Pioniergeist aus der Provinz

Florentine Dame

Von Florentine Dame (dpa)

Mi, 18. März 2020

Panorama

Vor 125 Jahren nahm der weltweit erste Motor-Omnibus den Linienbetrieb zwischen Netphen und Siegen auf.

NETPHEN. 1895 fuhr der erste motorisierte Omnibus der Welt von Netphen nach Siegen. Wenn Passagiere Pech hatten, mussten sie ihn auf nasser Fahrbahn anschieben. Das Jubiläum lehrt einiges über Innovation, Ausdauer und den Mut zum Scheitern.

Von all dem weiß Hobby-Heimatforscher Wilfried Lerchstein anschaulich zu erzählen. Seit Jahren befasst sich der Pensionär mit der Geschichte des Siegerlandes und hat auch an zahlreichen Chroniken mitgewirkt. Wie viele gute Ideen sei die für den Motor-Omnibus aus der Not geboren, erzählt der 62-Jährige. Die Unternehmer des Netpherlandes, einer Region im heutigen Nordrhein-Westfalen, wünschten sich, so Lerchstein, eigentlich eine Eisenbahnanbindung. In der preußischen Verkehrsplanung gingen sie mit dieser Idee aber lange leer aus.

In den Entwicklungen des Mannheimer Tüftlers Carl Benz hofften sie, eine Alternative zur Eisenbahn gefunden zu haben. Das Modell, das mit seinem Aufbau an eine Kutsche erinnert, sollte in Benz’ Vorstellung eigentlich von Hoteliers als eine Art Gästeshuttle von und zum Bahnhof genutzt werden. Mit den heutigen Bussen hatte der erste seiner Art wenig gemein. Das zeigen die Eckdaten: 5 PS, 3,5 Meter lang, 1,8 Meter breit und 2,5 Meter hoch, Höchstgeschwindigkeit 20 Stundenkilometer, Platz für acht Passagiere einschließlich Chauffeur. Ein Nachbau steht in Originalgröße vor dem alten Bahnhof im Netphener Ortsteil Deuz.

"Es war die Idee der Netphener, das Fahrzeug für den Linienbetrieb einzusetzen", sagt Lerchstein. Am 18. März 1895 schließlich "durcheilte" der Motor-Omnibus erstmals die Straßen Netphens bis ins 15 Kilometer entfernte Siegen, wie die "Siegener Zeitung" tags drauf berichtete. Das hatte es auf der ganzen Welt bis dahin nicht gegeben.

Die Presse verschwieg damals auch nicht, dass nicht alles glatt lief mit dem neuen Gefährt. Immer wieder gab es Pannen, Ersatzteile fehlten oder der Bus fiel ganz aus. Ein Vergnügen sei die mit 70 Pfennig durchaus teure Überlandfahrt nicht gewesen, schildert Lerchstein. Die Räder hatten schlechten Grip: "Bei Regen mussten die betuchten Fahrgäste dann auch schon mal aussteigen und bei einer Steigung mit anschieben". Außerdem musste der Omnibus auf Pferdekutschen Rücksicht nehmen. Damit die Pferde nicht scheuten, hieß es Motor abstellen und warten, bis das Fuhrwerk vorbei war.

So endete das erste Kapitel der Omnibusgeschichte als Misserfolg. Der Betrieb wurde noch im Dezember des Startjahres eingestellt. Erst in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts konnten sich Omnibusse als Konkurrenz zur Eisenbahn durchsetzen. Heute fahren nach Angaben des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen knapp 35 000 Linienbusse mit 4,5 Milliarden Fahrgästen jährlich.

Andreas Knie, Verkehrs- und Innovationsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, sieht viele Parallelen zu heutigen Mobilitätsinnovationen. "Damals hat niemand auf den Omnibus gewartet. Es gab große Widerstände, es fehlte an Finanzierung und politischer Unterstützung", sagt Knie. Die Pferdekutsche zu überwinden, habe Jahre gedauert.

Er betont: "An 125 Jahre Motoromnibus zurückzudenken, heißt auch, dass uns klar sein muss, dass wir längst über den Omnibus hinausdenken müssen." Ein Transport von Haltestelle zu Haltestelle sei in Zeiten, in denen die meisten Menschen über ein Auto verfügen könnten, überholt. "Längst muss der öffentliche Nahverkehr ganz anderen Ansprüchen an Komfort gerecht werden. Wir müssen die Leute von der Tür abholen und auch wieder an ihrem Ziel oder einem Verkehrsknotenpunkt absetzen."

Die Motoromnibuslinie im Siegerland entspreche heutigen Experimenten mit autonom fahrenden Shuttles, die an gut zwanzig Standorten bundesweit erprobt werden und wurden – ohne dass eine flächendeckende Nutzung solcher Fahrzeuge damit in greifbarer Nähe wäre, sagt Knie. Im öffentlichen Nahverkehr sei es schwer, Neues zu etablieren, die Bauchlandung der Omnibus-Pioniere aus dem Siegerland sei für ihn im Kern typisch – und am Ende doch Mut machend: "Eine gute Idee braucht Zeit und mutige Pioniere, um sich wirklich durchzusetzen", sagt Knie.