Was das Land zusammenhält

Axel Habermehl

Von Axel Habermehl

Mi, 15. Januar 2020

Südwest

Forscher haben für die Landesregierung das Miteinander in Baden-Württemberg untersucht.

STUTTGART. Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Baden-Württemberg ist vergleichsweise stark und stabil. Das ergab eine sozialwissenschaftliche Studie auf Grundlage von Bürgerbefragungen, die die Bertelsmann-Stiftung im Auftrag der Landesregierung angefertigt hat. Nicht nur verglichen mit Umfragen in anderen Bundesländern schätzten die Teilnehmer ihre diesbezügliche Lage als besser ein. Auch im Vergleich zu Werten von vor zwei Jahren ergab sich im Südwesten keine Verschlechterung in der Wahrnehmung. "Grundsätzlich ist es um den Zusammenhalt in diesem südwestlichen Bundesland sehr gut bestellt", befinden die Autoren der Studie.

Forscher der privaten Jacobs University Bremen haben für die Bertelsmann-Stiftung die Daten ausgewertet. Anfang 2019 befragten dazu Mitarbeiter des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap 1398 Baden-Württemberger. Die aus den Antworten produzierten Daten wurden mit Ergebnissen einer weiteren Telefonumfrage aus dem Jahr 2017 verglichen. Damals hatte das "Institut für angewandte Sozialforschung" in Bonn für die Bertelsmann-Stiftung 508 Menschen im Südwesten befragt. Dabei ging es um Einschätzungen der Befragten zu ihren "sozialen Beziehungen", zum Gefühl ihrer "Verbundenheit" und zur "Gemeinwohlorientierung".

Auf den ersten Blick ergaben sich scheinbar widersprüchliche Aussagen. So stimmten gut 40 Prozent der Teilnehmer (2017: 38 Prozent) der Aussage "Der Zusammenhalt in Deutschland ist gefährdet" zu. Zugleich schätzten knapp 80 Prozent (2017: 70 Prozent) der Zusammenhalt in ihrer eigenen Wohngegend als "eher gut" oder "sehr gut" ein. "Diese beiden Befunde sind kein Widerspruch, sondern zeigen, dass die Menschen in Zeiten der Sorge um den Zusammenhalt der Gesellschaft sich wieder verstärkt auf ihr unmittelbares Umfeld konzentrieren", sagte Kai Unzicker von der Bertelsmann-Stiftung, Projektmanager der Studie, bei deren Vorstellung in Stuttgart.

Tatsächlich fühlt sich laut Befragungen die Mehrheit gut aufgehoben in sozialen Netzen aus Freunden und Familie. Sehr viele Teilnehmer identifizierten sich mit ihrem Wohnort oder taten kund, Vertrauen in Mitmenschen und gesellschaftliche wie politische Institutionen zu haben, insbesondere auf lokaler und regionaler Ebene. "Das Fundament unseres Gemeinwesens ist intakt", befand Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne).

Soziale Unterschiede

lösen Unbehagen aus

Doch die Forscher fanden auch Anzeichen für Bruchlinien in der Gesellschaft. So hielten gerade 17 Prozent (2017: gut 19 Prozent) der Befragten die sozialen Unterschiede in Deutschland für "im Großen und Ganzen gerecht". 24 Prozent (2017: 28 Prozent) sahen die Rangunterschiede zwischen den Menschen als akzeptabel an.

Insgesamt wurden starke Unterschiede in der Wahrnehmung des Zusammenhalts sichtbar. Zwar lasse sich nicht von echter sozialer Spaltung sprechen, doch es gebe "Risikogruppen, die einen weniger starken Zusammenhalt erleben als andere". Diese Gruppen sind laut den Autoren groß. Dazu zählten Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, chronisch Kranke, Alleinerziehende, Einkommensarme und Menschen in Großstädten.

Die Studie ist hier im Internet zu finden: http://mehr.bz/zusammenhalt