Niederlage im Fotofinish

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 21. Juli 2019

Freiburg

Der Sonntag Wieder nichts mit Elite-Universität: Freiburg scheitert – vermutlich sehr knapp – im Rennen um die Exzellenz-Titel.

Es ist eine Niederlage, die vorerst noch einige Rätsel hinterlässt – wieder einmal geht die Universität Freiburg im millionenschweren Wettbewerb um die nicht unumstrittenen Exzellenz-Titel leer aus.

Im entscheidenden Moment schaut Rektor Hans-Jochen Schiewer auf den Bildschirm wie ein Fußballtrainer, dessen Stürmer kurz vor Spielende die entscheidende Torchance hat. Ein angespannter Blick, dann eine ungläubige Geste, dann die wegwerfende Handbewegung. Chance vergeben. Auf dem Bildschirm, auf dem der Livestream der Exzellenzkommission aus Bonn lief, war Freiburg nicht aufgetaucht – die hiesige Universität hat den Exzellenz-Titel nicht zurückerobert.

Nur gutes Feedback

"Wir sind natürlich sehr enttäuscht", sagt Schiewer kurze Zeit später gegenüber der Presse. Nach der Ortsbegehung durch vier der 29 wissenschaftlichen Gutachter – ein wichtiger Bestandteil der Auswahlprozedur – habe man ein gutes Gefühl gehabt und "unglaublich gutes Feedback bekommen". Nun aber habe die Uni Freiburg in einem Fotofinish die Nase dann doch nicht vorn gehabt. Manche Anzeichen sprechen dafür, dass Freiburg im Auswahlprozess erst ganz am Schluss ausgesiebt worden ist. Was die Kriterien sind, ist unbekannt. "Ich bin schon ein bisschen ratlos", so Rektor Schiewer am Freitag. "Was haben wir eigentlich falsch gemacht?"

Damit kommt die Freiburger Universität nun nicht in den Genuss von bis zu 105 Millionen Euro, die über sieben Jahre verteilt von Bund und Land ausgeschüttet worden wären. Es bedeutet auch einen Nachteil im Wettstreit um renommierte Wissenschaftler, die man an die Dreisam hätte holen oder dort längerfristig binden können. "Die Schubkraft hätte uns im globalen Wettbewerb ordentlich Auftrieb gegeben", konstatiert Professor Markus Heinrichs, Chef des Lehrstuhls für Biologische und Differentielle Psychologie und Prodekan. Und wenn sich die Schere zwischen erfolgreichen Unis und den restlichen aufgrund der Exzellenzinitiative weiter öffnet, wie Kritiker befürchten, steht die Albert-Ludwigs-Universität auf der falschen Seite.

Auf der richtigen Seite stehen vier andere Hochschulen aus Baden-Württemberg: Die Universität Heidelberg, das Karlsruhe Institut für Technologie, die Uni Tübingen und die Universität Konstanz dürfen sich jetzt "exzellent" nennen. Mehr hat kein anderes Bundesland. Wollte das Auswahlgremium das Ländle möglicherweise nicht noch mehr beschenken? "Das darf keine Rolle gespielt haben", sagt Rektor Hans-Jochen Schiewer. "Und schauen Sie nach Niedersachsen: Dort ist keine Hochschule zum Zug gekommen." Aus Sicht der ewigen Rivalität für manchen im Südwesten vielleicht tröstlich: Neben Freiburg ging auch Stuttgart leer aus.

Vor zwei Jahren hatte es nach dem "Halbfinale" noch richtig gut ausgesehen. Mit zwei bewilligten Forschungsclustern aus den Bereichen Biologie und Materialwissenschaften, sie trugen die sperrigen Bezeichnungen "CIBSS – Centre for Integrative Biological Signalling Studies" und "livMatS – Living, Adaptive and Energy-autonomous Materials Systems", hatte sich Freiburg für die Finalrunde qualifiziert. Für diese erarbeitete die Hochschule schließlich ihr Konzept "Connecting Creative Minds – Trinational, European, Global" und reichte es ein, um so mit 19 Hochschulen und Universitätsverbünden um elf Exzellenzplätze zu konkurrieren.

Im Senatssaal beschwor man am Freitag die große Solidarität unter den rund 1 000 an der Exzellenz-Bewerbung beteiligten Freiburger Wissenschaftlern. Auch Oberbürgermeister Martin Horn war vorbeigekommen, um Trost zu spenden. "Freiburg weiß, dass seine Universität exzellent ist. Sie werden kein Ansehen in der Stadt verlieren." Wolfgang Jäger, ehemaliger Rektor der Universität, hatte ebenfalls im Senatssaal die Übertragung der Pressekonferenz aus Bonn verfolgt. Unter Jäger war es der Uni 2007 gelungen, den Exzellenztitel zu erringen, eine Runde später hatte sie ihn verloren. "Ich bin bitter enttäuscht, dass wir die Exzellenz nicht zurückholen konnten", so Jäger nach der Entscheidung. "Es war ein ungeheuer harter Wettbewerb. Aber wir gehören so mindestens zu den besten 19 Unis."

Unter den Studenten dürfte das Ergebnis auf gemischte Gefühle stoßen, in den Studierendenvertretungen kritisiert man das Streben nach Elite-Universitäten generell – anstatt den chronisch unterfinanzierten Hochschulen ausreichend Geld zukommen zu lassen, schütte man das Füllhorn über wenigen aus, so der Tenor. "Es ist Zeit, diesem sinnlosen Wettbewerb ein Ende zu setzen", sagt Clemens Ernst, Vorstand der verfassten Studierendenschaft der Uni Freiburg. Geboren wurde der "sinnlose Wettbewerb" im Jahr 2004. Damals hatte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) auch mit Blick auf Elite-Universitäten in den USA oder in England die Idee eines Wettbewerbes unter deutschen Hochschulen entwickelt, um so "Leuchttürme der Forschung" im internationalen Wettbewerb positionieren zu können.