Nur mit Ausweis und Spezialschlüssel

Jörn Bender/Lena Müssigmann

Von Jörn Bender/Lena Müssigmann (dpa)

Sa, 26. Mai 2018

Wirtschaft

Deutschlands erster Geldautomat wurde vor 50 Jahren in Tübingen installiert / Nutzer mussten sich eigens registrieren lassen.

TÜBINGEN. Bankkunden haben sich daran gewöhnt, an jeder Straßenecke Bargeld aus Automaten ziehen zu können. Doch so lange gibt es die Technik noch gar nicht. In Deutschland begann der Siegeszug des Geldautomaten in Tübingen.

Der Einstieg ins Computerzeitalter war mühsam: Spezialschlüssel, Plastikausweis, Lochkarte – wer an Deutschlands erstem Geldautomaten Geld abheben wollte, brauchte eine Menge Zubehör. Am 27. Mai 1968 nahm die dortige Kreissparkasse die Maschine in Betrieb – mit gebotener Vorsicht: Höchstens 1000 eigens registrierten Kunden wurde der Zugang zu dem mit einer dicken Metalltür gesicherten Geldausgabeschacht in der Außenwand der Bank gewährt.

Zehn Lochkarten bekamen die ausgewählten Kunden auf Vorrat, für jede Karte spuckte der Automat einen Hundertmarkschein aus. Auf einen Rutsch konnten höchstens 400 D-Mark abgehoben werden. Nutzen durfte die neue Technik nur, wen die Bank für zahlungsfähig hielt. Schließlich sollte das Konto auch bei Abhebung der 1000 Mark nicht ins Minus rutschen, erinnert sich ein damaliger Mitarbeiter der Kreissparkasse, Hartmut Krumm (71).

Die Tresorbaufirma Ostertag aus Aalen, die den Tübinger "Geld-Ausgabe-Automaten" gemeinsam mit AEG-Telefunken gebaut hatte, bewarb in einer Broschüre dessen Vorzüge: "Er verhindert, dass berufstätige Kunden aus Zeitmangel größere Beträge auf Vorrat abheben müssen." Dass er nur während der Öffnungszeiten seiner Bank Geld abheben konnte, war ein paar Jahre zuvor dem Schotten John Shepherd-Barron (1925 bis 2010) zum Verhängnis geworden. An einem Samstag im Frühjahr 1965 ging ihm das Bargeld aus, weil er wenige Minuten zu spät an der Bankfiliale ankam.

In der Badewanne sei er ins Grübeln gekommen, so schilderte Shepherd-Barron es 2007 dem britischen Sender BBC: Warum gibt es Automaten, aus denen man Schokoriegel ziehen kann, aber kein Gerät, das Bargeld herausgibt? Kurzerhand erdachte der Manager einer Firma, die unter anderem Banknoten druckte, einen Automaten, der Schecks prüfen und entwerten konnte und im Gegenzug Bargeld ausspuckte. Shepherd-Barron stellte seine Idee der Großbank Barclays vor – und die griff sofort zu. Der Schotte entwickelte sechs ATM-Bankautomaten (Automated Teller Machine), den ersten nahm Barclays am 27. Juni 1967 in der Filiale in Enfield nördlich von London in Betrieb. Mehr als zehn Pfund auf einmal spuckte der Automat nicht aus. "Aber das reichte damals für ein wildes Wochenende", so der Erfinder.

Zuvor hatte es erfolglose Versuche mit Bankautomaten in anderen Ländern gegeben. Nach Shepherd-Barrons wegweisender Erfindung sollte es Jahre dauern, ehe Geldautomaten die Massen überzeugten. Auch viele Tübinger reagierten anfangs skeptisch. Zwar zog die Kreissparkasse nach zehn Monaten eine positive Zwischenbilanz: Anfängliche technische Störungen seien behoben, und es sei immer der richtige Geldbetrag ausgezahlt worden, hieß es. Doch gerade einmal 125 Kunden hatten sich bis dahin für die Automatennutzung angemeldet. "Die Zeit war einfach nicht reif für diese Idee", meint Werner Staiger (74), früherer Chef für Technik und Organisation bei der Kreissparkasse Tübingen.

Doch auch wenn die Kunden nicht Schlange standen, Aufsehen erregte der Automat. "Das war in der Bundesrepublik Deutschland interessant für alle: Die Banker sind in Strömen zu uns gekommen, um sich das anzusehen", erinnert sich Staiger. Anfang der 1980er Jahre wurden in Tübingen Automaten installiert, die Scheine in verschiedenen Stückelungen auszahlen konnten. Der Durchbruch der Geldautomaten in Deutschland kam aber erst, als die Automaten im Foyer oder im Außenbereich der Banken installiert wurden und damit rund um die Uhr nutzbar waren – so wie zuvor schon in Spanien und Schweden.

Im Grunde sei der Geldautomat die "einzige nützliche Innovation", die die Finanzbranche über Jahrzehnte zustande gebracht habe, befand 2009 – kurz nach der Finanzkrise – der Ex-Chef der US-Notenbank Fed, Paul Volcker. Doch inzwischen verlieren die Automaten an Bedeutung. Der Internethandel blüht und immer mehr Geschäfte ermöglichen das Geldabheben an der Ladenkasse. Anschläge auf die Automaten treiben die Kosten für die Banken. Das Netz wird löchriger, doch noch können Verbraucher in Deutschland an gut 58 000 Automaten (Stand Ende 2017) Bargeld ziehen. Die deutsche Kreditwirtschaft geht jedoch davon aus, dass die Zahl in den nächsten Jahren zurückgehen wird.