Technik

Klimaforscher Hans von Storch fordert einen "Kennedy-Plan" für Deutschland

Katharina Meyer

Von Katharina Meyer

Sa, 08. Februar 2020

Bildung & Wissen

Kein Fleisch essen, nicht fliegen – das sind für den Klimaforscher Hans von Storch keine probaten Mittel, den Klimawandel zu bremsen. Seide Ideen, wofür man sich in Deutschland einsetzen sollte, schilderte er BZ-Redakteurin Katharina Meyer am Rande eines Besuchs in Freiburg.

ein Fleisch essen, nicht fliegen – das sind für den Klimaforscher Hans von Storch keine probaten Mittel, den Klimawandel zu bremsen. Seide Ideen, wofür man sich in Deutschland einsetzen sollte, schilderte er BZ-Redakteurin Katharina Meyer am Rande eines Besuchs in Freiburg.

KBZ: Herr von Storch, fliegen Sie noch mit gutem Gewissen?
Von Storch: Ja, tue ich. Es wird zwar von Organisationen wie Fridays for Future gerne suggeriert, dass Verzichtsmaßnahmen wie nicht zu fliegen oder keine Plastikstrohhalme zu verwenden einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das ist aber nicht der Fall.

BZ: In Freiburg sind im vergangenen September 20 000 bis 30 000 Leute mit Fridays for Future auf die Straße gegangen. Unterstützen die alle die falsche Sache?
Von Storch: Nein. Natürlich muss man das Thema ernst nehmen. Man muss aber auch fragen: Was ist das Wesentliche? Da ist bei Fridays for Future ein deutliches Defizit im Verständnis zu erkennen. Es wird auch alles mögliche unter der Überschrift Klima subsumiert, was damit gar nichts zu tun hat – das sieht man ja auch den Plakaten bei den Demos.

BZ: Das Schlagwort der Bewegung ist: Reunite behind the science – Hört der Wissenschaft zu. Freut Sie das nicht?
Von Storch: Die Aktivisten beziehen sich in der Regel auf einzelne Wissenschaftler. Würde man sich tatsächlich auf den Weltklimarat IPCC beziehen, dann sähe das schon anders aus. Wenn aber eine führende FfF-Frau aus Deutschland in ihrem Buch schreibt, in Zukunft werden sich die Kinder vermutlich auf den Schulhöfen die Füße verbrennen, dann hat das nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern dann ist das dummes Zeug. Es wird massiv dramatisiert.

BZ: Sie haben gesagt, es sei nicht die Aufgabe von Wissenschaftlern, politische Forderungen zu formulieren, sie sollen die Welt erklären.
Von Storch: Politische Forderungen zu stellen, entspricht den üblichen Normen der Wissenschaft überhaupt nicht. Da bekommen wir eine Schieflage in unserer Analytik, die uns nicht zu besseren Wissenschaftlern macht.
"Wir sollten über die

Kernkraft nachdenken."
BZ: Gleichzeitig treten Sie in Talkshows auf und geben Interviews mit dezidiert politischen Äußerungen.
Von Storch: Ja. Ich sage ja auch nicht, das Wissenschaftler unpolitisch sein sollen, aber ich gebe der Politik keine Entscheidungen als zwingend vor. Selbst wenn die Politik sagen würde, dass sie sich nicht um das Klimathema kümmern will, dann wäre das legitim.

BZ: Aber das würden Sie vermutlich für falsch erachten?
Von Storch: Ja, ich sage, dass wir das Thema ernst nehmen sollen. Aber ob es nun das wichtigste Thema überhaupt ist, da habe ich so meine Zweifel.

BZ: Halten sie denn die Ziele, die im Pariser Abkommen formuliert wurden – nämlich die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen – für sinnvoll?
Von Storch: Bedingt, weil ich sie nicht für erreichbar halte. Es wäre schon sehr schön, wenn wir wesentlich weniger emittieren würden. Und es wäre sehr viel besser, wenn wir den Klimawandel auf 1,5 Grad begrenzen könnten. Es wäre aber auch schön, wenn in 30 Jahren niemand mehr an Krebs sterben müsste. Solche Beschlüsse können wir ja auch fassen. Aber unsere Ziele sollten realistisch sein.
BZ: Dann sprechen wir mal darüber, was passieren müsste. Die weltweiten Emissionen betragen 38 Gigatonnen CO2 im Jahr. Die müsste man laut IPCC bis 2050 auf Null führen und danach sogar in den negativen Bereich, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.
Von Storch: Ja, das ist eine klare wissenschaftliche Aussage. Wenn wir das Ziel erreichen wollen, dann müssen wir das tun – anders geht es nicht. Wir können natürlich unsere eigenen Emissionen runter bringen. Das wäre ein toller Erfolg. Aber selbst wenn ganz Europa das tut, ist das nicht ausreichend. Es bleiben um und bei 30 Gigatonnen. Wir müssen also, wenn wir eine Wirkung haben wollen, die anderen Menschen dazu bringen, das auch zu tun. Das einzige, was sie dazu bringen würde, ist ein wirtschaftlicher Vorteil. Denn die meisten Menschen in der Welt wollen letztlich einen Reichtum haben wie wir.

BZ: Ein positives Beispiel dafür wäre die Solarzellenproduktion in China?
Von Storch:
Das ist ein Weg: Wir strengen uns an, klimafreundliche Technologien zu entwickeln, die so wirtschaftlich sind, dass die Menschen im Rest der Welt sie auch nutzen. Bei der Solar- und Windenergie haben wir alle über das Energieeinspeisegesetz diese Entwicklung ermöglicht. Mein Vorschlag ist ein Klimasoli, für alle im Land, die es sich leisten können. Mit diesen Mitteln zielen wir auf ein "Kennedy-Projekt". Wir machen das, was er in den 60ern machte, als er sagte, "wir fliegen in zehn Jahren zum Mond".

BZ: Also ein klares Ziel setzen.
Von Storch: Ja. Als Beispiel: Wir Deutschen schaffen die Möglichkeit, dass für das Heizen und Kühlen von Häusern kein CO2 mehr freigesetzt wird. Und zwar so, dass das für jedermann erschwinglich wird, auch in Moskau und Schanghai. Dann würden wir einen wirklichen Einfluss auf die Welt haben. Man kann natürlich auch aufhören, Fleisch zu essen und symbolische Aktionen machen. Das schadet nicht, solange es keine Kollateralschäden gibt wie die Schädigung der Demokratie. Aber wir müssen uns darüber klar werden, dass Maßnahmen dann sinnvoll sind, wenn sie wirksam sind. Das heißt, man nagt richtig an den 38 Gigatonnen.

BZ: Was könnten wir noch tun?

Von Storch: Der zweite Punkt ist der, dass wir Modernisierungen im Lande so machen, dass es hin zu Klimaneutralität geht. Dazu muss aber die elende Praxis, gegen jede Modernisierung zu klagen, aufgegeben werden: gegen neue Bahntrassen, Windräder, Stromleitungen. Auch wenn es ein paar Fledermäusen dann nicht gut geht – das Klima ist ein wichtigeres Thema. Der dritte Punkt ist, dass wir uns als Versuchskaninchen hergeben. Neue Techniken brauchen ihre Chance. Ein gutes Beispiel sind Energiesparlampen. Oder Elektroautos. Auch wenn die noch nicht voll ausgereift sind, könnten wir so eines kaufen – damit die Weiterentwicklung gefördert wird. Das ist ein wirksamerer Einsatz, als einmal weniger zu fliegen.
BZ: Es geht Ihnen also um technische Innovation.
Von Storch: Technik heißt nicht nur Pumpen und Schrauben, sondern auch Organisationstechniken, wie zum Beispiel die CO2-Zertifikate. Wir müssen uns überlegen, was für einen Kennedy-Plan wir haben wollen.

BZ: Sind Sie mit der Idee schon irgendwo auf offene Ohren gestoßen?
Von Storch: Nein, nicht in der Politik. Fehlt noch der letzte Aspekt: die Anpassung. Wir haben schon jetzt einen Klimawandel, der mit Hitzewellen, Meeresspiegelanstieg und der Neigung zu Starkniederschlägen Wirkung zeigt. Der Anpassungsdruck ist überall in der Welt da. Das heißt auch, dass wir den Ländern, die nicht die Mittel dazu haben, dabei helfen, sich anzupassen. Dazu muss man auch Technologien entwickeln, etwa im Küstenschutz oder in der Pflanzenzucht.

BZ: Was könnte – aus heutiger Sicht – die 38 Gigatonnen denn ernsthaft annagen? Brauchen wir die Atomkraft?
Von Storch: Brauchen würde ich nicht sagen. Aber: Ja, wir sollten über die Kernkraft nachdenken. Sie ist per se eine klimafreundliche Energieerzeugung, insbesondere wenn man Kraftwerke nutzt, die schon da sind. Und es gibt erhebliche Neuerungen, was Abfall und Sicherheit angeht, insofern wäre es vernünftig, wenn wir diese Frage offen angehen.

BZ: Was kann man sonst noch tun? Bäume pflanzen?
Von Storch: Mit Aufforstung kann man negative Emissionen realisieren, aber das wird nicht reichen. Ist einmal aufgeforstet, ist eben auch Schluss.

BZ: Es gibt ja die CCS-Technik, bei der man CO2 einfängt und speichert. Die ist schon relativ weit entwickelt.
Von Storch: Es ist aber in Deutschland praktisch unmöglich, das einzusetzen. Was mich auch nicht wundert, wenn man CO2 als "Klimagift" beschreibt. Wer will schon auf einem großen Giftlager wohnen. Wir müssen nachdenken, was möglich ist und am Ende politisch entscheiden. Und wenn das Ergebnis ist, dass das den Leute nicht zuzumuten ist, dann ist das eben so. Das gefällt nicht jedem, aber ist Ausdruck eines Interessenausgleichs. Das ist ja die Leistungsstärke der Politik, so für den sozialen Frieden zu sorgen. Und ich finde, das macht sie auch einigermaßen gut.