Corona-Krise

Pizzaschachteln sind ein Müll-Problem – Mehrweg wäre hygienisch heikel

dpa/BZ

Von dpa & BZ-Redaktion

Do, 03. September 2020 um 15:16 Uhr

Südwest

Junge Menschen treffen sich draußen und hinterlassen Müll – das ist eines der großen Themen des Corona-Sommers, auch in Südbaden. Ein Problem überall: Pizzakartons. Manche fordern ein Pfandsystem.

Öffentliche Parks und Plätze werden seit der Corona-Pandemie besonders intensiv genutzt – und zu einem Abend im Freien gehört für viele Menschen auch ihre italienische Lieblingsmahlzeit. Meist wird die beliebte Pizza in sperrigen Kartons transportiert, die dann oft sämtliche Mülleimer verstopfen oder sich zusammen mit anderem Verpackungsmüll bei den Abfallbehältern stapeln. Viele Kommunen schlagen Alarm, denn für die Entsorgung von Verpackungs- und Plastikmüll aus Abfalleimern und Umwelt müssen sie jährlich Millionenbeträge aufwenden. Für eine Vielzahl von Pizzaschachteln sind die gängigen öffentlichen Mülltonnen jedenfalls zu klein.

Städte wie Lörrach und Freiburg leiden unter dem Müll

Die Pizzakarton-Flut sei "zu einem Symbol für den Anstieg beim Müllaufkommen in der Corona-Zeit geworden", teilt die Stadt Nürnberg mit. In den innerstädtischen Grünanlagen habe es in der Pandemie eine deutliche Zunahme an Verpackungsmüll gegeben – neben den Pizzakartons vor allem auch To-go-Kaffeebecher und Flaschen.

Ähnlich ist die Situation in Südbaden. In Lörrach zum Beispiel spricht Oberbürgermeister Lutz von einer "dramatisch zunehmenden Vermüllung", in der Freiburger Innenstadt und an der Dreisam kommen die Teams der Stadtreinigung mit dem Aufräumen kaum hinterher. Pizzakartons und andere Verpackungen fürs schnelle Essen auf die Hand spielen überall eine Hauptrolle.

Manche Kommunen sind bereits aktiv geworden – so wurden etwa an Orten am Bodensee spezielle Abfallbehälter für Pizzaschachteln ausgestellt. In Freiburg denkt man auch über höhere Bußgelder für Müllsünder nach.

Antonio Furnari, der in Greven in Nordrhein-Westfalen eine Pizzeria betreibt, nimmt im Zuge der Corona-Pandemie bundesweit ein steigendes, wenn auch schwankendes Mitnahmegeschäft wahr. Die Menge der täglich in Deutschland in Umlauf gebrachten Pizzakartons lasse sich konkret nicht abschätzen, sagt Furnari. Es seien aber mutmaßlich mehr als im Pizza-Mutterland Italien, weil die Italiener ihre Pizza meist in den Lokalen genössen.

To-go-Verpackungen sind ein enormer Müll-Faktor

Einer bundesweiten Studie zufolge machten Verpackungs- und Plastikmüll zuletzt fast die Hälfte des gesamten Straßenkehrichts aus – wohl auch wegen der Fülle an To-go-Verpackungen. Weil ihre Zersetzung oft Jahrzehnte dauert, gelten Einwegprodukte und kunststoffhaltige Verpackungen als besonders umweltschädlich.

"Ich bin der Meinung, dass eine Pfandregelung weniger Kunden bescheren würde." Antonio Furnari
Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat vor diesem Hintergrund kürzlich betont, die Inverkehrbringer solcher Verpackungen stärker zur Kasse bitten zu wollen bei der Sammlung und Verwertung der Abfälle. Allerdings reicht die Kostenumverteilung Schulze zufolge zum Umweltschutz nicht aus. Auch das reine Ersetzen von Plastik- durch Pappverpackungen sei nicht zielführend: "Die Alternative muss Mehrweg sein", forderte die Ministerin. Die Deutsche Umwelthilfe fordert konkret eine verbindliche Mehrwegquote.

Ministerium spricht sich gegen Pizzakarton-Pfandpflicht aus

Auf kommunaler Ebene wird die Forderung nach einer Pfandpflicht für Pizzakartons und andere To-go-Verpackungen laut. Dies verspreche eine klare Entlastung bei der Reinigung öffentlicher Plätze, heißt es von der Stadt Nürnberg. "Hier sollte es eine einheitliche Regelung für alle Städte und Kommunen geben", sagt der Dritte Bürgermeister Christian Vogel. Eine Änderung des Verpackungsgesetzes und die Ausweitung einer Pfandpflicht über Flaschen hinaus wäre Sache des Bundes.

Aus Sicht des Bundesumweltministeriums ist eine Pfandpflicht für Pizzakartons & Co. nicht sinnvoll. Besonders in der Corona-Pandemie gebe es durch die oft starken Verschmutzungen der Behälter hygienische Einwände, sagt ein Ministeriumssprecher.

Auch Pizzabäcker Furnari hält eine Pfandregelung für hygienisch bedenklich. "Es ist weniger appetitlich, da es ja doch immer Essensrückstände in den Kartons gibt." Auch für das Geschäft sei ein Pizzakarton-Pfand schlecht, befürchtet Furnari: "Ich bin der Meinung, dass eine Pfandregelung weniger Kunden bescheren würde." Das Mitnahme- und Liefergeschäft sei vor allem ein Bequemlichkeitsfaktor.

Mehrwegverpackungen dürften nicht aus Karton sein

Die Idee einer Pizza-Mehrwegverpackung sei zwar grundsätzlich interessant, aber schwer umsetzbar, sagt der Pizzabäcker: "Da müsste man sich Gedanken über das Material machen." Karton sei kurzlebig und könne durch Hitze aufweichen. Am Ende blieben die Gastronomen mit der Entsorgung der Verpackungsmassen allein.

Lassen sich die Kartons denn faltbarer gestalten, damit sie besser in die Mülleimer passen? Nur schwer, sagt Furnari. Weil die Pizzakartons eine Grundstabilität bräuchten, lasse sich das bewährte Format nicht einfach ändern. "Allerdings lassen sich die Kartons mit zwei, drei Handgriffen wieder auseinandernehmen und sind platzsparender."

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