Landwirtschaft

Spargelbauern setzen auf Naturschutz – und das zahlt sich aus

Hannah Fedricks Zelaya

Von Hannah Fedricks Zelaya

Di, 23. April 2019 um 13:45 Uhr

Südwest

Sind die lange praktizierten Grabenkämpfe passé? Landwirte und Naturschützer bringen im Südwesten ein gemeinsames Pilotprojekt auf den Weg und kämpfen Hand in Hand gegen das Insektensterben.

Blühwiesen neben Erdbeerreihen und Totholzhaufen neben dem Spargelfeld: Der Landesverband des Naturschutzbunds (Nabu) und der Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) setzen in einem gemeinsamen Pilotprojekt auf Zusammenarbeit statt Grabenkämpfe. Wenn die Landwirte bestimmte Vorschläge zum Naturschutz realisieren, dürfen sie mit dem Logo des Nabu werben. Drei Betriebe in Baden-Württemberg haben den Anfang gemacht.

25 Nistkästen für Singvögel auf Iffezheimer Spargel- und Erdbeerhof

Joachim Huber baut mit seiner Familie auf rund 20 Hektar Spargel und auf 25 Hektar Erdbeeren an. Für ihn ist der Vogel- und Insektenschutz auch Selbstschutz. "Der Erhalt der Nutztiere ist doch in unserem Interesse. Und zu den Nutztieren zähle ich viele Insekten- und Vogelarten, die Schädlinge fressen; eigentlich alles bis zum Regenwurm", sagt Huber bei der Vorstellung des Projekts auf seinem Hof in Iffezheim. Auf seinem Land hat er 25 Nistkästen für Singvögel aufgehängt, Sitzstangen für Greifvögel aufgestellt, mannshohe Totholzhaufen angelegt, die Zwischenräume der Erdbeer- und Spargelreihen begrünt und insgesamt fünf Hektar Blühstreifen ausgesät.

Alle Punkte sind Teil eines Vorschlagkatalogs, den der VSSE und der Nabu vorab gemeinsam ausgearbeitet haben. "Als der Verband nachgefragt hat, wer an einer Zusammenarbeit mit dem Nabu interessiert sei, war für uns klar, das machen wir", sagt Huber. Für ihn sei es ein logischer Schritt in Richtung Zukunft. "Naturschutz wird auch in der Landwirtschaft immer wichtiger werden", ist er sich sicher. Und gerade als Direktvermarkter sei es für ihn besonders wichtig, glaubwürdig gegenüber den Verbrauchern zu sein. "Das sichert meine Existenz. Deswegen muss ich mich der Diskussion stellen, so wie alle Direktvermarkter", sagt Huber. Immer häufiger höre er von Kunden kritische Fragen, besonders zum Einsatz von Plastikfolien.

"Viele Folien zerreißen mit der Zeit und gelangen als Plastikreste in den Boden." Gottfried May-Stürmer
Die seien unverzichtbar, gibt er zu. "Sonst wären wir einfach nicht wettbewerbsfähig." Es sei aber selbstverständlich, die Folien über zertifizierte Unternehmen zu entsorgen – auch das ist eine der Maßnahmen aus dem Vorschlagkatalog. Er weist außerdem darauf hin, dass er in den Erdbeertunneln mit Nützlingen arbeite und so kaum Pflanzenschutzmittel brauche. Gottfried May-Stürmer, Referent für Landwirtschaft des BUND Baden-Württemberg, bestätigt das, wendet aber ein: "Viele Folien zerreißen mit der Zeit und gelangen als Plastikreste in den Boden." Außerdem seien die abgedeckten Flächen für Feldvögel wertlos.

Artenvielfalt soll erhöht werden

Blühstreifen und Totholzhaufen sieht er als guten Weg zur Erhöhung der Artenvielfalt: "Es gibt von der Bodensee-Stiftung Untersuchungen mit positivem Ergebnis." Die Frage, ob Blühstreifen zwischen mit Pestiziden behandelten Flächen sogenannte Fallen-Biotope darstellen können, indem sie Insekten anziehen, die dann durch Abdrift vergiftet werden, werde kontrovers diskutiert. "Nach meinem Kenntnisstand ist sie bisher weder bewiesen noch widerlegt." Auf jeden Fall gelte für Blühstreifen "Je breiter desto besser".

Auch Rolf Enderle ist mit seinem Familienbetrieb in Durmersheim einer der Teilnehmer des Pilotprojekts. Er bewirtschaftet unter anderem rund 15 Hektar mit Erdbeeren und hat positive Erfahrungen mit Blühstreifen entlang der Erdbeerfelder gemacht. "Damit eine Erdbeere optimal befruchtet ist, muss sie rund 15 Mal von einer Biene angeflogen werden", erklärt Enderle. Windbestäubung sei lange nicht so effektiv. Werden die Beeren nicht richtig bestäubt, wachsen verkümmerte oder deformierte Früchte heran. Blühstreifen ziehen Bienen an, genauso wie andere Insekten, zum Beispiel Schwebfliegen, die Schädlinge fressen. "Natürlich ist das mehr Arbeit für uns, aber der Einsatz lohnt sich. Das ist jedoch nicht jedem Landwirt bewusst", sagt Enderle. Er wünsche sich, dass mehr Landwirte in Zusammenhängen denken.

"Viele Landwirte beobachten das Insektensterben seit Jahren, aber es wurde bisher kaum etwas dagegen getan." Jochen Goedecke
Ein Wunsch, den Jochen Goedecke, Referent für Landwirtschaft des Nabus Baden-Württemberg, teilt. Er organisiert die Zusammenarbeit mit dem VSSE und sieht die Entwicklung verhalten positiv. "Viele Landwirte beobachten das Insektensterben seit Jahren, aber es wurde bisher kaum etwas dagegen getan." Eine gewisse Ungeduld kann Goedecke nicht bestreiten: "Im Grunde genommen sind die Maßnahmen ja relativ banal." Das neue Projekt bewege aber immerhin etwas. "Es geht uns nicht um Schuldzuweisung und Grabenkämpfe, sondern um Dialog zwischen Naturschutz und Landwirtschaft", sagt Goedecke. Er wünscht sich, dass auch die Politik ihren Beitrag dazu leistet und Agrarsubventionen künftig stärker an Naturschutzmaßnahmen koppelt.

Weitere Landwirte sollen in den kommenden Jahren in das Projekt einsteigen. "Viele haben Interesse bekundet, wollen aber abwarten, wie die Bilanz der Pilotbetriebe ist", erklärt Schumacher. Goedecke hofft auf bis zu 50 Landwirte innerhalb der nächsten fünf Jahre. "Und dann ist unser Ziel natürlich, das Projekt auch in andere Bundesländer zu tragen."
Verhaltener Saisonstart

Die Spargelsaison hat 2019 früh begonnen, es wird schon seit einigen Wochen geerntet. Grund dafür waren laut Simon Schumacher, dem Geschäftsführer des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE), der trockene Herbst und der kalte Winter: "Dadurch haben die Spargelstangen Power und Geschmack." Wegen des stürmischen Wetters sei die Nachfrage zu Beginn aber gering gewesen. "Die Leute brauchen Sonne und Wärme, damit sie Lust auf Spargel bekommen", sagt Schumacher. Daher seien die Preise relativ niedrig gewesen. Die Kälteperiode mit geringerer Ernte und die steigende Nachfrage haben die Preise inzwischen relativiert.