Guter Lokaljournalismus

Recherche über Schummel-Investor gewinnt den Ralf-Dahrendorf-Preis 2021

Stefan Ammann

Von Stefan Ammann

Di, 12. Oktober 2021 um 19:18 Uhr

Freiburg

Nachforschen, nachhaken, nachfragen und immer die größeren Zusammenhänge im Blick: Das zeichnet die Gewinner des Dahrendorf-Preises für Lokaljournalismus aus. Er wurde im Museum der Badischen Zeitung in Freiburg verliehen.

Diese Journalisten haben genau hingesehen, akribisch recherchiert, geduldig Fakten zusammengetragen und Zusammenhänge aufgezeigt. Sie haben sich in herausragender Weise um die Transparenz in der Demokratie verdient gemacht. Dafür sind sie am Dienstagabend im Museum der Badischen Zeitung in Freiburg ausgezeichnet worden. Das sind die Preisträger und ihre Werke:

1. Preis: Ein Investor kauft Bahnhöfe und vernachlässigt sie dann

Ausgezeichnet
Eike Lenz von der Main-Post

Das Thema
"Wir verstehen Bahnhof", behauptet eine Investitionsgesellschaft selbstbewusst. Sie kauft in ganz Deutschland Bahnhofsgebäude, deren Betrieb sich für die Bahn nicht mehr rentiert – darunter auch den im fränkischen Kitzingen. Das altersschwache Gebäude wollen die Investoren wieder aus dem "Dornröschenschlaf" reißen. Doch den vollmundigen Versprechungen folgen keine Taten. Bei umfangreichen Recherchen in der ganzen Republik kommt ans Licht, dass die Gesellschaft an etwa 40 Standorten Hoffnungen geweckt, diese aber an keinem einzigen eingelöst hat.



Laudatio
"Wie Eike Lenz nach und nach akribisch Fakten zusammenträgt, wie er nachforscht, nachhakt, nachfragt – das gehört in jedes Lehrbuch journalistischer Recherche", sagte Werner D’Inka, ehemaliger Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Lenz’ klarem Blick für Zusammenhänge sei es zu verdanken, dass er Strukturen zutage förderte, wo vieles zunächst nach Einzelfällen aussah.
Der erste Preis ist mit 5000 Euro dotiert.
Ralf-Dahrendorf-Preis

"Alle politischen Entwürfe sind der verbindlichen Kritik der Bürger unterworfen." Die Forderung erhob Ralf Dahrendorf bereits 1968, sie hat nichts  an Richtigkeit verloren. Aber wie steht es mit der Realität? Die Digitalisierung des Alltags schafft auf der einen Seite eine nie gekannte Informationsvielfalt. Aber die schiere Fülle der jederzeit verfügbaren Informationen befördert  noch lange nicht die Transparenz. Hier setzt der Ralf-Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus an. Ausgezeichnet werden kritische und engagierte Journalisten, die Informationen beschaffen, einordnen und bewerten, die sich für möglichst viel Öffentlichkeit und Transparenz einsetzen und so mithelfen, die Demokratie vor Ort zu sichern und zu verteidigen.
Gestiftet wird der Preis von der Badischen Zeitung. Ralf Dahrendorf war bis zu seinem Tode Berater der Badischen Zeitung und Herausgebern und Verlegern freundschaftlich verbunden. Schirmherrin des Preises ist die Witwe des Sozialwissenschaftlers, Lady Christiane Dahrendorf.

2. Preis: Lokalpolitiker werden eingeschüchtert und bedroht

Ausgezeichnet
Benjamin Schmidt von der Freien Presse Chemnitz und Alexander Roth vom Zeitungsverlag Waiblingen (Preis wird doppelt vergeben)

Das Thema
Drohbriefe, Pöbeleien und Hetze im Netz: Die Preisträger lassen Kommunalpolitiker zu Wort kommen, die den "Terror im Lokalen" erlebt haben. "Die Hemmschwelle scheint zu sinken", sagt der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky. Die Chemnitzer Stadträtin und Landtagsabgeordnete Kathleen Kuhfuß erzählt, wie sie Rechtsextreme während einer Wahlkampfveranstaltung anschreien und ihr drohen, wie sie vergewaltigt werden soll. Andere sprechen nur anonym – aus Angst vor noch mehr Hass und Drohungen.



Laudatio
Betroffene von Bedrohungen und Beleidigungen sollten unbedingt an die Öffentlichkeit gehen. Nur dann können sie hoffen, Solidarität zu erfahren, sagte Annette Hillebrand, ehemalige Leiterin der Akademie für Publizistik in Hamburg. Die beiden Preisträger hätten dazu die notwendige Vor- und Mitarbeit geleistet. "Das war und ist nicht nur ehrenvoll. Das ist Journalismus at its best."

Der zweite Preis ist jeweils mit 3000 Euro dotiert.


Aus der Festrede

" Es ist die Aufgabe von uns Medien, die Menschen in ihrem Informationsbedürfnis dort abzuholen, wo sie sich aufhalten: in ihren konkreten Lebenswelten, geprägt von lokalen Bezügen, aber angesichts hoher Mobilität und Digitalisierung zugleich weitläufig und offen, dann wieder gerade ob dieser Offenheit sorgsam bedacht auf Identität und heimatliche Verwurzelung. Einfach ist das nicht. Aber jede Mühe wert. Und durchaus aussichtsreich, wenn Redaktionen hart an sich arbeiten – und ihnen die Verlage die Möglichkeiten dazu geben."

Thomas Fricker, Chefredakteur der Badischen Zeitung



3. Preis: Ein Bürgermeister gleitet in die Querdenkerszene ab

Ausgezeichnet
Sven Wagner von der Südthüringer Zeitung

Das Thema
Ein ehrenamtlicher Bürgermeister einer kleinen Gemeinde gleitet in die Querdenkerszene ab. Er besucht eine Demonstration. Anschließend negiert er in einem Rundschreiben für sein Dorf die dort zahlreich dokumentierten rechtsextremen Umtriebe und ruft zum Medienboykott auf. Auf dem Messenger-Dienst Telegram verbreitet er mutmaßlich Verschwörungsmythen und menschenverachtende Beiträge. Die Kommunalaufsicht enthebt den Bürgermeister vorläufig seines Amtes. Für die Geschichte hat Wagner ein halbes Jahr lang teilweise investigativ recherchiert und den Telegram-Kanal ausgewertet.

Laudatio
"Hier bringt ein Journalist quasi ein aktuelles Sittengemälde unserer Republik zu Papier – ohne zu verurteilen", sagte Berthold Hamelmann, stellvertretender Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung. Es sei ein unerhörter Vorgang von hoher öffentlicher Relevanz, den Wagner exklusiv aufgedeckt habe. Bei der Spurensuche habe er sich nicht im Labyrinth von Informationsschnipseln verirrt.

Der dritte Preis ist mit 2000 Euro dotiert.

Lob der Jury: Viele städtische Bäume in Karlsruhe sind ungeeignet

Ausgezeichnet
Simon Haas, Datenjournalist für die Badischen Neuesten Nachrichten

Das Thema
Eine Geschichte über Bäume? Langweilig – dachten zuerst sogar die Kollegen. Aber der Datenjournalist Simon Haas lässt sich nicht beirren. Er recherchiert, – auch gegen den Widerstand der Karlsruher Stadtverwaltung – und trägt akribisch Daten und Zahlen zusammen. Am Ende der Recherche stehen eine digitale Karte und die Erkenntnis, dass viele der 77.000 Straßenbäume in Karlsruhe keine Zukunft haben, weil sie für ihren Standort ungeeignet sind. Einige – mit bis zu 20 Zentimeter langen Dornen – sind sogar regelrecht gefährlich.

Laudatio
"Der Autor vereint eine Tugend, die uns Zeitungsmacher schon immer auszeichnete mit einer, die wir erst in der jüngsten Zeit lernen mussten: Die erst genannte ist Hartnäckigkeit und die zweite Technikaffinität", lobte Ulrike Trampus, Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung. Haas habe den größeren Zusammenhang erkannt und sei an dem Thema auch gegen Widerstände drangeblieben.
Das Lob der Jury ist nicht dotiert.
Erfahrene Journalisten

Die Jury des Ralf-Dahrendorf-Preises besteht  aus sechs Journalistinnen und Journalisten. Dieses Jahr beschäftigte sich das Gremium mit rund 50 Einsendungen. Zur Jury gehören:

Annette Hillebrand
Dozentin und Autorin, ehemalige Direktorin der Akademie für Publizistik in Hamburg
Ulrike Trampus
Chefredakteurin der Ludwigsburger Kreiszeitung
Werner D’Inka
ehemaliger Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Dr. Berthold Hamelmann
Stellvertreter des Chefredakteurs der Neuen Osnabrücker Zeitung
Thomas Fricker
Chefredakteur der Badischen Zeitung
Holger Knöferl
stellvertretender Chefredakteur der Badischen Zeitung