen, sagen Befürworter. Suchtexperten wie Daniel Ott vom Zentrum für Suchtprävention in der Villa Schöpflin in Lörrach warnen allerdings vor einem riskanten Signal.

BZ: Wenn es nach den drei Parteien SPD, Grüne und FDP geht, die vermutlich die neue Bundesregierung stellen werden, könnte Cannabis zum Freizeitgebrauch unter bestimmten Bedingungen legalisiert werden. Wie bewerten Sie das, Herr Ott?

Ott: Für uns Präventionsfachkräfte in der Villa Schöpflin steht die Frage im Vordergrund, was eine Legalisierung für Kinder und Jugendliche bedeutet. Wie interpretieren sie diesen Schritt? Welche Botschaft kommt bei ihnen an? Erwachsene sind in der Verantwortung, Kinder und Jugendliche zu schützen. Im Fall einer Legalisierung muss der Jugendschutz großgeschrieben werden und die Prävention muss Angebote bereitstellen. Cannabis ist nichts für Jugendliche.

"Die Zahl der Ratsuchenden ist kontinuierlich hoch." Suchtexperte Daniel Ott
BZ: Und doch ist Cannabis heute unter Jugendlichen weit verbreitet. Viele konsumieren gelegentlich und erleben nach eigenen Angaben keine negativen Folgen.

Ott:Den Konsum von Cannabis würde ich nie als völlig unproblematisch bezeichnen. Cannabis hat durchaus negative Folgen auf den Körper. Rauch zum Beispiel, der in die Lunge inhaliert wird, ist schädlich für die Gesundheit. Jugendliche sind im Vergleich zu Erwachsenen auch mehr gefährdet, eine Sucht zu entwickeln, was mit der Entwicklung des Gehirns zu tun hat. Neben körperlichen Folgen hat der Cannabiskonsum bei Jugendlichen insbesondere auch negative Auswirkungen auf Bereiche wie Familie, Freunde oder die Schule.

BZ: Wann vor allem droht der Konsum zum Problem zu werden?

Ott: Wenn zum Beispiel Stress, Langeweile oder Frust mit Hilfe von Cannabis bewältigt werden und regelmäßig und immer mehr konsumiert wird, erhöht sich die Gefahr, die Kontrolle zu verlieren. Besonders hellhörig sollte man werden, wenn aus dem Freundeskreis oder der Schule Hinweise kommen und eine Änderung im Verhalten oder der Persönlichkeit sichtbar wird.

BZ: Worunter leiden die Cannabisnutzer, die bei Ihnen Rat suchen oder von Eltern, Schule, Polizei, Justiz geschickt werden?

Ott: Die meisten Jugendlichen kommen zu uns, weil sich Personen in ihrem Umfeld Sorgen machen. Das kann beispielsweise sein, wenn sich ihre Kinder verändern oder Haschisch oder Marihuana zu Hause gefunden werden. Jugendliche berichten uns über ihre angenehmen Rauscherfahrungen, aber auch die damit verbundenen Schattenseiten. Die meisten berichten über Schwierigkeiten in der Schule, die Vernachlässigung von konsumfreien Freizeitaktivitäten, aber auch von Stress mit den Eltern oder der Polizei. Die Zahl der Ratsuchenden ist kontinuierlich hoch. Wir beraten pro Jahr etwa 75 Familien, hinzu kommen etwa 25 Workshops an Schulen im Landkreis Lörrach.

BZ: Gegner der Legalisierung – darunter Juristen, Mediziner und die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU) – warnen, dass früher und intensiver Cannabis-Konsum Psychosen auslösen und bei vorbelasteten Menschen zu Schizophrenie führen kann. Wie schätzen Sie das ein?

Ott: Die Studienlage deutet darauf hin, dass Konsumierende häufiger und früher an einer Psychose erkranken als andere Jugendliche. Das gilt besonders, wenn Cannabis regelmäßig über längere Zeit konsumiert wird und der Stoff einen hohen Gehalt des berauschenden Tetrahydrocannabinol (THC) hat.

"Cannabis hat auf Jugendliche eine andere und viel stärkere Wirkung als auf Erwachsene." Daniel Ott
BZ: Der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Rainer Thomasius, der einer der entschiedensten Gegner der Legalisierung von Cannabis ist, verweist auf Polizeistatistiken aus Ländern, in denen Cannabis-Konsum legal ist, und meint, sie könnten auf eine Zunahme von Gewaltdelikten im Zusammenhang mit der Droge hindeuten. Begegnen Ihnen solche Fälle?

Ott: Wir arbeiten mit Jugendlichen, die nicht süchtig sind, und erreichen viele früher, also bevor solch massive Probleme auftauchen. Das ist die Aufgabe der Prävention: Früh hinschauen und helfen!

BZ: Warum kann Cannabis-Konsum besonders für junge Menschen gefährlich sein?

Ott: Wie bereits angedeutet, hat Cannabis auf Jugendliche eine andere und viel stärkere Wirkung als auf Erwachsene. Zu den bedeutendsten Entwicklungsphasen für das Gehirn, nach der Geburt, zählt die Jugendphase. Hier geschehen viele Veränderungen. Dementsprechend ist das Gehirn in dieser Phase gegenüber jeglichen Störungen von außen, wie etwa Drogenkonsum, besonders empfindlich. Ein früher Erstkonsum steht im Verdacht, selbst bei relativ geringen Mengen einen riskanten Konsum in der Adoleszenz zu begünstigen.
Mehr zum Thema: Der CSU-Abgeordneter Stephan Pilsinger will den Konsum legaler Drogen einschränken.

BZ: Da Cannabis inzwischen als Medikament zugelassen ist, scheint für manche der Gedanke nahezuliegen, dass es nicht schädlich sein kann.

Ott: Tatsächlich ist es nicht naheliegend, die Gefahren von Cannabis anhand von medizinischem Cannabis zu bewerten. Grundsätzlich sind Medikamente für kranke Menschen bestimmt und nicht für gesunde Jugendliche. Zudem ist es falsch, im Zusammenhang mit Medikamenten von nicht "schädlich" zu sprechen.

Medikamente haben meist Nebenwirkungen. Was die Wirkstoffe angeht, so muss man medizinisches Cannabis klar von Cannabis zum Freizeitgebrauch unterscheiden. Bei ersterem liegt der Fokus auf Cannabidiol (CBD), das unter anderem eine entzündungshemmende Wirkung hat. Bei Cannabis für den Freizeitgebraucht ist hingegen der Anteil des berauschenden THC viel höher.

"Eltern sollten offen mit Ihren Kindern über Cannabis sprechen und sie müssen sich auskennen." Daniel Ott
BZ: Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht sich neuerdings für die Legalisierung aus mit dem Argument, dass illegalem Straßencannabis immer öfter "neuartiges Heroin" beigemischt sei, das schnell Abhängigkeit erzeuge. Gilt das auch für Südbaden?

Ott: Hierzu verlässlich Auskunft zu erteilen, ist mir nicht möglich. Allerdings ist diese Thematik nicht neu für unsere Arbeit.

BZ: Wie würde eine Legalisierung die Möglichkeiten der Drogenberatung verändern?

Ott: Ich hoffe, dass Eltern noch frühzeitiger Rat einholen. Eltern sollten offen mit Ihren Kindern über Cannabis sprechen und sie müssen sich auskennen. Des Weiteren erhoffe ich mir, dass bei einer Legalisierung noch mehr Schulen die Cannabisprävention konsequent umsetzten, um aufzuklären. Da davon auszugehen ist, dass eine Legalisierung die Anfragen steigen lässt, brauchen die Beratungs- und Präventionseinrichtungen mehr Mittel.
BZ: Die Grünen befürworten straffreien Konsum für Volljährige und Handel in lizenzierten Fachgeschäften. FDP-Chef Christian Lindner hat sich jetzt für Apotheken ausgesprochen, verbunden mit gesundheitlicher Aufklärung. Die SPD ist für eine regulierte Abgabe in Modellprojekten. Welches Modell halten Sie für sinnvoll?

Ott: Eine regulierte Abgabe in Verbindung mit einer gesundheitlichen Aufklärung würde für Apotheken sprechen.
Beratung & Hilfe

Einen Cannabis Check-Up, um den eigenen Konsum einzuschätzen, bietet die Villa Schöpflin unter cannabischeckup.villa-schoepflin.de an. Der Check-up kann auch bei der Frage helfen, ob man eine Beratungsstelle kontaktieren möchte. Kontakt: villa-schoepflin.de