Kulturdenkmale

Neunlindenturm bietet auf 28 Metern Höhe viel Ausblick mit Trimm-Dich-Effekt

Joachim Müller-Bremberger

Von Joachim Müller-Bremberger

Mo, 15. August 2022 um 18:05 Uhr

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Der Neuenlindenturm in Ihringen erinnert an eine mittelalterliche Burg, ist aber erst rund 120 Jahre alt. Was man sonst noch über den Turm wissen sollte.

Zugegeben: Wer den Drang zu noch Höherem hat ist mit dem Eichelspitze-Aussichtsturm auf dem Kaiserstuhl sportlicher dran: Der 2006 gebaute Stahlskelett-Turm bietet beim Aufstieg zur Besucherplattform auf immerhin 28 Metern Höhe viel Ausblick mit Trimm-Dich-Effekt. Da gibt sich der denkmalgeschützte Neunlindenturm auf Gemarkung Ihringen bescheidener: Nur halb so hoch, jedoch ebenfalls mit prächtigem Ausblick auf die Breisgauer Bucht, den Schwarzwald und die benachbarte Kaiserstuhlregion nördlich und südlich des Neunlinden-bucks bzw. Totenkopfs.

Schon der Aufstieg zum Beispiel von Ihringen oder Bötzingen auf den Wegen der alten Gemarkungsgrenzen führt von Kleindenkmal zu Kleindenkmal, alte Grenzsteine mit Wappen und der Jahreszahl 1773 beweisen, dass man schon damals auf die Dokumentation des exakten Grenz- und damit Besitzverlaufs höchsten Wert legte.

Bauherren hatten Anfang 1900 ihre eigene Vision

Die Bauherren beziehungsweise Auftraggeber für den Turm, die Sektion Kaiserstuhl des Schwarzwaldvereins, haben Anfang 1900 offenbar ihre eigene Vision gehabt, wie ein Aussichtsturm auszusehen habe. Obwohl andere Ortsgruppen des Schwarzwaldvereins im ausgehenden 19. Jahrhundert bereits Stahlskeletttürme in Auftrag gaben – so 1895 den Hochblauenturm mit ebenfalls 14 Metern oder 1890 den Hochfirstturm mit 25 Metern Höhe – entschied man sich für Bauwerk, dessen Höhe, Proportionen, Fassadengliederung und Zinnen bewehrte Aussichtsplattform sehr an einen Bergfried, also den Hauptturm einer mittelalterlichen Burg, erinnert. Die Dokumentation von Meinhard Fleig von der Ortsgruppe verrät dazu nichts. Dort finden sich aber Auszüge aus dem Protokollbuch der Breisacher Ortsgruppe, wonach die Idee für den Turmbau erstmals bei der Generalversammlung der Sektion Karlsruhe des Vereins am 9. Mai 1886 vorgetragen und protokolliert wurde.

Es brauchte vierzehn Jahre, um den finanziellen Grundstock zu legen, rund die Hälfte der vom beauftragten Architekten geforderten Pauschalsumme von 8500 Mark. Das Grundstück stellte die Gemeinde Ihringen unentgeltlich zur Verfügung. "Die Beschaffung des über den Betrag des derzeitigen Turmbaufonds nötigen Baukapitals in ungefährem Betrag von 4200 bis 4700 Mark soll durch den Vorstand im Namen der Section bei der Volksbank in Endingen und der Sparkasse Breisach aufgenommen werden", steht im Protokollbuch. Am Ende fielen die Baukosten mit fast 10000 Mark höher aus – Festkosten von 234,25 Mark aus Anlass der Eröffnung inklusive. Bereits 1909 war aber dank der Sparsamkeit der Sektion, vieler Spenden und der Unterstützung des Hauptvereins die Schuld getilgt.

Turm wurde im Jahr 1952 renoviert

In der Folgezeit erfuhr der Turm einige bauliche Ergänzungen. Mit Aufkommen der Luftfahrt musste dort ab 1910 ein "Flugfeuer", eine Warnbeleuchtung, unterhalten werden, dazu erhielt der Turm in den 1930er Jahren einen Aufbau aus Holz. Der wurde in den 1960er Jahren wieder abgebaut – der westlich benachbarte Funkturm auf dem Totenkopf, zuerst ein Stahlgittermast, später der Beton-Sendeturm in heutiger Form – überragte den Neunlindenturm ohnehin.

Ganz in die ursprüngliche Form brachte der Rückbau den Turm allerdings nicht. Er hat in seinen reiferen Jahren in Erdgeschosshöhe ein dauerhaftes Stahlbeton-Stützkorsett erhalten, eine schwer lesbare Inschrift neben dem Eingang erinnert an eine Renovierung im Jahr 1952. Weit besser und informativer hingegen eine Info-Tafel im Innern: Beteiligte und Spender der 2005 eingebauten Stahlwendeltreppe sind alle aufgelistet. Die Zuständigkeit für den Turm war den Ihringern von den Breisacher Kollegen bereits 1984 übertragen worden. Im Rahmen eines Festaktes mit notariellen Übergabeverträgen und, sehr passend zu einem mittelalterlich anmutenden Turm, mit Fanfarenklängen der "Kaiserstühler Herolde".