Der geborene Nachfolger

Oliver Zipse ist neuer Chef bei BMW

Thomas Magenheim

Von Thomas Magenheim

Fr, 19. Juli 2019 um 20:04 Uhr

Wirtschaft

Mit Oliver Zipse übernimmt bei BMW ein Manager aus dem Haus den Vorstandsvorsitz. Er muss den Autobauer in die Ära der Elektromobilität führen

Oliver Zipse ist ein BMW-Chef nach dem Geschmack der Aktionärsfamilie Quandt. Öffentlich muss sich der neue Konzernchef aber erst noch bekannt machen.

Bosse großer Autokonzerne kennen auch Normalbürger, die sich für Firmenlenker wenig interessieren. Der neue BMW-Boss Oliver Zipse hat hier Nachholbedarf. Öffentlich ist er ein unbeschriebenes Blatt. BMW-intern folgt der 55-Jährige dem zwei Jahre jüngeren Harald Krüger indes schon das zweite Mal nach. Vor vier Jahren hat Zipse ihn als BMW-Produktionsvorstand abgelöst. Jetzt nimmt der gebürtige Heidelberger auf dem Chefsessel Platz, den Krüger vorzeitig verlässt.

Das zeigt zweierlei. Erstens bleibt BMW sich auch in angespannten Zeiten treu und macht einen betont uneitlen Manager zum Boss. Zweitens zeigt der Abgang Krügers einige Monate vor Vertragsende, dass die Lage zumindest ernst ist.

Im Vergleich zu den Konkurrenten Audi und Daimler steht BMW zwar aktuell noch am besten da. Ein leichter Job wartet aber auf Zipse nicht, auch wenn er als Produktionschef die Schrauben kennt, an denen man drehen muss, um effizienter zu werden.

Mit Effizienz allein ist es aber nicht getan. Mit Elektromobilität und autonom fahrenden Autos steht BMW vor denselben Problemen wie die ganze Branche, in der die Karten gerade neu gemischt werden. Es geht darum, tunlichst das beste Blatt in die Hände zu bekommen, also die richtige Strategie für die neuen Anforderungen zu finden.

Speziell in der Produktion fährt BMW dabei bislang einen eigenen Weg. Philosophie der Münchner ist es hier, in allen Werken Autos jeder Antriebsart bauen zu können. Je nach Kundennachfrage sollen Stromer, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und Hybrid-Autos mit beiden Antriebsarten überall parallel vom Band rollen können. Als Produktionschef ist Zipse führender Vertreter des BMW-Ansatzes. "Es geht uns darum, die Industrie richtig zu interpretieren und vorausschauend die richtigen Dinge in die Wege zu leiten", hat der Analytiker in einem seiner wenigen Interviews einmal gesagt.

Zugleich ist er als leiser Vertreter eine typische Wahl für die bei BMW bestimmende Aktionärsfamilie Quandt. BMW-Bosse von außen sind für sie traditionell tabu. Zudem schätzen die Quandts ruhiges und zurückhaltendes Managen, wie Zipse es in seiner Person verkörpert. Dem Musikliebhaber und Förderer der Münchner Oper wird zudem ein guter Draht zu BMW-Betriebsratschef Manfred Schoch nachgesagt. Harmonisches Miteinander auch auf dieser Ebene ist bei BMW gelebte Tradition und ein Faustpfand speziell in rauen Zeiten.

Zipse weiß genau, wie BMW tickt. Sein ganzes Berufsleben hat er bei den Bayern verbracht, obwohl zu den anfänglichen Studienzeiten noch wenig in Richtung Autoindustrie gewiesen hat. An der Mormonen-Universität von Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah hatte der damals 19-jährige Informatik und Mathematik studiert. In den 80er Jahren war das für Automanager ungewöhnlich. Heute, wo Autos immer mehr fahrenden Computern ähneln, ist Informatik-Wissen von Nutzen.

Kooperation mit Daimler als Knackpunkt

1985 holte sich Zipse an der Technischen Universität Darmstadt im Studienfach allgemeiner Maschinenbau den zweiten Teil seines Rüstzeugs. Als Diplom-Ingenieur heuerte der als belesen und eloquent geltende Manager dann 1991 bei BMW an und tummelte sich von Anfang an in den Ressorts Entwicklung sowie vor allem Produktion. Er hat für BMW in Südafrika gemanagt und als Werkschef bei der Kleinwagenmarke Mini im britischen Oxford, was in Brexit-Zeiten noch von Vorteil sein könnte.

2015 wurde das mit einer Japanerin verheiratete BMW-Eigengewächs dann als Produktionschef in den Vorstand geholt, nachdem Krüger von dort in den Chefsessel beordert worden war. Nun muss Zipse liefern, was Krüger zuletzt nicht gelang. Das geht über das Einhalten zuletzt verfehlter Gewinnziele weit hinaus. Es erfordert Führungsstärke und Durchsetzungskraft, aber auch diplomatisches Geschick.

Letzteres gilt vor allem mit Blick auf den Erzrivalen Daimler, mit dem sich BMW zuletzt auf einigen Ebenen zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengefunden hat. Der Schulterschluss geht von Mobilitätsdiensten wie Carsharing bis zur Entwicklung autonom fahrender Autos der nächsten Generation.

Weitere Kooperationen könnten sich für einen kleinen Hersteller wie BMW noch als nötig erweisen. Das nagt am weiß-blauen Selbstverständnis und muss gemanagt werden. Zipse hat für seine Aufgaben mutmaßlich eine volle Amtszeit von vier Jahren, bevor er das bei BMW für Topmanager geltende Pensionsalter von 60 Jahren erreicht. Was bei Misserfolg droht, zeigt das Beispiel Krügers.