Nur Erinnern reicht nicht

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 24. Oktober 2019

Freiburg

Rund 300 Menschen kamen zum Gedenken an die Deportation nach Gurs mit neuer Aktualität.

FREIBURG. Eindringlicher hätten die Appelle kaum sein können: "Die Zeit des Wellness-Gedenkens und der Kuschelreden ist vorbei – lassen Sie Worten Taten folgen!" forderte Cornelia Haberlandt-Krüger von der Egalitären Jüdischen Chawura Gescher gestern beim Gedenken an die Deportation von 450 jüdischen Menschen ins südfranzösische Gurs vor 79 Jahren. Alle Redner thematisierten die aktuellen rechten Entwicklungen. Rund 300 Menschen kamen zum Platz der Alten Synagoge und dem Schweigemarsch zum Mantel-Mahnmal auf der Wiwili-Brücke.

Friedrich und Lydia Bloch, Martha Liefmann, Fanny Grötzinger, Antonie Schwarz und ihre Mutter: Sie gehörten zu denen, die am Morgen des 22. Oktober 1940 abgeholt und ins Lager in Gurs deportiert wurden, wo es nichts gab außer Hunger, Schlamm, Ratten, Erniedrigung und Krankheiten – und wo viele starben. An ihre und andere Namen und Schicksale erinnern mehrere der Rednerinnen und Redner: An Friedrich und Lydia Bloch, die eine Bäckerei hatten bis zum Berufsverbot. Sie wurden von Gurs nach Auschwitz deportiert und im August 1942 ermordet. An Fanny Grötzinger, die alte Frau, die im Januar 1943 starb wegen der katastrophalen Bedingungen, in denen sie leben musste. An Martha Liefmann – eine von den drei Geschwistern Liefmann, die aus der Goethestraße 33 nach Gurs gebracht wurden. Und an Antonie Schwarz und ihre alte Mutter aus der Zasiusstraße 89, die wie Martha Liefmann mit viel Glück überlebten.

Reichen solche Namen und Schicksale – und das Erinnern daran – nicht? Zu diesem Schluss kommen alle an diesem Gedenktag, an dem genau zwei Wochen seit dem Terroranschlag in Halle vergangen sind, der sich gegen eine voll besetzte Synagoge richtete. Das sei "nur die Spitze des Eisbergs" gewesen, betont Cornelia Haberlandt-Krüger, in einem Deutschland, in dem Rabbiner und Menschen mit Kippa angegriffen und jüdische Schüler gemobbt würden. Und vor allem: In Zeiten, in denen die AfD die drittstärkste Partei im Bundestag sei. Inzwischen würden sich jüdische Menschen wieder fragen: "Wann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir gehen müssen?" Denn sie wollten nicht "hinter Panzerglas und Polizisten versteckt" leben – sondern frei.

Alle müssten jetzt entschieden aufstehen, um die Demokratie zu retten. Sehr ähnliche Appelle kommen von Oberbürgermeister Martin Horn und Irina Katz, der Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde. Martin Horn äußert die Ohnmacht angesichts der Verrohung der Sprache, die sich überall immer mehr zu etablieren drohe: "Es schaudert mich, was für ein Niveau jetzt auch im Freiburger Gemeinderat Einzug gehalten hat." Alle müssten sich wehren gegen die "unsäglichen Tendenzen" des Nationalismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Das Entgegentreten erfordere Mut, sei aber unabdingbar, betont auch Irina Katz.