Saisonfinale

Muss der SC Freiburg 2022 mit anderen Augen gesehen werden?

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

So, 15. Mai 2022 um 14:51 Uhr

SC Freiburg

Der SC Freiburg steht im Pokalfinale, er spielt europäisch und freut sich über sein neues Stadion. In den vergangenen Jahren zeigt die Entwicklung des SC nach oben, er ist kein Außenseiter in der Liga mehr.

Zahlen sollen ja nicht lügen. Sie könnte man also heranziehen. Etwa die der "Rekord-Abgänge", also die höchsten Transfererlöse in der Geschichte des SC. Die Plätze 1 bis 6 – das sind die Verkäufe der Spieler Çaglar Söyüncü, Nico Schlotterbeck, Maximilian Philipp, Luca Waldschmidt, Baptiste Santamaria und Robin Koch – stammen laut transfermarkt.de alle aus den zurückliegenden fünf Jahren. Wenn man die Summe der vom großen deutschen Fußballportal genannten Ablösen errechnet, kommt man auf mehr als 100 Millionen Euro. Auf Rang acht folgt dann ein Kicker, Matthias Ginter, den der SC gerade als Nationalspieler mit 28 ablösefrei zurückgeholt hat – ein Transfer, der für die Attraktivität und die erlangte wirtschaftliche Kraft der Freiburger spricht.

"Ich wehre mich gegen Nostalgie im Zusammenhang mit der Fußball-Bundesliga." Jess Jochimsen
"Schon allein an diesem Transfer, verbunden mit der SC-Maxime, dass kein Spieler vom Gesamt-Gehaltgefüge erheblich abweichen darf, lässt sich ablesen, dass Spieler beim SC inzwischen nicht weniger als anderswo verdienen", sagt der ehemalige Oberbürgermeister Freiburgs, Dieter Salomon, der den Verein seit Jahrzehnten mit Sympathie und Interesse verfolgt. Für den Kader des SC Freiburg veranschlagte transfermarkt.de in der Saison 21/22 einen Gesamtmarktwert von 152,58 Millionen Euro und sieht die Freiburger damit auf Rang 10 der Bundesligisten.

Das neue Stadion als wichtiger Faktor für die Zukunft

Viele sehen im neuen Stadion im Freiburger Westen einen Faktor dafür, dass die Entwicklung Bestand haben könnte. Knapp 35.000 Menschen finden in der Arena Platz, gerade im gewinnträchtigen Logenbereich konnte sich der Verein mit dem Neubau gegenüber dem alten Dreisamstadion weit besser aufstellen. In Sachen Stadionkapazität liegt der SC unter den aktuellen Bundesligisten nun auf Platz neun.

Bei der Stadt Freiburg, die das Grundstück als Sacheinlage in die gemeinsame Objektträgergesellschaft mit dem Sportclub als Eigentümerin einbrachte und auch die Infrastruktur rund um die Arena mitfinanzierte, attestiert man den Fußballern eine "sagenhafte Saison". Der Pokalfinaleinzug sei der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. "Solides Wirtschaften, eine glasklare Identifikation in der Region sowie die hohen Sympathiewerte des Vereins und seiner Protagonisten sind nachhaltige Komponenten für diese Erfolgsgeschichte", lobt der aktuelle Oberbürgermeister Martin Horn.

Das neue Stadion und die Psyche der Spieler

"Für die Psyche der Spieler ist der Stadionbau heute schon ein Segen", meint Fritz Keller, Winzer, Gastronom und Ex-DFB-Präsident. Keller hatte als Präsident des SC von 2010 bis 2019 das Großprojekt Widerständen zum Trotz vorangetrieben. "Die Spieler sehen, dass es hier vorwärtsgeht. Sie bekommen Argumente geliefert, bei diesem familiär geführten Club zu bleiben", ergänzt er. "Betriebswirtschaftlich wird in Freiburg vorausschauend und nachhaltig gearbeitet, es wird nicht von Spiel zu Spiel, sondern in Dekaden, ja in Generationen gedacht. Ein Trainer muss keine Angst haben, mal drei oder vier Spiele zu verlieren." Neben der sportlichen Leitung haben für Keller Finanzchef Oliver Leki und der Aufsichtsrat Verdienste.

Wer nach dem Anfang des Weges sucht, den der Verein so erfolgreich weiter beschritt, muss weit zurückblicken. Bis in die Zeit des Vorsitzenden Achim Stocker und des Trainers Volker Finke, den Stocker voll Vertrauen einfach machen ließ. Finke lebt bis heute in der Stadt und freut sich, dass die von ihm entwickelte Spielidee in veränderter Form fortbesteht und es mit Trainer Christian Streich, Sportvorstand Jochen Saier und Sportdirektor Klemens Hartenbach ein gut besetztes Trio gibt, das agieren darf, ohne bei Niederlagen gleich in Frage gestellt zu werden.

"Der Verein hat sich etabliert, er gehört sportlich wie wirtschaftlich nicht mehr zu den Schwächsten." Dieter Salomon
Den SC siedelt Finke heute mitten in der Liga an, entfernt von mit deutlich weniger Mitteln ausgestatteten Clubs wie Union Berlin, dessen Abschneiden Finke als die noch höher einzustufende Leistung der Saison 21/22 wertet. "Der Verein hat sich etabliert, er gehört sportlich wie wirtschaftlich nicht mehr zu den Schwächsten", meint auch Dieter Salomon. Für den Politiker, heute Hauptgeschäftsführer der IHK Südbaden, bilden 30 Jahre Solidität, Konstanz in der Philosophie und ein Quäntchen Glück das Erfolgsgeheimnis. Zugleich gilt für ihn: "Wenn in der Führungsebene einmal nicht mehr harmonisch miteinander, sondern gegeneinander gearbeitet wird, lauert immer noch die Gefahr des Wiederabstiegs."

Volker Finke erklärt, warum potente Clubs scheitern können

Volker Finke listet Beispiele hierfür auf: Beim Hamburger SV und Schalke 04 sei deutlich geworden, wie Fluktuation beim Personal und falsche Entscheidungen in der Führung selbst potente Clubs scheitern lassen.

Aufpassen müsse der Sportclub also selbst mit dem neuen Stadion, warnt Finke vor der Branche, in der es – wie es der argentinische Spieler und Trainer Jorge Valdano beschrieb – weit mehr Geld als Talent gibt. Weil die Fernsehgelder weit wichtiger als der Ticketverkauf sind, könne auch ein Verein mit großer Arena mit ein paar falschen Entscheidungen wieder in gefährliches Fahrwasser geraten.

"Heute gewinnen die Cleveren." Fritz Keller
Ob dem SC nicht etwas verloren gegangen sei mit dem zunehmenden Erfolg, wurde zuletzt immer mal hinterfragt. Für den Freiburger Kabarettisten und Autor Jess Jochimsen, der zwei Spielzeiten lang auch Kolumnist der SC-Stadionzeitung "Heimspiel" war, ist das Unfug, Altherrengeschwätz nach dem Motto "früher war alles besser". Es ist jedenfalls der falsche Ansatz für Jochimsen. "Freiburg war immer ein grundsolider, wirtschaftlich und auch menschlich sehr gut geführter Betrieb", sagt er. "Insofern hat der SC sich nie von seinen Wurzeln entfernt. Ich wehre mich gegen Nostalgie im Zusammenhang mit der Fußball-Bundesliga."

"Europäisch sind wir sowieso noch der Underdog, da sind wir der Mini-Underdog", lacht Ex-Präsident Keller, der heute noch im Vorstand der Achim-Stocker-Stiftung tätig ist. Auch sonst seien die Gewinnmöglichkeiten noch vergleichsweise bescheiden. In einer Stadt, deren größte Arbeitgeber die Universität und die Universitätsklinik sind, habe ein Club nicht die Möglichkeiten bei der Sponsorensuche wie in den Großstädten. "Aber der SC hat mit seinem Konzept des Aus- und Weiterbildungsvereins eine Geschäftsidee und aus seinen Möglichkeiten das Beste gemacht." Auch in Zukunft müsse er der Entscheidungsschnellere bleiben. "Heute gewinnen die Cleveren", meint Keller.

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