Die Google-Gründer treten in den Hintergrund

afp, dpa

Von afp & dpa

Do, 05. Dezember 2019

Wirtschaft

Sergey Brin und Larry Page ziehen sich aus dem operativen Geschäft zurück / Sundar Pichai führt den Konzern, der sich zunehmender Kritik ausgesetzt sieht.

MOUNTAIN VIEW (AFP/dpa). Google-Chef Sundar Pichai wird neuer Vorstandschef des Mutterkonzerns Alphabet. Wie der US-Internetriese am Dienstag mitteilte, übernimmt Pichai den Chefposten bei Alphabet von Google-Mitgründer Larry Page. Page und der andere Mitgründer Sergey Brin, der bisher Alphabet-Präsident war, werden sich nach Unternehmensangaben künftig nur noch als "Mitgründer, Aktionäre und Mitglieder im Verwaltungsrat" von Alphabet engagieren.

Page und Brin hatten die Internet-Suchmaschine Google 1998 gegründet. Sie behalten im Hintergrund das Sagen durch besondere Aktien mit mehr Stimmrechten und bleiben im Verwaltungsrat, der dem Vorstand übergeordnet ist. "Wäre das Unternehmen ein Mensch, wäre er ein junger Erwachsener von 21 Jahren – und es wäre an der Zeit, das Nest zu verlassen", schrieben Brin und Page nun. "Wir glauben, dass es an der Zeit ist, die Rolle stolzer Eltern zu übernehmen, die Ratschläge und Liebe bieten, aber nicht täglich herumnörgeln!" Die Alphabet-Mitteilung vom Dienstag macht auch deutlich, dass die beiden Gründer keine Ambitionen haben, irgendwann noch einmal ins Management zurückzukommen. "Wir gehörten nie zu denen, die sich an Management-Positionen klammern, wenn wir denken, dass es einen besseren Weg gibt, das Unternehmen zu führen."

Branchenbeobachter spekulierten bereits seit einiger Zeit über die Zukunft von Page: Der 46-Jährige ließ sich kaum in der Öffentlichkeit blicken, auch nicht bei der Google-Entwicklerkonferenz I/O oder den internen Mitarbeiterforen. Er überließ Pichai die Telefonkonferenzen mit Analysten nach Vorlage von Quartalszahlen und auch unangenehme Anhörungen im US-Kongress. Gleichzeitig steckte Page Geld und Zeit in die Entwicklung von Flugmaschinen, aus denen eines Tages Flugtaxis werden sollen.

Alphabet war 2015 als Konzerndach über Google gesetzt worden. Die Idee war, diverse neue Bereiche als eigenständige Schwesterfirmen neben Google aufzubauen. Zum Dachkonzern gehören zum Beispiel auch die Roboterauto-Firma Waymo und der Lieferdrohnen-Entwickler Wing. Vier Jahre später kommen die Einnahmen allerdings nach wie vor hauptsächlich aus dem Werbegeschäft bei Google. Nur das Cloud-Geschäft und die Pixel-Smartphones tragen noch sichtbar zur Bilanz bei. Die anderen Alphabet-Firmen mit ihren neuen Technologien erzeugen vor allem hohe Kosten.

So kamen die Google-Geschäftsbereiche im vergangenen Quartal auf Erlöse von gut 40,3 Milliarden Dollar (36,3 Milliarden Euro) – alle restlichen Alphabet-Firmen brachten in dieser Zeit 155 Millionen Dollar Umsatz ein. Dafür sammelten sich bei ihnen operativ rote Zahlen von 941 Millionen Dollar an, während Google fast 10,9 Milliarden Dollar verdiente.

Anleger reagierten auf das Stühlerücken eher gleichgültig: Die Aktie legte im vorbörslichen Handel am Mittwoch um rund 0,8 Prozent zu.

Der 47-jährige Pichai stammt aus dem südindischen Staat Tamil Nadu. In die USA kam er 1993 mit einem Stipendium für die kalifornische Elite-Uni Stanford, um Halbleiter-Physik zu studieren. Seine Eltern mussten in die Ersparnisse greifen, um für das Flugticket 1000 Dollar zusammenzukratzen. Es war mehr als ihr jährliches Einkommen, wie Pichai dem Magazin Bloomberg Businessweek erzählte. Das erste Telefon bekam die Familie, als Sundar zwölf Jahre alt war. Bei Google startete Pichai am 1. April 2004 – dem Tag, an dem der E-Mail-Dienst des Internet-Konzerns gestartet wurde, den auch er anfangs für einen der üblichen Aprilscherze der Firma hielt.

Seine erste Aufgabe war die Arbeit am Google-Suchfenster in Browsern wie Firefox oder Microsofts Internet Explorer. Pichais Vorschlag, Google sollte einen eigenen Web-Browser entwickeln, überzeugte die Gründer – und der Erfolg von Chrome war seine Eintrittskarte in die Chefetage. Jetzt ist er Boss von mehr als 100 000 Mitarbeitern weltweit. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Umsatz von 136 Milliarden Dollar (knapp 123 Milliarden Euro) und erzielte dabei einen Nettogewinn von mehr als 30 Milliarden Dollar.

Pichai muss Google und Alphabet durch eine schwierige Zeit navigieren. Der Internet-Riese steht – wie andere amerikanische Tech-Schwergewichte – unter verstärktem politischen Druck. Inzwischen nehmen auch die lange wohlwollenden US-Wettbewerbshüter Google ins Visier. In Europa verhängte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager bereits Strafen von mehr als acht Milliarden Euro gegen Google. Der Internet-Konzern steckte sie locker weg.

In jüngster Zeit geriet Google aber auch mehrfach auf Kollisionskurs mit seinen Mitarbeitern. So lösten Medienberichte, wonach Andy Rubin, der führende Entwickler des dominierenden Mobil-Betriebssystems Android, trotz Vorwürfen sexueller Nötigung mit einer Abfindung von 90 Millionen Euro aus der Firma ausgeschieden sei, vor gut einem Jahr Proteste aus. Rubin bestritt die Vorwürfe. Viele Mitarbeiter prangerten dennoch Sexismus im Unternehmen an, Page entschuldigte sich. Auch ein Software-Deal mit dem US-Militär sorgte intern für Ärger.