Umwelt

Freiburger Ökoinstitut forscht zum Leben ohne Plastik

Sigrun Rehm

Von Sigrun Rehm

So, 15. Dezember 2019

Freiburg

Der Sonntag Ein Leben ohne Plastik - ist das möglich? Das Freiburger Ökoinstitut veröffentlicht Forschungsergebnisse zum Thema.

Was einst als prima Material für alle Lebensbereiche galt, ist zum globalen Problem geworden: Plastik verrottet nicht und schädigt nahezu alle natürlichen Ökosysteme. Im Projekt "Ohne Plastik leben – aber wie?" haben Forscher des Freiburger Ökoinstituts mit Experten Lösungen erarbeitet.

Immer mehr Menschen wollen auf Plastik verzichten: Sie lassen den Feldsalat im Supermarkt liegen, wenn es ihn nur in Folie gibt, durchforsten das Netz nach ökologisch korrekten Regenjacken und bringen den kaputten Staubsauger ins Repair-Café. Doch der Effekt dieser Bemühungen ist gering: In Flüssen, Meeren und Böden finden sich immer mehr der unzähligen großen, kleinen und winzigen Plastikfragmente, die von Tieren gefressen werden, in die Nahrungskette gelangen und alles Leben in einem Maß aus der Balance bringen, das noch gar nicht abschätzbar ist. Von der "Plastokalypse" ist die Rede.

"Das Problem ist seit 30 Jahren bekannt, doch damals dachte man, es sei zu lösen, indem man die Kreislaufwirtschaft einführt und auf Recycling setzt", sagt Andreas Köhler vom Ökoinstitut. Das sei ein fataler Irrtum gewesen: "Inzwischen hat die Plastikverschmutzung ein globales Ausmaß erreicht und die Umweltfolgen sind unumkehrbar."

Was tun? Mit dieser Frage hat sich der Forscher, der Ökologie und Umweltschutz studiert hat, gemeinsam mit seinen Kollegen Moritz Mottschall und Martin Möller dieses Jahr im Rahmen eines Projekts beschäftigt, das nun unter dem Namen #plastikfrei als Blog auf der Webseite des Ökoinstituts veröffentlicht wird. Entstanden sind gut verständliche Beiträge, die als Kurzgeschichten beginnen, aber voll Expertenwissen stecken und praktische Tipps geben.

Drei Themen stehen dabei im Mittelpunkt: der Verpackungsmüll, den Joghurt, Tiefkühlgemüse und Coffee to go verursachen, Kleidung aus Synthetik, deren winzige Flusen ins Abwasser gelangen und dann via Klärschlamm auf die Äcker und von dort in die Nahrungskette, sowie Autoreifen aus Elastomeren, deren Abrieb einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) zufolge der mit weitem Abstand größte Verursacher von Mikroplastik ist.

"Unsere Botschaft ist, dass es ohne Anstrengung nicht gehen wird", sagt Andreas Köhler. "Wir haben nur eine Option: vermeiden." Konsumenten müssten ihren Verbrauch drastisch reduzieren und Kunststoffprodukte wesentlich länger und intensiver nutzen, indem sie sie wiederverwenden, reparieren und teilen. Denn der naheliegende Gedanke, das Nylon-T-Shirt durch eines aus Baumwolle zu ersetzen und die Plastikverpackung durch Karton oder Glas sei keine Lösung, sondern schaffe neue Probleme: "Wasserverbrauch, Treibhausemissionen und Pestizideinsatz würden zunehmen – die Folgen wären verheerend", sagt Köhler. Im Blog listen er und seine Kollegen eine Menge Beispiele auf, wie jeder plastikfreier leben kann, indem er einen Stoffbeutel dabeihat, auf dem Markt einkauft, Kleidung tauscht und ausbessert und seine persönliche Verkehrswende einläutet.

Ein Ergebnis des Projekts, das über Spenden finanziert wurde und daher laut Köhler völlig unabhängig von Interessen etwaiger Auftraggeber sei, ist aber auch: Damit Konsumentinnen und Konsumenten tatsächlich auf Plastik verzichten können, müssen Wirtschaft und Politik in alternative Modelle und Materialien, Nutzung und Logistik investieren. 15 externe Experten aus Wissenschaft, Industrie und NGOs haben in einer "Zukunftswerkstatt" im Februar 2019 mögliche Lösungen erarbeitet, die auf Ideen basieren, die es auf lokaler Ebene bereits gibt. Dazu gehören etwa ein rollender Unverpackt-Laden auf dem Land und eine Kooperation von Unverpackt-Läden mit Lastenfahrradbringdiensten in der Stadt sowie ein bundes- oder sogar europaweites Mehrwegsystem von sechs bis acht standardisierten Behältern für Käse und Wurst, Hummus und Kartoffelsalat. Bei der Kleidung empfehlen die Forscher Mikrofaserfilter für Waschmaschinen und neue Fasern auf Zellulosebasis wie Lyocell oder Tencel für Outdoorkleidung. Beim Auto halten sie die Entwicklung von abriebarmem Reifenmaterial, neuen Assistenzsystemen und gezielter Straßenreinigung für sinnvoll.

"Das Interesse der Industrie an diesen Möglichkeiten ist sehr hoch", sagt Köhler. Die Ergebnisse von #plastikfrei sollten in die Beratungen einfließen, die das Ökoinstitut interessierten Unternehmen anbietet. Um deren Bemühungen zum Erfolg zu führen, brauche es ordnungsrechtliche Maßnahmen seitens der Politik, die Plastikverzicht belohnen, sagt Köhler. Die Kosten von Plastikmüll müssten auf die Preise aufgeschlagen werden, am besten in Form einer Ressourcensteuer, deren Einnahmen wiederum plastikfreie Geschäftsmodelle fördern.
#plastikfrei: Blog des Ökoinstituts unter blog.oeko.de/kategorie/plastikfrei/