Freiburger Plakatkampagne

Menschen mit Behinderung sind einzigartig – so wie alle Menschen

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 06. Mai 2021 um 07:00 Uhr

Freiburg

Was bedeutet Inklusion für dich? Diese Frage beantworten Menschen mit Behinderung bei einer Plakatkampage zur Inklusionswoche. Fünf dieser Menschen aus Freiburg stellen wir vor.

Teilhabe für alle – was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist längst noch nicht erreicht. "Was bedeutet Inklusion für dich?" Diese Frage stellt eine Plakatkampagne des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Südbaden mit dem Freiburger Selbsthilfebüro in der Inklusionswoche rund um den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai. Mehr als 40 Menschen haben geantwortet. Wir stellen fünf vor.

Anna Sieber Pinheiro (8 Jahre, Schülerin)

Im VW-Bus in den Urlaub zu fahren, war für Anna (ganz links auf dem ersten Foto) und ihre Geschwister Emma (11) und Lukas (fast 3) ein großes Abenteuer. Der Bus war vollgepackt, mit vielen Dingen, die Anna braucht: Geräte, zum Beispiel zum Absaugen und Inhalieren, auch Spritzen, Windeln, spezielles Essen. Denn Anna lebt mit schweren körperlichen und geistigen Mehrfachbehinderungen, erzählt ihre Mutter Aninja Sieber Pinheiro (36). Die Reise ist inzwischen zwei Jahre her, die drei Kinder sind seitdem viel gewachsen. Doch die Erinnerungen sind geblieben. An schöne Sonnenstunden, ganz viel Zusammensein und das Zusammenrücken im engen Bus. Anna habe das alles sehr genossen, sagt ihre Mutter: "Sie spürt ganz viel."
Der Urlaub im VW-Bus war ein großes Abenteuer.
Und genau wie Anna geben auch ihrer Familie solche Abenteuer Kraft für den Alltag, der voller Herausforderungen ist, erst recht in Corona-Zeiten. Um 6 Uhr morgens beginnt das Versorgungsprogramm für Anna, das den ganzen Tag über dauert. Auch nachts braucht sie Hilfe, weil sie nicht zur Toilette gehen kann: Sie hat einen Katheter für die Harnblase und eine Magensonde. Anna kam gesund zur Welt, aber als vier Wochen altes Baby hatte sie eine Hirnhautentzündung, die dramatisch verlaufen ist. Sie kann nicht hören, nicht sehen, sich nicht gezielt bewegen. Normalerweise ist Anna tagsüber in der Janusz-Korczak-Schule, doch wegen der Corona-Risiken bleibt sie zu Hause. Ihre Mutter ist Ärztin und hat ihre Erziehungszeit nach der Geburt von Lukas verlängert. Eine Physiotherapeutin vom Janusz-Korczak-Haus kommt regelmäßig, zwei Krankenschwestern helfen bei der Pflege. Auch ohne Schule ist das Janusz-Korczak-Haus, das den Familien seiner Kinder vielfältige Hilfen bietet, ganz wichtig, sagt Aninja Sieber Pinheiro. Sie wünscht sich mehr solcher Netzwerke – und mehr Bewusstsein für Familien wie ihre: "Wir tauchen mit unseren Kindern wie in eine Parallelwelt ein – da brauchen wir emotionale und sonstige Unterstützung."

Ayasha Mack (27 Jahre, Sozialarbeiterin, Autorin)

Bei ihrem Bücherstammtisch und ihrem Literaturblog im Internet zählen nur die Bücher. Ganz egal, in welcher Form. Da spielt es überhaupt keine Rolle, wenn Ayasha Mack die Einzige ist, die meist die Hörbuch-Variante wählt. Sie gilt als blind, doch wie viele Blinde sieht sie schemenhaft ein bisschen – ungefähr zwei Prozent. Als Kind hat sie noch mehr gesehen, doch eine Behinderung war immer da. Sie hat in Marburg auf einem Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte Abi gemacht
Das Pendeln zur Arbeit war erst eine Herausforderung
und Soziale Arbeit in Freiburg studiert. Inzwischen unterstützt sie andere Menschen mit Handicaps bei der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung in Lörrach. Das Pendeln zur Arbeit war erst eine Herausforderung: Sie brauchte zwei Monate Begleitung durch ihre Familie, bis sie sich mit allem zurecht fand – Bahnhöfe, Umsteigen, Fußwege. In Marburg seien alle besser auf Sehbehinderungen eingestellt, sagt Ayasha Mack: Da seien akustische Ansagen normal, bei Ampeln ebenso wie bei Buslinien. In Freiburg betritt sie Straßenbahnen oft nur kurz, um zu fragen, welche Linie es ist. In der Welt der Literatur dagegen, wo sich Ayasha Mack, die selbst schon ein Kinderbuch geschrieben hat, am liebsten aufhält, hat sich viel getan – auch wenn sie sich noch mehr ungekürzte Hörbücher wünscht.

Tobias Wolber (25 Jahre, ohne Beruf)

Wenn Tobias Wolber vor seinem PC sitzt, kommt er in Kontakt mit vielen Menschen – die meisten kennt er nicht, und viele sind weit weg. Er liebt Computerspiele, ganz besonders japanische, in denen es kämpferisch zugeht. Und er mag vor allem auch das Gefühl, mit anderen vernetzt zu sein. Tobias Wolber kann wegen
Wenn Wahlen online möglich wären, ginge das ohne Hilfe.
starker Einschränkungen durch eine Muskeldystrophie, einer angeborenen Muskelerkrankung, seinen PC nur über die Maus bedienen, doch damit lässt sich einiges machen. Gut eingebunden ist er auch täglich von 9 bis 16 Uhr im Förder- und Betreuungsbereich des Rings der Körperbehinderten, in dessen Wohnanlage im Stadtteil Rieselfeld er seit drei Jahren lebt. Dort hat er ein eigenes Zimmer und ansonsten 20 Mitbewohnerinnen und -bewohner sowie 24-Stunden-Betreuung. Was er sich wünscht: dass politische Wahlen online möglich wären – dann bräuchte er dabei keine Hilfe mehr. Briefwahl nutzt ihm nichts, weil er keinen Stift halten kann.

Michael Weymann (55 Jahre, Lehrer für Optiker)

Das Ziel von Inklusion? Für Michael Weymann ist klar: Es ist erreicht, wenn der Begriff nicht mehr nötig ist. Wenn jeder Mensch als individuelles Wesen gesehen wird, ohne Orientierung an den Normen der vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft. "Bis dahin ist es ein langer
Mal mit Prothese, mal mit Rollstuhl unterwegs – wie es gerade passt.
Weg", glaubt Michael Weymann. So lange beschäftigt er sich neben seiner Arbeit als Lehrer für Augenoptiker – derzeit im Sabbatjahr – mit Sport. Langlauf, Biathlon, Judo: Er ist vielfältig aktiv und war lange Sportkoordinator beim Ring der Körperbehinderten. Michael Weymann ist mal mit Prothese, mal mit Rollstuhl unterwegs – wie es gerade passt. Seine Beinbehinderung war immer da, die Schienbeinknochen fehlen. Ungewöhnlich finden das höchstens andere, nicht er selbst.

Anna van Santen, 39 Jahre, Verwaltungswirtin

Oft kommt diese Frage: "Sind das Ihre Kinder?" Dann schauen die Leute überrascht auf Anna van Santen und ihre zwei Söhne, die ein und neun Jahre alt sind. Alle drei haben eine seltene Muskelkrankheit, die nicht fortschreitet. Sie sind in Rollstühlen unterwegs. Anna van Santen findet die Nachfragen nicht schlimm, aber es wäre schön, wenn niemand mehr darüber staunen
Die Leute schauen überrascht auf sie und ihre Söhne.
würde, dass sie Kinder hat. Ihr Leben gefiel ihr immer. Sie tat, was sie machen wollte: Sie hat studiert, ist viel gereist, hat ihren Partner kennengelernt und die Kinder bekommen. Ihre alleinerziehende Mutter habe ihr immer viel zugetraut, sagt sie. Das hat sie übernommen. Nur eines fällt ihr schwerer als anderen: um Hilfe zu bitten. Sie versucht, ihre Scheu davor zu überwinden. Wichtig fände sie mehr Barrierefreiheit, speziell am Bahnhof. Ihr Stadtteil Rieselfeld ist da viel weiter als der Rest der Stadt.
Mehr Infos zur Inklusionskampagne und zu Mitmach-Möglichkeiten gibt es hier.