Landkreis Lörrach

Manche Steinener sehen ihre Mitfahrbänke als Chance, andere als Gefahr

Ralf Lacher und Robert Bergmann

Von Ralf Lacher & Robert Bergmann

Sa, 17. August 2019 um 12:55 Uhr

Steinen

Weitenau ist stolz auf sein "Mitfahrbänkli". In anderen Teilorten von Steinen hat man Angst, dass dadurch der öffentlichen Nahverkehr rund um die Gemeinde noch weiter ausgedünnt werden könnte.

Im späten Frühjahr bereits wurde im Eingangsbereich zum Weitenauer Dorfkern ein sogenanntes "Mitfahrbänkli" aufgestellt. Nach dem Dorffest Ende Juli erhielt das gute Stück auch ein Schild, das es eben als "Mitfahrbänkli" ausweist. Inzwischen hat sich die Mitfahrbänkli-Initiative bis ins Kleine Wiesental ausgeweitet. Doch gibt es auch kritische Stimmen.

In urigem Alemannisch steht auf dem gut sichtbaren Schild an der Weitenauer Dorfstraße zu lesen: "Do hogge selli, wo mitgno werde wän". Ein Pfeil verweist auf das blaue Metallbänkchen. "Wir haben die Bank im Mai aus Mitteln der Ortsverwaltung angeschafft, unabhängig von der Aktion im Kleinen Wiesental", erzählt Ortsvorsteherin Freya Bachmann. 600 Euro kostete das Mitfahrbänkli einschließlich der Beschilderung.

Den Service gibt es inoffiziell schon länger

Wie Bachmann erklärt, gibt es im Dorf schon lange eine Art von Mitfahrservice. "Wer etwa aus Steinen nach Weitenau will, der setzt sich an die Bushaltestelle beim Steinener Rathaus. Wenn ein Weitenauer sieht, dass dort ein Mitbürger sitzt, denn nimmt er ihn mit." Nun habe man eben in Weitenau eine Ergänzung geschaffen. Genutzt wurde das neue Mitfahrbänkli bisher schon einige Male.

Der Mitfahrservice funktioniere auch ohne Anlehnung an den anvisierten Usus im Kleinen Wiesental, erklärt Ortsvorsteherin Bachmann. Dort sollen sich am Mitmachen interessierte Autofahrer erst bei der Gemeinde registrieren und dann einen Aufkleber für die Windschutzscheibe erhalten. "Eine solche Plakette wollen wir nicht. Das wäre zu viel bürokratischer Aufwand." Es sei aber sinnvoll, wenn das Weitenauer Mitfahrbänkli an die Aktion in der Nachbarschaft angeschlossen wäre. Die Kleinwiesentäler Bänkli-Aktivistinnen um Jeanette Kiefer-Cardinale haben vor, in Neuenweg, Niedertegernau, Wies, Tegernau, Wieslet, aber auch in Steinen und Schopfheim solche "Mitfahrbänkli" aufzustellen.

Kritische Stimmen aus anderen Teilorten

Ein Anschluss des Weitenauer Bänklis an die Verbindung etwa nach Wieslet, Tegernau oder Schopfheim würde sicher Sinn machen, findet Ortsvorsteherin Bachmann. "Wie unsere Nachbarn verfolgen auch wir mit dem Bänkli das Ziel, zum einen die Mobilität im ländlichen Raum durch Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs zu verbessern, zu umweltbewusstem Verhalten anzuregen, aber auch den Gemeinschafts- und Nachbarschaftshilfe-Sinn zu stärken." Sie ist jetzt gespannt, wie es laufen wird, wenn erst die Kleinwiesentäler ihren Mitfahrservice installiert haben.

Kritische Stimmen zum Bänkli-Projekt gibt es mittlerweile aber auch schon. Gabriele Kaiser-Bühler, Ortsvorsteherin in Hägelberg, kann zwar nachvollziehen, dass im Wiesental "kreative Lösungen" gesucht werden, um den lückenhaften Nahverkehr zu ergänzen.

Für Hägelberg schließt sie eine Beteiligung indes aus. Ihre Sorge: Würden den das Dorf ansteuernden Bussen noch mehr Fahrgäste weggeschnappt, könnte die SBG womöglich auf den Gedanken kommen, den Busverkehr weiter auszudünnen. Kaiser-Bühler sagt denn auch klipp und klar: "Ich würde niemanden, der bei uns an der Bushaltestelle sitzt, mitnehmen, wenn der Bus in fünf Minuten kommt." Etwas anders sei die Situation natürlich zu den Zeiten, wo der Bus nicht oder erst sehr viel später fährt. Im Übrigen, findet Kaiser-Bühler, sei die Situation im "Sackgassendorf" Hägelberg nicht mit der in anderen Dörfern des Wiesentals zu vergleichen.

Dass in allererster Linie der Staat für die Mobilität seiner Bürger sorgen müsste, hatte auch schon Almut Steyer, die neue Ortsvorsteherin von Schlächtenhaus, kritisch angemerkt. Keinesfalls dürfe das im Prinzip lobenswerte Mitfahrbänkle-Projekt dazu führen, dass jene, die den öffentlichen Transport organisieren, sich mit Blick auf die ehrenamtlichen Initiativen nun ihrer Verantwortung entziehen, so Steyer im Gespräch mit dieser Zeitung.