Mitunter ein Chemiecocktail

Mirjam Stöckel

Von Mirjam Stöckel

Mo, 26. Oktober 2020

Wirtschaft

Auf Schnittblumen können sich nennenswerte Mengen von Pflanzenschutzmitteln befinden – vor allem, wenn sie nicht aus Europa stammen.

Schnittblumen werden nicht systematisch auf Pestizid-Rückstände untersucht. Das ist nicht vorgeschrieben – es gibt EU-weit keine Höchstwerte für Pestizide auf Blumen. Bei Stichproben werden Rückstände gefunden, oft von vielen Pestiziden – auch von gefährlichen Substanzen, die in Europa verboten sind. Es ist also zu vermuten, dass Pestizidrückstände auf Schnittblumen nicht selten vorkommen.

Zwar sind die Rückstandsmengen für sich betrachtet meist nicht sonderlich hoch. Aber manche Umweltmediziner halten sie dennoch für gesundheitlich problematisch – zumindest für Floristen, die täglich mit Schnittblumen arbeiten. Die Effekte der Rückstände auf den Blumen summieren sich mit den Belastungen durch andere Chemikalien, denen man im Alltag ausgesetzt ist.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) – Deutschlands oberste Behörde zur Einschätzung von Risiken – hielt die Rückstände lange für unbedenklich. Von "in Deutschland gehandelten Schnittblumen" gehe "kein gesundheitliches Risiko" aus, weder für Verbraucher noch für Floristen. Und zwar unabhängig davon, in welchem Teil der Welt die Blumen produziert wurden. Nun aber sind sich die Fachleute nicht mehr so sicher. Auf BZ-Anfrage schränkt die BfR-Pressestelle die Position von 2010 ein. Jetzt heißt es: Von Blumen, die in Deutschland und Europa produziert wurden, gehe kein Risiko für Verbraucher und Floristen aus. Im Umkehrschluss bedeutet das: Für Schnittblumen aus Ländern jenseits der EU kann das BfR ein Risiko nicht ausschließen. Nicht unwichtig – ei Rosen beispielsweise stammt gut ein Viertel aus Nicht-EU-Staaten. Hintergrund für diese neue Vorsicht ist eine Studie aus Belgien, die bereits 2016 gezeigt hat: Floristen geraten in Kontakt zu vielen Pestiziden – und zwar in Einzelfällen in derart hohen Dosen, dass es aus Arbeitsschutzperspektive bedenklich war. Außerdem waren im Urin von 14 untersuchten Floristen deutlich mehr Pestizidwirkstoffe und deren Abbauprodukte nachweisbar als im Urin einer Kontrollgruppe, die beruflich keinen Kontakt zu Schnittblumen hat. Das belgische Gesundheitsministerium kam zu der Einschätzung: Für Verbraucher seien die Rückstände unerheblich – für Floristen aber veröffentlichte es erstmals Schutz-Empfehlungen. Dem BfR lag die Studie bis zur Anfrage der BZ nicht vor. Inzwischen, so die Pressestelle, werde die Untersuchung geprüft "mit dem Ziel unsere Stellungnahme von 2010 zu überprüfen und bei Bedarf zu aktualisieren." Was aber tut man bis dahin? Sowohl Floristen als auch Verbrauchern empfiehlt Peter Ohnsorge, Gründer und Vorstandsmitglied im Deutschen Berufsverband Klinischer Umweltmediziner: auf Nummer Sicher gehen. Handschuhe tragen, immer wenn man mit Schnittblumen hantiert – oder zumindest anschließend gut die Hände waschen. Weil manche Pestizide in die Raumluft übergehen können, sollten Blumen nicht in Zimmern stehen, in denen man viel Zeit bringt. Bei Krankenbesuchen rät Ohnsorge von herkömmlich produzierten Schnittblumen-Geschenken ab.