Sinnbild der Enthemmung

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 22. September 2019

Theater

Der Sonntag Christina Tscharyiski sieht in Kasimir und Karoline eine Gesellschaft auf der Kippe.

Mit einer Inszenierung Christina Tscharyiskis von "Kasimir und Karoline" wird am nächsten Sonntag auch im Schauspiel die neue Spielzeit des Freiburger Theaters eröffnet. Tscharyiski ist Wienerin, wo Ödön von Horváth zeitweilig lebte und wo er viele seine Stücke verortet. "Kasimir und Karoline" spielt jedoch in München.

Für Christina Tscharyiski ist das Theater Freiburg ein besonderer Ort. In Wien, wo sie 1988 geboren wurde und auch lebt, wäre sie nie auf Schauspieler gestoßen, die keine Erfahrung mit Stücken Ödön von Horváth haben. Doch auch jenseits von Wien ist das ein bisschen überraschend, denn sein Drama "Kasimir und Karoline" war etwa in der Region schon öfter zu sehen. 2014 am Theater Basel und auch 2007 in Freiburg. Sei’s drum. In Österreich, so erzählt die junge Regisseurin, habe sie sich sehr bemühen müssen, diesen besonderen Horváth-Ton aus dem Ensemble zu bekommen. Helmut Qualtinger, Hans Moser, viele große österreichischen Bühnendarsteller, haben Figuren von Ödön von Horváth gespielt.

Und der Ton dieses Dramas gibt den Ausschlag. Obgleich von Horváth "Kasimir und Karoline" ein Volksstück nennt, wird kein Dialekt, sondern eine Kunstsprache geredet. "Es ist die Stille, die den Rhythmus vorgibt. Die Sätze sind sehr groß, sie transportieren Welten", sagt Tscharyiski. Und dann ist da noch die ungeheure Schnelligkeit. Was von Horváth anscheinend so naturalistisch beschreibt, war für seine Zeit sehr modern, analysiert die Regisseurin. Und dann sei das Stück noch sehr filmisch aufgebaut, alles findet gleichzeitig statt, man sieht geradezu die Kameraschwenks vor sich.

Tatsächlich nimmt die Handlung in dem 1932 uraufgeführten Stück nur einen Abend des Weltwirtschaftskrisenjahrs 1929 ein. Viel passiert ja auch nicht: Karoline und Kasimir sind eigentlich für das Oktoberfest verabredet, doch er hat gerade seinen Job als Chauffeur verloren, sie will sich amüsieren. In dieser Nacht werden sie sich trennen. Keine große Sache, so etwas passiert. Doch von Horváth fährt in seinem Stückpersonal all jene auf, die den Faschismus unterstützen und von ihm profitieren werden, die, die kriminell werden und die, die sich immer irgendwie durchschlagen werden müssen.

Die Frauen jedoch, so sagt Christina Tscharyiski, können sich "bis zur Erschöpfung aufbäumen und geraten dann doch unter die Mühle". Von Horváth gelingt es, ein Zeitpanorama einer Gesellschaft zu entwerfen, die sich auf der Kippe befindet, die kurz vor einer Radikalisierung steht. Das Oktoberfest ist Ort und zugleich Sinnbild dieser Enthemmung. Die Gesetze der Zwischenmenschlichkeit sind außer Kraft gesetzt, die körperliche Nähe ist größer, man flirtet, man schlägt sich und alles wird durch den Alkohol befördert.

"Subversive Kraft"

Sind Volksstücke eigentlich immer politisch? "Im Idealfall schon", sagt die Regisseurin, "Volkstheater besitzt eine subversive Kraft." Christina Tscharyiski ist, was ihre Ausbildung betrifft, zweigleisig gefahren. Sie studierte in Wien Theater- Film- und Medienwissenschaften sowie Soziologie und arbeitete parallel an so gut wie allen Theatern Wiens als Regieassistentin. Im letzten Jahr machte ihre Inszenierung von Stefanie Sargnagels Stück "Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" beim Münchner Festival "Radikal jung" Furore, sie gewann den Publikumspreis. Die Autorin Sargnagel ist auf ihre Weise vielleicht auch eine Volkstheaterautorin.

Im nächsten Frühjahr wird Tscharyiski von Sibylle Berg "In den Gärten oder Lysistrata. Teil 2" am Badischen Staatstheater Karlsruhe inszenieren, das im November am Theater Basel uraufgeführt wird. Ihre Karriere nimmt Fahrt auf. Auch in Freiburg wird sich das zeigen, was sich als ihre Handschrift herausbilden könnte: der Einsatz von Musik. So wird nicht nur ein 25 Mann starker Chor auftreten, für Christina Tscharyiski steht er für das Patriarchat und für jene, die die Macht haben, sondern auch der Berliner Punkmusiker Rummelsnuff, der unter anderem Arbeiterhymnen in seinem Programm hat.
Kasimir und Karoline, Premiere am Sonntag, 29. September, 19 Uhr, Theater Freiburg, Kleines Haus, weitere Vorstellungen: 5., 20. und 29. Oktober, Karteninfos unter 0761 / 496 88 88.