Rockgeschichte

So war’s bei... den Toten Hosen 1990 in Emmendingen

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Mo, 17. August 2015 um 16:24 Uhr

Emmendingen

Am 18. August 1990, vor genau 25 Jahren, spielten die Toten Hosen im Emmendinger Elzstadion – vor 9000 Zuschauern. Wir haben mit fünf Leuten gesprochen, die dabei waren.

Der Polizist

Ich war damals Leiter des Rauschgiftdezernates bei der Kripo Emmendingen, das Konzert war mein erstes größeres Open-Air in Emmendingen. So, wie ich es in Erinnerung habe, war es ein geordneter Polizeieinsatz. Die Toten Hosen, das muss ich ehrlich sagen, hatten bei der polizeilichen Bewertung damals kein positives Image – gerade bei den Herrschaften, die diese Bewertung vorgenommen haben. Da sind zwei Welten aufeinandergetroffen. Dazu kam vielleicht noch eine gewisse Unsicherheit: Man wusste im Vorfeld einfach nicht, was für Leute so ein Konzert anzieht. Ich hatte gemeinsam mit einer Kollegin den Auftrag, das Umfeld des Elzstadions zu überwachen. Wir waren in Zivil unterwegs, ich hatte Jeans und T-Shirt an und deutlich längere Haare als heute. Unser Auftrag: Gucken, ob es Störungen gibt und ob sich verdächtige Leute herumtreiben – das lief damals so.

Besondere Vorfälle sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Ich weiß aber, dass die Zufahrtswege zum Elzstadion nahezu komplett zugeparkt waren. Einer meiner Vorgesetzten hatte die Befürchtung, dass aufgepeitschte Fans nach dem Konzert die Autos beschädigen. Dann hatte er eine Idee: Er hat mir die Anweisung erteilt, 15 Minuten vor dem Ende des Konzertes auf die Bühne zu gehen und die Leute aufzufordern, die Veranstaltung früher zu verlassen und ihre Autos umzuparken. Ich habe das für völlig unsinnig gehalten – und solange mit ihm diskutiert, bis das Konzert zu Ende war. Meiner Erinnerung nach wurde kein einziges Auto beschädigt. Es war übrigens ein tolles Konzert, ich habe die Hosen damals schon gemocht. Heute gefallen sie mir noch besser. Sie sind ein bisschen...nennen wir es: domestizierter. Man kann sie auch textlich besser hören.
Hans-Joachim Meyer (57) lebt in Bahlingen und leitet das Polizeirevier Emmendingen.

Der Organisator

Ich war zweiter Vorstand beim FC Emmendingen. Das Konzertbüro Konstanz hat sich bei uns gemeldet, die suchten ein Konzertgelände und sind bei uns hängengeblieben. Wir haben es als Chance gesehen, haben uns aber auch gefragt, wie unser Rasen hinterher aussieht. Wir haben uns dann für das Konzert entschieden, ein Verein braucht immer Geld. Es war viel Arbeit, es waren sicher 100 Leute im Einsatz – wir haben bewirtet, abgesperrt, Parkplätze in Wasser, Mundingen und Köndringen ausgewiesen. Ich hatte an dem Abend ein Funkgerät und war in einem relativ kleinen Bereich hinter der Bühne unterwegs, als Bindeglied zwischen Verein, Veranstalter und Polizei. Es war positiver Stress. Die Künstlergarderobe war im Clubheim untergebracht. Welche Sonderwünsche die Toten Hosen hatten, weiß ich nicht – aber für Status Quo mussten Whiskey oder Wodka bereit stehen. Die Stimmung war super, die haben alle eine richtig gute Show abgezogen. Campino ist am Schluss dann eine Box hochgeklettert, bis unters Bühnendach, der war recht sportlich. Er ist runtergesprungen – und hat sich verletzt. Ich habe ihn hinterher darauf angesprochen und gesagt: Das war ja ganz schön waghalsig. Er meinte: Das ist nichts. Ich sagte: Du hast Nasenbluten. Er antwortete nur: Vergiss es.
Lothar Winterle ist 60, Emmendinger und arbeitet bei der Stadtverwaltung.

Der Helfer

Mein Vater war beim FCE immer schwer tätig, durch ihn bin ich in den Backstagebereich gekommen. Ich habe Kisten geschleppt, bei kleineren Arbeiten geholfen, aufgeräumt und vorher noch Leute in ihre Parkplätze eingewiesen. Das Hosen-Konzert konnte ich mir trotzdem genüsslich anschauen. Es war fantastisch. Ich bin schon lange Tote-Hosen-Fan, ich habe alle CDs – heute sind sie mir fast schon zu kommerziell. Es war mein erstes Konzert, es war richtig stark. Ich gehe heute noch, wenn sie in der Nähe spielen. Danach bin ich mit meiner Backstagekarte wieder hinter die Bühne. Kuddel, der Gitarrist, hat eine Riesenportion Pommes gegessen. Campino ist beim Konzert von einer Box gesprungen. Er hat sich verletzt, saß mit blutender Nase da. Ich durfte ein Foto mit ihm machen, das war eine geniale Sache. Wir haben kurz geredet, ich habe ihm gesagt, dass ich die Hosen klasse finde. Er sagte, das freut ihn, normaler Smalltalk halt. Auf das Foto bin ich heute noch stolz.
Markus Hepp (46) lebt in Riegel und ist Industriekaufmann.

Der Fan

Ich war 16 und musste meine Eltern überreden, mich aufs Konzert gehen zu lassen. Als die Hosen ein Jahr vorher in Freiburg waren, durfte ich nicht. Ich hatte damals gerade mein erstes Lehrjahr abgeschlossen und konnte mit einer guten Jahresleistung argumentieren. Das hat funktioniert – und ich hatte jemanden, der mich nach Emmendingen fährt. Ich war und bin ziemlicher Tote-Hosen-Fan, das Konzert in Emmendingen war mein erstes. Es war bombastisch. Ich stand die ganze Zeit in der ersten Reihe – und musste meinen Platz die ganze Zeit verteidigen. Die Eintrittskarte habe ich immer noch, die war danach klatschnass. Es war ein heißer Tag. Ein paar Leute sind wegen Hitze und Dehydration zusammengebrochen, aber nicht mehr als bei anderen Konzerten. Campino ist eine Traverse hochgeklettert und runtergefallen, er hat sich verletzt und ziemlich stark geblutet – ich fand es beeindruckend, dass er trotzdem weitergemacht hat. Das Konzert war nicht mein letztes: Wenn ich alles zusammenpuzzle, habe ich die Hosen zwischen 77 und 79 mal gesehen – es war aber definitiv einer der besten Auftritte.
Willi Wehrle (41) lebt in Bleibach und arbeitet als Bauleiter.

Der ViP-Gast

Die Hosen, das waren ja junge Typen damals. Wir kannten uns, die haben ab und zu mal den Song "Halbstark" gecovert, den ich 1960 geschrieben habe. Die wussten, dass ich in Emmendingen wohne – und haben mich in den Backstage-Bereich eingeladen, als VIP-Gast. In einer Pause habe ich mit Campino ein paar Bier getrunken. Und weil viele Emmendinger wussten, dass ich ihn kenne, haben mir die Autogrammjäger T-Shirts in die Hand gedrückt – ich bin hin und her gelaufen. Beim Konzert ist Campino hingeflogen, er hat geblutet, aber das war ihm egal. Das gehörte für ihn zum Punksein dazu. So, wie andere halt ihre Ratten hatten. Die haben all das gemacht, was man nicht machen sollte. Nach dem Konzert kam er zu mir und sagt: Mein Gott, Frankie, ich hab ganz vergessen, dich auf die Bühne zu holen und mit dir "Halbstark" zu singen. Ich hab nur gesagt: Campino, das ist überhaupt nicht schlimm.
Frank Bartelt (72) lebt in Emmendingen. Der Ex-Musiker schrieb den Yankees-Hit "Halbstark".

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