Das Anderssein als Chance für alle

Michael Baas

Von Michael Baas

Fr, 10. Mai 2019

Basel

Das Basler Wildwuchs-Festival beleuchtet zum 9. Mal Inklusion.

Handicaps behindern. Sie können bei allen Beteiligten aber auch neue Sichtweisen und Talente stimulieren. Diese Dimension wird seit Jahren unter Begriffen wie Teilhabe und Inklusion verhandelt und forciert. In dem Kontext entstand 2001 das Basler Wildwuchs Festival, das die Teilhabe aller an künstlerischen wie sozialen Prozessen fördern will. Die neunte Ausgabe des inklusiven Festivals lenkt den Blick in rund 30 Veranstaltungen einmal mehr auf Themen und Projekte, die im Abseits der großen Diskurse bleiben. Das Motto #wir auch knüpft dabei bewusst an die #Me too-Debatte an. Diese habe gezeigt, welche Kraft eine solche Bewegung bekommen kann, aber auch, welche Risiken sie für die Protagonisten birgt. Entsprechend stelle Wildwuchs die Perspektiven Betroffener ins Zentrum, schilderte die künstlerische Leiterin Gunda Zeeb am Donnerstag.

Inhaltlich steht ein Spektrum von Behinderung über Gender bis zur Migration im Zentrum. Künstlerisch wird das ausgeleuchtet mit Tanz- und Theaterproduktionen Performances, Konzerten und Lesungen, die zwischen diversen Spielstätten pendeln – vom Birsfelder Roxy über die Kaserne bis zu den Universitäten psychiatrischen Kliniken (UPK), mit denen das Festival seit langem kooperiert. Unter deren Federführung entstand unter anderem ein an den Festivalwochenenden geöffneter Parcours, den vor allem regionale Künstler bespielen und der in fünf Stationen die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention beleuchtet, die die Schweiz 2014 unterzeichnete, die aber nicht nur da nur schleppend Realität wird.

Jenseits dessen kombiniert das Programm internationale Gastspiele, Schweizer Gruppen sowie lokale Künstler und Ensembles bis zum Basler Sinfonieorchester, das ein kammermusikalisches Programm im UPK-Park präsentiert (2. Juni, 13 Uhr). Tanz- und Theaterproduktionen aber setzen alle auf die eine oder andere Art an den Handicaps ihrer Protagonisten an. Einer der international bekannten Namen ist da die in Genf lebende spanische Choreografin La Ribot. Die interdisziplinär arbeitende Künstlerin hat mit der 2001 gegründeten inklusiven portugiesischen Compagnie "Dançando com a Differença" an deren Standort, der Atlantikinsel Madeira, die Produktion "Happy Island" erarbeitet. Da geht es um Utopien, Träume und Wünsche der Protagonisten. Da werden Fiktion und Realität verwoben und mit poetischen Filmaufnahmen Raquel Freires’ von der Insel unterlegt. Das "bildgewaltige Stück" (Steeb) eröffnet das Festival (23., 24. Mai jeweils 20 Uhr).

"We Bodies", eine Performance von Teresa Vittucci, Michael Turinsky und Claire Sobottke thematisiert dagegen Körperbilder und deren Normierung, setzt sich auf Basis eigener Handicaps mit der Figur des Monsters und dem Monströsen auseinander (27., 28. Mai). Um Körper geht’s auch bei der algerisch-französischen Tänzerin Lia Derridj. Sie erzählt in dem intimen Solo "Un Bouche" auf Basis ihrer Handicaps, wie sie sich neue Freiheiten und Welten erschließt. Ein zweites Solo von Maria Tembe befasst sich dagegen mit Frauenrechten und Gewalterfahrungen in Mosambik (beide 29. Mai).

Im Theaterblock geht es unter anderem um das Glück. Was Glück ist, fragt etwa die mit Basler Jugendlichen erarbeitete Produktion "Trigger of Happiness", in der die als Casa Branca operierenden portugiesischen Künstler Ana Borralho und João Galante mit den Jugendlichen russisches Roulette spielen. Weitere internationale Gastspiele steuern die britsche, mit Puppen arbeitenden Gruppe Hijinx bei, die in "Meet Fred" das Anderssein thematisiert, und die indische Performerin Mallika Taneja. Im Musikprogramm tritt unter der mit einer Gehbehinderung und sechs Fingern geborene Berliner Rapper Graf Fidi auf, der diese Sachverhalte auch in seinen Songs thematisiert.

Festival Wildwuchs 23. Mai bis 2. Juni, diverse Schauplätze in Basel und Baselland, genaues Programm: http://www.wildwuchs.ch