Pekings Angst vor der Alterung

Fabian Kretschmer

Von Fabian Kretschmer

Mi, 18. Januar 2023

Ausland

Erstmals seit 1961 ist Chinas Bevölkerung geschrumpft. Der rasante demographische Wandel ist die mit Abstand größte Bedrohung für den Aufstieg des Landes – mit weltweiten Folgen. .

Das Pekinger Statistikamt sorgte am Dienstagmorgen gleich doppelt für Aufsehen. Laut den jüngsten Wirtschaftszahlen ist Chinas Bruttoinlandsprodukt im Vorjahr nur um drei Prozent gewachsen, womit die Regierung ihr selbst gestecktes Ziel von 5,5 Prozent deutlich verfehlte . Doch die schwächelnde Wirtschaft dürfte den Machthabern nur kurzfristige Kopfschmerzen bereiten, da eine sukzessive Erholung in den kommenden Quartalen als wahrscheinlich gilt. Grund für eine langfristige Migräne lieferte das Statistikamt allerdings ebenfalls.

Denn erstmals seit den Hungersnöten zu Beginn der 1960er ist Chinas Bevölkerung im Vergleich zum Vorjahr geschrumpft – um satte 850.000 Menschen. Ursprünglich hatten die Behörden erwartet, dass dieser folgenreiche Wendepunkt frühestens gegen Ende der Dekade erreicht würde. Doch die Geburtenrate ist unaufhaltsam weiter gesunken. Derzeit befindet sie sich mit 6,77 Neugeborenen je 1000 Menschen auf einem Rekordtief. Die Sterberate stieg hingegen deutlich auf einen Wert von 7,37 pro 1000.

Yi Fuxian, Wissenschaftler an der University of Wisconsin-Madison, spricht mit Blick auf das Thema von einer "krassen Unterschätzung". Seine empirischen Studien legen nahe, dass die offiziellen Daten der Regierung geschönt sind und der demografische Wandel rasanter voranschreitet als angenommen. Die chinesische Bevölkerung schrumpfe seinen Berechnungen zufolge bereits seit 2018. "Chinas demografische und wirtschaftliche Aussichten sind viel düsterer als erwartet", sagt Yi.

Die Auswirkungen dürften auch im entfernten Europa zu spüren sein. Wenn etwa das verarbeitende Gewerbe in China – der Werkbank der Welt – aufgrund des drohenden Arbeitskräftemangels einbricht, wird dies die globalen Warenpreise und auch die Inflation befeuern.

Vor allem aber ist die Alterung der Bevölkerung die größte Bedrohung für den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas – noch weit vor den weithin als zu hoch geltenden Immobilienpreisen oder dem Handelskonflikt mit den USA. Mit mehr Rentnern und weniger Arbeitern bricht schließlich unweigerlich auch die wirtschaftliche Produktivität des Landes ein. Nicht zuletzt werden die niedrigen Geburtenraten auch dazu führen, dass Universitäten schließen werden, weniger Talente auf den Arbeitsmarkt drängen und dieser an Innovation einbüßt.

Mit zusätzlichen Migranten wird China wohl kaum auf die sich abzeichnende Krise reagieren. Dafür fehlt der Regierung, die vor allem um soziale Stabilität und ideologische Kontrolle besorgt ist, der politische Wille: Viele Ausländer ins Land zu lassen bedeutet auch, potenziell alternatives Gedankengut zu importieren. Stattdessen tüfteln die führenden Forscher unter Hochdruck daran, technologische Lösungen zu finden. Doch ob mit Automatisierung und künstliche Intelligenz die wirtschaftlichen Folgen des Arbeitskräftemangels abgefedert werden können, ist eine offene, riskante Wette.

Die Entwicklung der Geburtenrate ist nur vor dem Hintergrund von Chinas kontroverser Ein-Kind-Politik zu verstehen, die von der kommunistischen Staatsführung Ende der 70er-Jahre eingeführt wurde. Die Maßnahme mag in der Theorie gut gemeint gewesen sein, denn man wollte mit dem vom Staat verhängten Stopp des damaligen Bevölkerungswachstums drohende Hungersnöte vermeiden. In der Praxis sorgte die Ein-Kind-Politik vor allem für immenses Leid innerhalb der Familien – bis hin zu Zwangsabtreibungen.

Gleichzeitig wirken die gesellschaftlichen Traumata bis heute nach: So gibt es aufgrund der selektiven Abtreibungen von Mädchen einen eklatanten Männerüberschuss in China, der sich weiterhin auf mehreren Millionen beläuft. Ebenfalls ist in der Volksrepublik eine Generation an Einzelkindern herangewachsen, denen ein Mangel an Empathie und sozialen Fähigkeiten nachgesagt wird. Vor allem aber muss die Regierung realisieren, dass sie die Bevölkerungskurve nicht auf Knopfdruck nach ihren Vorstellungen steuern kann. Zwar dürfen Chinesen seit einigen Jahren wieder drei Kinder haben, doch nun wollen sie es nicht mehr. Die Gründe dafür sind komplex, haben aber vor allem mit den immensen Lebenshaltungskosten zu tun. Chinesische Mittelschichtsfamilien klagen über lange Arbeitszeiten, mangelnde Kindergärten und horrende Preise für Wohnraum sowie für den in China obligatorischen Nachhilfeunterricht.

Gleichzeitig hat die niedrige Geburtenrate auch mit einem allgemeinen Wertewandel zu tun. Insbesondere für junge, urbane Chinesinnen ist die berufliche und private Entfaltung wichtiger geworden im Vergleich zu den traditionellen Familienwerten. Dies reicht bis hin zu einer bewussten Verweigerung: Für die zunehmend populären feministischen Bewegungen ist das kinderlose Leben nämlich auch eine subversive politische Botschaft, sich der patriotischen Pflicht einer patriarchalen Regierung zu entziehen.

Der Staat reagiert nicht zuletzt mit Zensur und Propaganda. Die Filmproduktionen sind wieder vermehrt mit klassischen Mütterrollen gespickt, während alternative Lebensentwürfe für Frauenfiguren aus den Drehbüchern gelöscht werden. Die tatsächlichen Ursachen des demographischen Wandels sind allerdings zu komplex, um das Problem über Nacht zu lösen: Damit Chinesinnen wieder mehr Kinder bekommen, muss der massive Leistungsdruck in den Schulen gemindert, die Kindergärten-Infrastruktur ausgebaut und die Immobilienpreise leistbarer werden. All dies sind bereits für sich genommen Mammut-Aufgaben.

Yi Fuxians Urteil fällt jedenfalls deutlich aus: Der in den USA ansässige Wissenschaftler hält den Bevölkerungsrückgang für "unumkehrbar".