Deutsche feiern 30 Jahre Mauerfall

Thomas Wüpper, Alessandro Peduto, Stefan Scholl und Ronny Gert Bürckholdt

Von Thomas Wüpper, Alessandro Peduto, Stefan Scholl & Ronny Gert Bürckholdt

Sa, 09. November 2019

Deutschland

Gorbatschow im BZ-Interview: "Der Wille eines Volkes erfüllte sich" / Hitzige Debatte im Bundestag / Wirtschaftliche Kluft bleibt.

BERLIN. An diesem Samstag feiern viele Menschen in Deutschland den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Der Bundestag debattierte über den Jahrestag der friedlichen Revolution – in teilweise unfriedlichem Tonfall. Strittig ist: Wo steht das Land?

 Die Lebensverhältnisse zwischen Ost und West haben sich seit 1989 angenähert, dennoch bleibt eine Kluft. Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands ist zwischen 1990 und 2018 von 43 auf 75 Prozent des westdeutschen Niveaus gestiegen. Bruttolöhne und verfügbare Einkommen liegen bei 85 Prozent. Die Ostrenten sind kaum niedriger als im Westen.

Das ist auch Folge der Finanzhilfe des Westens. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags beziffert die Nettotransfers auf 1600 Milliarden Euro. Zeitweise kletterte die Arbeitslosenquote im Osten auf 18 Prozent, heute ist es ein Drittel. Vielerorts herrscht Fachkräftemangel, auch weil zwei Millionen Ostdeutsche ihre Heimat verließen. Heute kehren sie immer häufiger dorthin zurück.

Seit dem Fall der Mauer sind allein 336 000 Menschen mehr aus den neuen Ländern (ohne Berlin) nach Baden-Württemberg gezogen als umgekehrt, so das Statistische Landesamt. Seit 2016 ist der Trend aber gebrochen; nun ziehen mehr Menschen aus dem Südwesten in den Osten; 2018 im Saldo etwa 900 Menschen.

Der frühere Staatschef der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, würdigte im BZ-Interview die Leistungen der Deutschen: "Der Wille eines Volkes erfüllte sich, das nach dem Untergang des Hitler-Regimes bewiesen hat, wie entschlossen es den Weg zur Demokratie verfolgt."

Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) nannte den Mauerfall im Bundestag ein "großes Wunder". Zugleich räumte er Fehler bei der Wiedervereinigung ein. Aus anfänglicher Euphorie sei ein Alltag geworden, in dem viele Betriebe geschlossen wurden. Die Menschen der DDR seien "in eine neue Zeit gefallen". Dass dies nicht ausreichend gewürdigt worden sei, "das war wirklich der große Fehler in der Wiedervereinigung".

Der sächsische AfD-Abgeordnete Tino Chrupalla sagte: "Der Mauerfall bescherte uns neue Freiheiten, aber auch einen beispiellosen Raubzug durch die Treuhand." Die aus Ostdeutschland stammende Kanzlerin Angela Merkel habe dafür gesorgt, "dass heute wieder ein antideutscher Trennwall unser Land zerteilt". Es brauche "Grenzen, die uns schützen".

Linken-Politiker Gregor Gysi sagte zur AfD: "Die Mehrheit der Ostdeutschen wollte die Mauer zum Einsturz bringen, nicht wie Sie die Errichtung neuer Mauern." Abschottung sei das Gegenteil dessen, wofür die Menschen 1989 demonstriert hätten. Zugleich verwahrte sich Gysi dagegen, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen. Der Begriff sei für das Nazi-Regime vorbehalten. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kritisierte das. Ein Land, das seine Menschen ermorde, wenn sie es verlassen wollten, in dem Staatsanwälte bei der SED-Kreisleitung fragten, welches Urteil sie fällen sollen, und "das Menschen mit bunten Haaren ins Gefängnis steckt, das ist nichts anderes als ein Unrechtsstaat".

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Wessis reisen in den Osten; ein Wiedersehen nach drei Jahrzehnten – Seite 3
Leitartikel "Klang der Freiheit" – Seite 4
» Sechs Berliner blicken zurück auf eine historische Nacht – Magazin