Offenburg

Pilotprojekt: Hilfe für Erwachsene mit Lese-, Schreib- und Rechenproblemen

Ralf Burgmaier

Von Ralf Burgmaier

Mo, 02. März 2020 um 17:39 Uhr

Offenburg

In Offenburg ist am Montag das Grundbildungszentrum Ortenau in der Hauptstraße 9 offiziell eröffnet worden.

Wie bewirbt man ein Hilfsangebot für Menschen, die nicht gut lesen können? Da hilft der schönste Zeitungsartikel nichts. "Wir zählen auf das mitwissende Umfeld", erklärt Karin Weißer, Leiterin der neuen Institution. Arbeitgeber, Angehörige und Freunde, die um das Problem wissen, sollen Betroffene sensibel ansprechen und ihnen bei der Anmeldung helfen. Am Montag wurde das Grundbildungszentrum Ortenau in Offenburg eröffnet.

Es geht um überraschende Zahlen. Zwölf Prozent der Erwachsenen können laut einer Studie nicht gut lesen, schreiben oder rechnen. In Offenburg mit seinen 60 000 Einwohnern seien somit 4500 Menschen betroffen, sagte Oberbürgermeister Marco Steffens bei der Eröffnung. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Mehrheit der Gesellschaft davon ausgehe, dass Lesen, Schreiben, Rechnen zur Grundbildung gehören, mache es laut Steffens für Betroffene besonders schwer ihre Schwäche einzugestehen. Er sei deshalb, so der OB, froh darüber, dass das Domizil des neuen Grundbildungszentrums in der Hauptstraße 9, nahe des Offenburger Bahnhofs, über einen Hintereingang verfüge. So könnten die Kursteilnehmer diskret das Haus betreten und säßen nicht auf dem Präsentierteller.

Nicht die Generation Smartphone ist am stärksten betroffen

Es sei aber keineswegs die Generation Smartphone, die am stärksten von Alphabetisierungsproblemen betroffen sei, sondern das Alterssegment der 48 bis 57-Jährigen, sagte Roland Peter, im Kultusministerium für Grundbildung und Alphabetisierung zuständig. Auch seien es nicht in der Mehrheit Migranten: 53 Prozent der Betroffenen hätten Deutsch seit ihrer Kindheit gesprochen, 47 Prozent seien Migranten. Allerdings, so räumte Peter ein, seien die seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten nicht in der Studie erfasst.

Unter den Mutigen, die sich für das Nachholen eines Hauptschulabschlusses anmelden, so die Erfahrung von Karin Weißer, die bisher in der Erwachsenenbildung der Volkshochschule Offenburg tätig war, mangle es bei etlichen oft sogar an Kenntnisse der vierten Grundschulklasse. Deshalb brauche es eine besondere Form der Förderung, für die nun mit den ersten acht Grundbildungszentren im Land der Anfang gemacht sei. Träger des Offenburger Zentrums sind die VHS Ortenau, Lahr und Offenburg.

Die Planungen für ein neuntes Zentrum würden bereits laufen, sagte Kultusstaatssekretär Volker Schebesta aus Offenburg, der die Grundbildungszentren als Teil der Landesstrategie in der "nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung" bezeichnete. Fünf Ministerien seine unter der Leitung des Kultusministeriums in diese Landesstrategie mit eingebunden. Wichtige Aufgabe auch des Offenburger Zentrums sei die Öffentlichkeitsarbeit, etwa indem es Betriebe anspreche, betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ermuntern, sich das Problem einzugestehen und Hilfe zu suchen. Angesichts fortschreitender Digitalisierung seien Mitarbeiter, die ihre Leseschwäche bislang durch andere Stärken ausgleichen konnten, zunehmend von Überforderung bedroht.

"Alphabetisierte Menschen haben mehr Kaufkraft, Gesundheit und Arbeitskraft."

Lena Tilebein, VHS Ortenau
Aber, so Schebesta, es gehe ja nicht nur um das Erwerbsleben. Echte gesellschaftliche Teilhabe sei nur mit Alphabetisierung möglich. Oder wie es Lena Tilebein, Leiterin der VHS Ortenau ausdrückte: "Alphabetisierte Menschen haben mehr Kaufkraft, Gesundheit und Arbeitskraft."

Volker Schebesta verwies auf die vor kurzem in Offenburg aufgeführte szenische Lesung "Der erste Mensch". Sie behandelt die Bildungsgeschichte Albert Camus’. Obwohl Camus aus einer bildungsfernen Familie stammte, erhielt Camus später den Literaturnobelpreis. In Anlehnung daran schilderte der Hausacher Dichter José Oliver in seiner Rede mit feinem Humor, wie er aus einer andalusischen Gastarbeiterfamilie nicht nur zum heute dekorierten Poeten aufstieg, sondern auch mit 14 Jahren zu Baden-Württembergs jüngstem VHS-Dozenten.

Kontakt und weitere Infos unter http://www.gbz-Ortenau.de