Proteste von Meeresbiologen

Shell will vor Südafrikas Küste mit Kanonen nach Erdöl suchen

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Di, 07. Dezember 2021 um 19:30 Uhr

Wirtschaft

Shell will vor Südafrikas Küste mittels Schall Ölfelder erkunden / Meeresbiologen protestieren

Schon lange vermuten Geologen, dass sich vor der Küste Südafrikas Erdöl- oder Erdgasfelder befinden. Nun will die Firma Shell Gewissheit: Mit Geräuschimpulsen soll der Meeresboden untersucht werden. Doch an der Küste regt sich Widerstand, Meeresbiologen fürchten Schäden für die Tierwelt.

Alle zehn Sekunden werden Schallwellen in den Boden gefeuert

Hunderte Demonstrierende stehen am Kai bereit, sodass der 130 Meter lange Kutter lieber außerhalb des Kapstadter Hafens vor Anker geht. Die "Amazon Warrier" soll in den nächsten fünf Monaten Schallkanonen durch die Gewässer vor der südafrikanischen Wild Coast ziehen, die mit 220 Dezibel starken Geräuschimpulsen den Meeresboden beschießen. Bei dieser seismischen Erkundung werden alle zehn Sekunden Schallwellen bis zu 40 Kilometer tief in den Meeresboden gefeuert. Auf diese Weise will der Shell-Konzern feststellen, ob sich dort Erdöl- oder Erdgasfelder befinden.

Am Kap der Guten Hoffnung hat der Plan des holländisch-britischen Mineralölkonzerns eine Welle der Entrüstung ausgelöst: Hunderte von Umweltaktivisten versammeln sich fast täglich an den Stränden, rufen zum Boykott von Shell-Tankstellen auf oder zeigen im Netz Bilder gestrandeter Wale, die der Beschallung andernorts zum Opfer gefallen sein sollen.

Doch einen Eilantrag, die Studie zu stoppen, wies das Landgericht in Makhanda ab: Shell verfüge über alle Genehmigungen. Eine Gefährdung des Vorhabens, in das der Konzern bereits Millionen Dollar investierte, sei unzumutbar. Ein "irreparabler Schaden" für die Tierwelt sei "höchst spekulativ". Die Methode sei sicher und bewährt, argumentierten die Anwälte von Shell. Falls ein zweites Gericht, dessen Urteil am 14. Dezember erwartet wird, dies ähnlich sieht, kann der Lärm beginnen.

Langfristige Folgen für die Tierwelt werden befürchtet

Führende südafrikanische Meeresbiologen fordern in einem offenen Brief an Staatspräsident Cyril Ramaphosa einen Lärmstopp. Die Methode habe "unmittelbare wie langfristige und nicht wiedergutzumachende Folgen" für das Leben zahlreicher Meerestiere. Auswirkungen werden vor allem für die vielen Walarten befürchtet. Meeressäugetiere wie Wale und Delfine, die sich mittels Schallwellen unterhalten, werden von der Geräuschkulisse besonders belästigt, sagen Fachleute und Umweltorganisationen wie Greenpeace. Aber auch Pinguine, Fische wie Steinbrassen und sogar Plankton sollen von den Schallwellen verstört und vertrieben werden. Letztere könnten dem Beschuss sogar zum Opfer fallen, heißt es.

Die Gewinne aus der Förderung fossiler Brennstoffe würden von den ökologischen Gefahren bei Weitem aufgewogen, sagt Judy Mann von der südafrikanischen Vereinigung für meeresbiologische Forschung: vor allem vor der Wild Coast mit ihren vier Schutzgebieten und ihren unberechenbaren Meeresströmungen. Eine Horrorvision für Mann, falls dort tatsächlich Erdöl gefunden wird: "Jede Ölpest hätte katastrophale Folgen."

Die Genehmigung für die Erkundung wurde vor sieben Jahren erteilt – und zwar nicht (wie heute erforderlich) vom Umweltministerium, sondern vom Ministerium für Bodenschätze. Südafrikas Regierung hofft schon seit Jahren auf fossile Brennstoffvorkommen im Indischen Ozean. Dass Pretoria nun den Stecker zieht, ist unwahrscheinlich.

Dabei hat sich Südafrikas Regierung gerade in Glasgow zum Rückzug aus der Kohle verpflichtet – während Shell von einem holländischen Gericht zu einer Halbierung seiner Kohlenstoffbilanz in diesem Jahrzehnt verdonnert wurde.