Der Arzt am Telefon

Elena Kolb

Von Elena Kolb

Mi, 15. Januar 2020

Gesundheit & Ernährung

DocDirekt verspricht gesetzlich Versicherten im Land schnelle ärztliche Beratung / Es wird noch wenig genutzt /.

Ferienzeit, Brückentage oder gar die Zeit zwischen den Jahren. Viele Arztpraxen sind dann nur eingeschränkt erreichbar. Der Hals schmerzt trotzdem. Manchmal ist der Hustenreiz so schlimm, dass das Luftholen schwerfällt. Ein Gang zum Arzt wäre angebracht, doch der Hausarzt ist nicht erreichbar, oder der Weg zu beschwerlich. In solchen Fällen kann DocDirekt helfen: ein telemedizinisches Angebot der gesetzlichen Krankenkassen. Per Anruf oder App gibt es dort medizinische Hilfe, wochentags von 9 bis 19 Uhr. Beraten werden gesetzlich Versicherte in und aus Baden-Württemberg.

Beim ersten Versuch trickst mich die Warteschleife aus. Sie verspricht mir einen umgehenden Rückruf, der nie kommt. Bei einem weiteren Anruf am nächsten Tag habe ich dann aber Ümran Baltaci, Medizinische Fachangestellte, am Telefon. Sie erklärt, dass die Rückruf-Funktion derzeit nicht in Betrieb sei.

Baltaci ist Teil eines der ersten deutschen Fernbehandlungs-Projekte. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) ist Vorreiter auf dem Gebiet, sie hat DocDirekt aufgebaut, dessen Leitungen seit Oktober 2018 freigeschaltet sind.

Bei Erkältungskrankheiten dauert die Anamnese, die Baltaci per Fragebogen macht, drei bis vier Minuten. "Die Patienten oder Patientinnen erzählen am Telefon nicht so viel wie in einem persönlichen Gespräch, wo sie vielleicht auch auf schmerzende Körperteile zeigen würden", so Baltaci. Deshalb sei es für sie und ihre Kollegen besonders wichtig, auf Stichworte zu achten und detaillierte Fragen zu stellen.

Baltaci hat vor ihrer Tätigkeit für DocDirekt in einer Notaufnahme gearbeitet. Sie weiß, wie sie junge Eltern beruhigen kann, die nicht einschätzen können, ob sie mit ihrem Neugeborenen zu einem Arzt müssen oder nicht. Baltaci fragt, ob ein Hautausschlag wie Pickel oder kleine Bläschen aussieht und ob der Mensch am anderen Ende der Leitung in jüngster Zeit im Schwimmbad war oder einen Allergiepass hat. Sie bittet darum, ein Foto des Ausschlags in der App hochzuladen. Immer wieder hat Baltaci auch ältere Menschen am Apparat, die sie nach der richtigen Dosierung ihrer Pillen fragen.

Baltacis Aufgabe ist es, einzuschätzen, wie dringend ein Arztgespräch nötig ist. In Notfällen verständigt sie direkt den Rettungsdienst. Normalerweise wird allerdings der Anamnesebogen ausgefüllt und in der DocDirekt-App als Fall für die kooperierenden Ärzte sichtbar. Befinden sie sich in ihrer Praxis, können sie den Fall annehmen und per App bestätigen. Hat einer der 40 Allgemeinmediziner oder zehn Kinder- und Jugendärzte den Fall akzeptiert, wird dem Patienten über eine E-Mail-Benachrichtigung ein Gesprächstermin mitgeteilt. Das Gespräch mit dem Arzt über Telefon, Video oder Chat sollte noch am selben Tag stattfinden. Der Arzt kann entscheiden, ob der Patient umgehend eine Praxis aufsuchen sollte. In den Modellregionen Stuttgart und Tuttlingen können seit November 2019 mit Hilfe von GERDA (Geschützter E-Rezept-Dienst der Apotheken) auf diesem Weg auch Rezepte ausgestellt werden. Anderswo müssen Ärzte rezeptfreie Medikamente empfehlen oder an einen Kollegen vor Ort verweisen.

Die Telemedizin ist in Deutschland ein relativ junges Feld. Lange war sie hierzulande schlicht nicht erlaubt. Erst im Mai 2018 änderte der Deutsche Ärztetag in Erfurt seine Berufsordnung dahingehend, dass Ärzte auch neue Patienten fernbehandeln dürfen. Erst seitdem darf auch ausschließlich über Kommunikationsmedien behandelt werden, wenn dies ärztlich vertretbar ist.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hatte im Rahmen von Modellprojekten schon zwei Jahre zuvor den Weg dafür freigemacht. Ihr Pressesprecher Oliver Erens zeigt sich zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen. Der Schritt, Fernbehandlungen für Ärzte zu ermöglichen, sei dringend notwendig gewesen. "In der Schweiz und in anderen Ländern funktioniert das Konzept schon seit Jahren und wird intensiv genutzt", so Erens. Außerdem habe das lange Zögern der deutschen Ärztekammern dubiose Anbieter aus dem Ausland auf den deutschen Markt gebracht, die teils ohne medizinische Ausbildung Beratungen anboten.

Viele Ärzte standen oder stehen der Telemedizin skeptisch gegenüber. Sie fürchteten, dass so ein gesamtheitliches Konzept im Gesundheitswesen verloren ginge, sagt Erens. Er betont aber, dass die Fernbehandlung in keiner Konkurrenz zur persönlichen Beratung stehe, sondern oft eher der ersten Einschätzung diene und die persönliche Beratungs letztendlich sogar unterstütze.

Auch Kai Sonntag, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, ist der Meinung, dass die Telemedizin als erste Einschätzung in "Quasi-Notfällen" sehr hilfreich sei. Sie komme auch den geänderten Bedürfnissen der Patienten entgegen: Viele recherchierten ihre Symptome im Internet und suchten dann Arztpraxen auf, um herauszufinden, ob sie krank seien.

DocDirekt leitet derzeit monatlich etwa 250 Menschen an einen Tele-Arzt weiter. Besonders stark nutzen laut Sonntag die 20- bis 40-Jährigen das Angebot. Aber auch Menschen über 70 Jahren rufen ihm zufolge DocDirekt an – und sparen sich so den vielleicht beschwerlichen Weg zum niedergelassenen Arzt. Es sei deshalb wichtig, dass DocDirekt nicht nur über Website oder App erreichbar sei, sondern auch ein einfaches Telefonat funktioniere, sagt der Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung.