Nach Anschlag in Halle

"Sag nicht, dass du Jude bist": Beispiele für Antisemitismus in Südbaden

Annemarie Rösch, Stefan Hupka

Von Annemarie Rösch & Stefan Hupka

Mi, 16. Oktober 2019 um 20:12 Uhr

Südwest

BZ-Plus Regelmäßige Drohbriefe, Beschimpfungen, Angriffe – auch in Südbaden zeigt sich die Fratze des Antisemitismus. Doch die jüdischen Gemeinden wollen sich nicht einschüchtern lassen.

Zwei Polizisten stehen, wo sonst nie welche standen: vor der Synagoge in Lörrach, die 2008 eingeweiht wurde. Sie tragen Maschinenpistolen. Auf einer Bank vor dem jüdischen Versammlungshaus stehen Kerzen neben welken Sonnenblumen. Sie erinnern an die Tat von Halle. Zwei Menschen wurden dort am 9. Oktober erschossen: eine Frau vor der Synagoge, ein Mann in einem Dönerimbiss.

Eigentlich wollte der Täter, sagen die Ermittler, ein Massaker unter den zum Feiertag Jom Kippur versammelten Juden anrichten. Doch es gelang ihm nicht, in das Gebäude einzudringen. Zwei Stunden nach der Tat standen die ersten Polizisten in Lörrach vor der Synagogentür. "Es gibt die Angst vor Trittbrettfahrern", sagt einer der Beamten. Bis auf weiteres wird die Polizei das würfelförmige Gebäude bewachen, das Davidsterne aus Metall und gelbem Glas zieren.

"Meine achtjährige Nichte hat mich heute gefragt, warum Polizisten vor der Tür sind." Rachel Scheinker Drinnen fegt Landesrabbiner Moshe Flomenmann den Boden. Kinder springen umher, auch sein kleiner Sohn, der eine rote Krone trägt. "Hast du geholfen, die Sukka zu verzieren?", fragt Gemeindemitglied Rachel Scheinker (57). Die Sukka ist eine der Hütten, die Juden zum achttägigen Laubhüttenfest errichten. Der Kleine nickt. "Es ist ein fröhliches Fest", sagt der Rabbiner. Im Ursprung war es ein Erntefest. Heute erinnern die Juden daran, dass sie bei ihrem Weg durch die Wüste in einfachen Hütten lebten.

"Meine achtjährige Nichte hat mich heute gefragt, warum Polizisten vor der Tür sind", erzählt Rachel Scheinker. "Ich habe ihr erklärt, dass es manchmal böse Menschen gibt, sie aber keine Angst haben muss." Die Nichte habe sie nur angeschaut und nichts gesagt. Der Vater des Kindes war am Tag des Anschlags auf dem Weg nach Halle in die Synagoge. Er hat dort Freunde.

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