Etwas Magisches

Jens Schmitz

Von Jens Schmitz

Sa, 04. Juni 2011

Deutschland

Der evangelische Kirchentag bevölkert die Diaspora – ein Zulauf, von dem die Institution im grauen Alltag nur träumen kann.

Extrem überfüllt – das ist das Wort des diesjährigen evangelischen Kirchentags in Dresden. Nach dem regulären 2009 in Bremen und dem zusätzlichen ökumenischen 2010 in München ist es das dritte Glaubensfest in Folge für die Protestanten, da hatte man mit abflauender Begeisterung gerechnet. Und nun das. 300 000 Menschen drängen sich am Eröffnungstag durch die Innenstadt zwischen Kreuzkirche, Zwinger und Semperoper, über die gesperrte Augustus-Brücke und die Elbe hinweg in die Neustadt hinein. Überall Musik – Gospel, Pop, Jazz, Klassik – auf Bühnen im gesamten Stadtgebiet zwischen Alt- und Neumarkt, zwischen Elb- und Messewiesen. Erst nach Sonnenuntergang weichen die Bratfettschwaden einem anderen, feineren Geruch, dem Duft von brennendem Wachs.

Mehr als Hunderttausend sammeln sich Mittwochnacht entlang der Elbe auf den Brühlschen Terrassen und an den Elbwiesen. Hunderttausend Kerzen verwandeln das Ufer und die den Fluss überspannende Brücke in ein Lichtermeer, und als es dunkel ist, sehen die Menschen schließlich nichts mehr voneinander als diese große Menge wärmender, flackernder Flämmchen, jedes bei sich, aber alle verwandt. Ein Chor aus 125 Stimmen stimmt getragen und fremd das Motto an: "Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein." Ein Wort aus der Bergpredigt. Und wie dazu zwischen den Menschenmassen an beiden Ufern auf dem Fluss zwanzigtausend Lichter vorbeischwimmen, ins Nirgendwo, der gesunkenen Sonne hinterher – da kann man hinter seiner eigenen kleinen Kerze schon auf ...

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